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"Ich war schon neidisch"

Fast unglaublich: Auch mit ihrem dritten Album bleiben Vampire Weekend die Richtigmacher des Indierock. Ein Gespräch mit Sänger Ezra Koenig über erfolglose Nachahmer - und seinen Neid auf die Banker-Jobs seiner Klassenkameraden.
steffen-rueth

jetzt.de: Ezra, ihr habt 2006 eure Band gegründet, kurze Zeit später übernahmen die Vampire in der Popkultur quasi die Weltherrschaft, plötzlich gab es "Twilight", "True Blood" und vieles mehr.
Ezra Koenig: Ich weiß bis heute nicht, ob das gut oder schlecht für uns war. So clever, dass wir die Vampirwelle vorhergesehen hätten, waren wir damals nicht, das ist natürlich ein totaler Zufall gewesen. Wir wollten uns auch nie mit Dracula, Edward, Bella, und wie sie alle heißen, assoziieren. Jedenfalls will ich nicht ausschließen, dass wir vom Vampirtrend profitiert haben, hoffe dennoch sehr, dass jeder beim Namen Vampire Weekend sofort an uns denkt, ohne verwirrt zu sein.

Jetzt habt ihr die Vampire sogar im Albumtitel. Wofür steht "Modern Vampires of the City"?
Mit der City ist natürlich New York gemeint, Manhattan ist also nicht von ungefähr auf dem Cover. Und die Vampire sind wir alle. Viele denken, wir würden uns auf Banker oder Politiker beziehen, aber das wäre uns zu einfach und zu pauschal. Ich denke, es gibt eine Tendenz für Selbstsüchtigkeit und Gier in allen von uns, und das wollten wir mit dem Titel ausdrücken.

  • 970112

Chris Baio, Rostam Batmanglij, Ezra Koenig und Chris Tomson von Vampire Weekend.

Du hast an der elitären Columbia University studiert. Hättest du dir vorstellen können, jeden Tag Anzug zu tragen und Karriere an der Wall Street zu machen?
Den Anzug hätte ich mir vorstellen können, ich habe Englisch und Literatur studiert und nach der Uni kurz als Lehrer gearbeitet. Aber Wall Street? Nein. So ein Job würde mich kaputt und kokainsüchtig machen. Andererseits: Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, so ein Leben hätte mich nicht fasziniert. Ich war schon neidisch auf die Kommilitonen, die damals die coolen Jobs bekamen. Viele aus meinem Jahrgang fingen damals bei Lehman Brothers an (lacht).

Dann hast du ja Glück gehabt, Lehman war wenig später bankrott.
Ja sicher, nur konnte sich das 2006, 2007 niemand vorstellen. Plötzlich hörst du von Leuten, mit denen du eben noch zusammen im Kurs saßest, was die für irrsinnige Antrittsprämien für ihren ersten Job bekommen. Ich war neidisch und fühlte mich unter Druck, so nach dem Motto "Was habe ich falsch gemacht?". Mir ging es eine Weile nicht besonders gut, ich fühlte mich als Loser. Zum Glück bin ich trotzdem meinem Instinkt gefolgt und habe mich ganz auf die Musik konzentriert.

Euer vorheriges Album "Contra" schaffte es auf Platz eins der US-Charts. Wahrscheinlich sind viele jetzt neidisch auf dich.
Möglich. Das mit dem Erfolg fühlt sich gut an, es ist eine große Sache für mich, für die ganze Band. Man fürchtet ja immer, nach einem beliebten Debüt könnte das zweite Album scheitern. Seit das Gegenteil passiert ist, sind wir ein Teil unseres Erfolgsdrucks los und auch ein bisschen stolz.

Ihr habt die neuen Lieder teilweise auf der mondänen Ferieninsel Martha’s Vineyard geschrieben. Also alles ganz entspannt jetzt?
Wir waren im Winter auf der Insel, weil wir dort unsere Ruhe hatten. Einfach ist das Komponieren und Musikmachen für uns nie. Wir sind emotionale Jungs, nie zufrieden und ewig am Debattieren und Diskutieren. Dass wir alle vier hundertprozentig begeistert von einem Song sein müssen, damit er aufs Album kommt, beschleunigt die Arbeit natürlich auch nicht.

http://vimeo.com/62777463 Das Video zu "Step" vom neuen Vampire Weekend-Album.

Wusstet ihr, was ihr mit "Modern Vampires of the City" erreichen wolltet?
Anfangs wussten wir nur, was wir nicht wollten. Wir wollten nicht nach den 80ern klingen, wir wollten keinen Synthiepop. Wir lästern ja auch gerne über andere Bands und beschlossen dann sie Sachen wie "Das Album darf auf keinen Fall so bescheuert sein wie das letzte von Soundso." Oder: "Wenn wir so eine peinliche Band werden wie XYZ, dann erschießen wir uns." Ohnehin haben wir vor sieben Jahren die Band ja aus so einer "Wir machen jetzt etwas anderes"-Haltung heraus gegründet.

