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"Ich will Ängste verbannen"

Macklemore rappt gesellschaftskritische Songs wie Same Love, eine Hymne für die gleichgeschlechtliche Ehe. Wir haben mit ihm über das Ego, Geld, Gott, Erfolg und Angst gesprochen
erik-brandt-hoege

jetzt.de: Ben, der amerikanische Rolling Stone lobte dein Album zuletzt für seinen „Charme und Wert“. Beides sei schließlich nicht selbstverständlich im amerikanischen HipHop. Wie siehst du das?
Ben Haggerty: Es gibt schon einige Rapper, die das Genre derzeit voran treiben. Kendrick Lamar und ASAP Rocky zum Beispiel, aber auch Stars wie Kanye West tun alles, um HipHop weiter zu entwickeln. Mein eigener, ewiger Vorsatz ist es, nichts bereits Bestehendes, Funktionierendes zu wiederholen. Ich will nichts und niemandem nacheifern, sondern mein eigenes Ding machen. Ich will den besten HipHop machen, der mir möglich ist.

Wie soll der sein?
Ehrlich und ehrbar.  

Findest du amerikanischen HipHop grundsätzlich ehrlich?
Nein! Größtenteils besteht er aus aufgebauschten Storys.  

Wird sich das irgendwann ändern?
Ich weiß es nicht. Das liegt ganz in den Händen der Protagonisten. Ich kann nur kontrollieren, was ich selbst dazu beisteuere.  

Zuletzt hast du den Song „Same Love” beigesteuert, eine Hymne für die gleichgeschlechtliche Ehe. Sehr untypisch für amerikanischen HipHop, weshalb du im Song auch singst: „If I was gay, I would think hip-hop hates me!” Verachten dich einige Rapper wegen diesem einen Song?
Nein, die meisten finden den Song cool. Im HipHop wird er weitestgehend respektiert. Aber es gibt natürlich immer noch viele, die homophobisch veranlagt sind. Rapper sind eben sehr testosteron- und Ego-gesteuert. 

Würdest du dich selbst als besonders egogesteuert beschreiben?
Ich versuche, mein Ego in meiner Musik zu verarbeiten. Das macht mich nicht besser oder schlechter als andere Rapper, aber durch die Selbstreflexion vielleicht ein bisschen anders.  

Präsentieren die Rapper denn nicht immer auch die streng konservative amerikanische Gesellschaft – ob sie wollen oder nicht? Schließlich heißt es auch in „Same Love“: ,,The right wing conservatives think it's a decision, and you can be cured with some treatment and religion.”
Religion spielt an sich schon eine sehr große Rolle in der amerikanischen Kultur. Und die Angst, die viele vor der gleichgeschlechtlichen Ehe haben, gründet auch oft in veralteten religiösen Vorstellungen. Viele Meinungen sind sehr starr, einige Menschen wollen sich einfach nicht verändern. Ich hoffe, ich erreiche einige von ihnen mit „Same Love“.

Du selbst bist in einer streng katholischen Familie aufgewachsen. Für dich, sagtest du einmal, gab es als Kind und Jugendlicher zwei Welten: die konservative Welt zu Hause, und die Welt des HipHop.
Das stimmt. Ich wurde als Katholik geboren, weil meine Eltern Katholiken waren. Sie hatten einen festen Glauben, und deshalb war es für sie selbstverständlich, auch mich sehr katholisch großzuziehen. Für sie war gar nichts anderes denkbar.  

Woran hast du denn als Teenager geglaubt?
An die Kraft des Moments. Immer an das Hier und Jetzt. Daran, dass ich für alles meine eigene Wahrheit finden würde. Ich habe auch an die Musik geglaubt, die ich hörte, und an die, die ich selbst schon schrieb. Musik hat meine Identität immer bestimmt und wurde letztlich sogar meine Karriere.  

Hattest du damals Vorbilder?
Ja, absolut! Mos Def, Blackalicious und Tupac zum Beispiel.  

