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„Ich wurde aus dem Leben gerissen“

Philipp Poisels zweites Album hat ein zentrales Thema: Angst. Denn im Entstehungsprozess wurde bei dem 26-Jährigen Krebs diagnostiziert, drei Tage später dann die Entwarnung: eine Fehldiagnose. Mit jetzt.de spricht Philipp über diese kurze, prägende Zeit.
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jetrzt.de: Philipp, auf deinem neuen Album singst du einmal, „ich habe furchtbare Angst vorm Tod“. Kannst du dich noch genau an den Tag erinnern, an dem du das geschrieben hast? Philipp Poisel: Ja, aber manchmal formuliert sich so etwas auch schon vor, und dann gibt es nur noch den Moment, in dem es zu Tage gefördert wird. Es war nicht so, dass ich an einem Tag die Intention für den Song hatte, und ihn dann sofort fertig geschrieben habe. Das war mehr ein Prozess. In der Zeit im Krankenhaus konnte dir das Schreiben also nicht helfen. Nein, überhaupt nicht. Weil ich aus dem Leben gerissen wurde. Man hat mir gesagt, ich hätte Krebs, wusste aber noch nicht, was für einen. Ich habe mich schon aufs Schlimmste gefasst gemacht. Hast du dich gezielt mit dem Tod beschäftigt? Ja, damit habe ich mich auf jeden Fall auseinandergesetzt. Auch um mich zu schützen vor dem, was am Ende tatsächlich rauskommen würde. Da spielt man manchmal die allerschlimmsten Möglichkeiten durch. Ich habe versucht, mich notfalls auch mit dieser Idee anzufreunden. Das reichte von einer gewissen Akzeptanz in manchen Momenten bis hin zu einer völligen Verzweiflung, Resignation und Verlassenheitsängsten. Ich hatte ja eigentlich noch überhaupt keinen Bock zu gehen. Wenn dann die Familie und Freunde da sind, und man merkt, was für eine wunderbare Gemeinschaft das ist, wird die Vorstellung, dass man vielleicht bald sterben muss, fast unerträglich. Ich wurde dann ruhig gestellt, habe irgendwelche Tabletten bekommen. Das war wirklich schwierig, aber dieser Zustand hat sich verändert. Ich habe tatsächlich auch positive Energie aus all dem geschöpft, insofern dass ich völlig in dem Moment war. Das ging sogar soweit, dass der Moment so allgegenwärtig wurde, dass es gar keine Rolle mehr gespielt hat, ob es jetzt noch fünfzig Jahre oder nur fünfzig Tage so weiter geht. Als ich mit meinen Kumpels draußen auf der Bank vorm Krankenhaus saß, dachte ich: Noch lebst du ja, und die Sonne scheint, eigentlich ist doch alles perfekt! Welches Verhältnis hattest du in dieser Phase zur Vergangenheit? Hast du dich oft gefragt, ob dein Leben bis dahin gut war? Eigentlich habe ich nur über den Moment und die Zukunft nachgedacht und mir die Frage gestellt, ob ich das schaffe. Die Aufgabe war plötzlich nicht mehr, meinen Alltag hinzukriegen, sondern mein komplettes Leben war nur noch auf das Ziel reduziert, eine Chemotherapie zu überleben und gesund zu werden. Man hat mir verschiedene Therapiemöglichkeiten vorgeschlagen und gesagt, wie lange diese dauern würden. In der Vergangenheit war ich in dem Sinne also nicht, aber ein paar Illusionen haben sich aufgelöst. Zum Beispiel hat sich gezeigt, wer wirklich da ist für mich, wer mir wichtig ist und wer nicht. Und ich hatte ein Gefühl von Dankbarkeit für mein Leben. Dafür, dass ich nämlich noch nicht tot bin. Solch ein Fazit konnte ich allerdings erst mit einem bestimmten Abstand zur Sache ziehen. Wann hast du erfahren, dass der Arzt sich geirrt hat? Nach nur drei Tagen. Natürlich hat der Arzt seine erste Diagnose anhand von bestimmten Begebenheiten gestellt, der sagt so was ja auch nicht einfach so. Dann kamen die endgültigen Ergebnisse vom Labor, und es hat sich herausgestellt, dass es überhaupt nichts war. Ich hatte einfach nur einen geschwollenen Lymphknoten wegen eines Pfeifferschen Drüsenfiebers. Willst du mit deinen neuen Songs auch andere anregen, ihr Bild von Leben und Tod zu korrigieren? Ja, auch wenn ich jetzt nicht gedacht habe, ich müsste unbedingt über den Tod singen. Ich finde es wünschenswert, wenn man den Tod natürlicher einschätzen könnte. Im Grunde genommen ist es ja etwas Neutrales, etwas das weder gut noch schlecht ist. Es ist Fakt, das man stirbt. Generell ist das alles ja davon geprägt, dass man Angst davor hat. Doch es gibt auch Geschichten, in denen man dem Tod etwas Schönes abgewinnen kann. Wenn man zum Beispiel hört, dass Elefanten zum Sterben an einen schönen Ort gehen. Oder Aborigines, die sich von der Gruppe verabschieden und sich eine Stelle suchen, um dort zu meditieren und zu sterben. Das hat so eine Natürlichkeit. In meinem Krankenhauszimmer lag jemand neben mir, der noch jünger war als ich, er hatte Leukämie. Man weiß ja, dass es im Krankenhaus so eine Station gibt, wo man Leute mit Glatze und so einem Wagen sieht, davon hält man normalerweise eher Abstand. Und auf einmal liegt man selbst mittendrin und denkt sich: Alles ganz normale Leute, die es halt erwischt hat. Der neben mir musste jeden Tag unheimlich viele Untersuchungen über sich ergehen lassen, litt aber am meisten unter der Isolation, weil keiner Lust hatte, sich mit seiner Krankheit auseinanderzusetzen. Man ist auf dieser Station ein bisschen wie ein Aussätziger. Ich will hier aber kein krasses Plädoyer halten, ich bin auch nicht klüger als jemand anderes, nur weil ich dieses Schockerlebnis hatte. Ich kann nur beschreiben, wie es mir dabei ging, und was für Gedanken ich dabei entwickelt habe. So eine Erfahrung hat mir eine Sichtweise auf die Welt gebracht, mit der ich vieles mehr genießen kann. Ich finde es einfach toll, hier zu sein. „Bis nach Toulouse“ von Philipp Poisel erscheint am 27. August auf Grönland/GTG/Rough Trade.

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