Was heißt das?
Dass es armselig und dumm gewesen wäre, im Jahr 2006 als 195. Variation einer Garagenrockband aufzuschlagen. Die Strokes hatten den Stil ein paar Jahre zuvor populär gemacht, und New York war randvoll mit Strokes-ähnlichen Indiediscorock-Bands. Es hätte weder jemand hören wollen noch wäre es cool gewesen, auf diesen Zug noch aufzusteigen. Wir wollten die frische Band sein, die es noch nicht gab.

Möchtest du vielleicht verraten, bei wem es sich um "Soundso" und "XYZ" konkret handelt?
Träum‘ weiter (lacht). Wichtig war uns jedenfalls von Anfang an, uns abzusetzen – von Trends sowieso, doch auch ein bisschen von dem, was wir selbst vorher gemacht hatten. Insgesamt wollten wir ein wenig mehr weg vom Rock’n’Roll, weg von Gitarren und hin zum Klavier. Wir haben das Piano, das für uns alle das erste Instrument war, so richtig wiederentdeckt.

Hörst du viele Bands, bei denen du denkst, das sind Vampire-Weekend-Klone?
Das hält sich in Grenzen. Unser Stil ist schwer nachzumachen, weil er so durcheinander und wenig festgelegt ist. Wir sind stilistisch ein echter Vier-Mann-Schmelztiegel.

Also Schmelztiegelmusik aus dem großen Schmelztiegel New York City?
Genau (lacht). Toleranz, Völkerverständigung, Multikulti – das sind Werte, die uns sehr wichtig sind, das siehst du ja nicht nur an unserem Sound, sondern auch an uns selbst. Ich bin zum Beispiel osteuropäischer Jude, Rostam ist iranischer Abstammung und schwul. Besonders direkt haben wir das Thema Völkerverständigung im Lied "Finger Back" umgesetzt. Darin geht es um eine Liebesgeschichte, die sich wirklich so zugetragen hat. Ort der Handlung ist der Falafel-Imbiss "Jerusalem Falafel" in der Nähe meiner alten Uni. Eine orthodoxe Jüdin, die immer dort essen ging, verliebte sich den arabischen Jungen, der dort arbeitete. Soweit ich weiß, haben die beiden geheiratet und sind bis heute zusammen. Der Song ist unsere New-York-Version von "Romeo & Julia", nur mit gutem Ausgang.

Ein weiteres Thema  auf "Modern Vampires of the City" ist der unaufhaltsame Abschied von der Jugend. "Nobody knows what the future holds/ it’s bad enough just to get old", singst du beispielsweise in "Diane Young". 
Das ist uns erst im Nachhinein aufgefallen, dass dieses Thema uns so beschäftigt. Wir sind zwar noch vergleichsweise jung, aber wohl in der Phase des Lebens, in der man über das Älterwerden nachdenkt. Ich bin kein 22-jähriger College-Junge mehr, sondern werde nächstes Jahr 30.

Was ist mit 30 anders als mit 22?
Die alten Sorgen werden durch neue ersetzt. Ich bin eigentlich in dem Alter, um mit der Familienplanung anzufangen, aber seltsamerweise fühlt sich die Idee, ein Kind zu haben, für mich noch sehr weit entfernt an. Das kann ich mir noch gar nicht vorstellen, und das wiederum irritiert mich etwas. Andererseits bin ich froh, nicht mehr 24 oder 25 zu sein. In dem Alter prasselt alles auf dich ein: der Druck, das Studium abzuschließen, der Druck, dich um einen Job zu kümmern, der Druck, endlich Geld zu verdienen. Gerade in einer so teuren Stadt wie New York hat man keine Zeit, lange verträumt oder tastend vor sich hinzuleben, weil man sehr schnell sehr pleite ist.

Ist die Band für dich ein Mittel, um das Erwachsenwerden aufzuhalten?
Auch. Vampire Weekend ist der Versuch, das Leben spannend zu halten. Je älter du wirst, desto mehr Routine schleicht sich ein, desto weniger dramatischer wird alles, desto weniger wirklich Neues erlebst du. Gerade auch beim Musikmachen musst du aufpassen, dass es sich nicht irgendwann wie ein ganz normaler Job anfühlt. Sondern immer noch wie ein Hobby, dem du mit Leidenschaft nachgehst. Um uns diesen Geist zu bewahren, wird unsere Musik, auch wenn sie manchmal traurig sein kann, nie ihren Humor und ihre Verspieltheit verlieren. Jemand hätte mal mitzählen müssen, wie oft einer von uns im Studio gerufen hat "So nicht. Das klingt zu erwachsen!"

Das Album "Modern Vampires of the City" ist am 10. Mai erschienen.

Text: steffen-rueth - Foto: Alex John Beck / XL Recordings

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