Hast du diese Künstler nur wegen ihrer Musik gemocht, oder auch wegen bestimmter Einstellungen und Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit?
Ich denke, wegen beidem.     

Du selbst wirst für deine Attitüde sehr geschätzt, bist längst selbst ein Vorbild. Bist du das auch gerne?
Ich glaube, sobald deine Musik auf die breite Masse trifft, wirst du auf die eine oder andere Weise zwangsläufig ein Vorbild sein – ob es dir gefällt oder nicht. Das ist eben auch ein Teil dieses Jobs. Und ich scheue mich nicht davor, ein Vorbild zu sein. Ich finde es nur teils sehr beanspruchend.

Du rappst zum Beispiel davon, dass du es seltsam fandest, als Jugendliche dir erzählten, deine Musik wäre ihr Soundtrack gewesen, als sie clean wurden. Solltest du das nicht aber weniger seltsam als ganz großartig finden?
Mich macht es ja auch glücklich, wenn ich so was höre. Ich finde es wundervoll, wenn mir tatsächlich Leute erzählen, sie hätten meine Songs gehört, als sie durch eine schwere Zeit gingen. Ich finde nur die Verantwortung, die ich durch meine Musik automatisch habe, manchmal etwas anstrengend.

Was macht dir denn an deiner momentanen Rolle im HipHop mehr Spaß als die Idealisierung? Das Geld vielleicht? Die Partys? Der Ruhm?
Zunächst mal ist die Sache mit dem Geld nicht so leicht, wie man vielleicht denkt. Klar, genug Geld zu haben ist irgendwie schön. Aber Geld kann kein Garant für persönliches, echtes Glück sein. Das kann etwas Materielles nie sein. Für mich ist es viel wichtiger, dass ich das Gefühl habe, mit etwas höherem Verbunden zu sein. Mit etwas, das größer ist als ich. Etwas, an das ich fest glaube.  

Was ist das?
Ein Art Gott. Der ist mir ungemein wichtig! Wenn ich den nicht hätte, wäre es egal, wie groß mein Erfolg ist, wie berühmt ich bin und wie viel Geld ich habe. Wenn ich die Verbindung zu meinem Glauben verliere, funktioniert mein Leben nicht mehr.  

Bist du also nicht der gängige Höher-schneller-weiter-Rapper, sondern eher genügsam?
Ich wollte immer, dass meine Musik so viele Menschen erreicht, wie möglich. Einen Erfolg wie der mit „Thrift Shop“ hätte ich aber nicht im Traum erwartet. In den vergangenen Monaten habe ich immer wieder versucht, zu reflektieren und mich gefragt: Ist das jetzt das, was du immer wolltest? Und in diesen Denkphasen war es für mich wirklich wichtig, meinen Glauben an etwas Größeres genauso wenig zu verlieren wie den Kontakt zu Menschen, die ich liebe und denen ich vertraue. Die mir nahe sind – und das nicht nur in den Momenten des Riesenerfolgs.   

Wie fühlt sich der denn gerade an?
Vor allem wie eines: Arbeit! Ich mache meinen Job. Einen, den ich nebenbei versuche, so gut es geht zu genießen. Wie in jedem anderen Job gibt es gute und schlechte Tage. Ich will für beide dankbar sein. Schließlich habe ich auf alles, was gerade passiert, mein leben lang hingearbeitet.  

Was ist für dich der bisher größte Triumph?
Songs wie „Same Love“. Wichtiger als Albumverkäufe und ausverkaufte Shows ist mir, dass ich Songs geschrieben habe, die einen Einfluss auf das Leben einiger Menschen haben und möglicherweise ein bisschen was bewegen und verändern können.  

Was würdest du gerne verändern?
Ich will möglichst viele Ängste verbannen. Danach strebe ich.  

„The Heist“ von Macklemore & Ryan Lewis ist im März auf Warner erschienen.

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