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Instant Blitz Copy Fight Project: Ins Kino gehen und Bilder machen

Sie nennen sich selber eine "Kunstneigungsgruppe", Wikipedia bezeichnet sie als ein "Kunst-Technologie-Philosophie Kollektiv": Die Macher von monochrom fallen immer wieder durch spektakuläre Aktionen auf. Vor kurzem riefen sie unter dem Titel "Instant Blitz Copy Fight Project" dazu auf, im Kino zu fotografieren. Wir haben uns per Mail von Johannes Grenzfurthner erklären lassen, was er damit bezwecken will.
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Was ist das Instant Blitz Copy Fight Project? Die prinzipielle Aufforderung eine Blitzlichtaufnahme der Copyright-Warnung vor Filmen in Kinos zu machen und in einer partizipativen Online-Galerie auf unserer Page auszustellen. Die Qualität der Fotografien ist dabei, wie schon vermutet, nebensächlich.

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Wie kommt man auf eine solche Idee? Wir hatten einige Diskussionen mit unserem guten Freund Cory Doctorow (Boing Boing) über mögliche Aktionsformen im Bereich Copyright. Dabei kam uns die Idee, den dunklen Kinosaal doch mit kleinen Lichtfontänen zu fluten, gerade in dem Moment, wenn die Copyright-Warnung projiziert wird. Rein psychologisch ist das ein Fokussierungsmoment. Die Industrie hat mehrere Gründe die Inserts zu zeigen. Ein wesentlicher ist die ständige Vermittlung und Konstruktion von Recht/Unrecht. Irgendwann ist diese Konstruktion Alltäglichkeit geworden, aber ein simpler Blitz kann ein wunderschönes optisches "Tatata!" und einen kleinen mentalen Kurzschluss erzeugen. Was wollt ihr dadurch zeigen? Die Copyright-Krise ist keine Erfindung unserer Zeit: Die Möglichkeit, Werke automatisch zu reproduzieren, ist schon seit der Gutenberg-Bibel umstritten, und erst neulich, Mitte der 1980er, versuchten die Hollywood-Studios den Videorecorder per Gesetz verbieten zu lassen. Sie nannten ihn den "Boston Strangler of the American film-industry". Wen wundert es also, dass das Internet mit seinem Potential Information unkontrolliert und unbeaufsichtigt zu verbreiten, zu organisieren und zu reproduzieren, eine neue Krise herauf beschwört? Niemanden. Die Prozesse und Kampagnen gegen die User/innen repräsentieren die etwas zu kopflos geführten Rückzugsgefechte der Musik- und Medienindustrie. Bei denen natürlich – wie bei allen symbolischen Gefechten zur Gesichtswahrung – reale historische Subjekte zumindest symbolisch draufgehen, also zum Beispiel User/innen, deren Leben durch exemplarische Strafaktionen nachhaltig ruiniert wurde. Und alles nur, damit die dämliche Medienindustrie nicht ihr dämliches Gesicht verliert oder so tun kann, als hätte sie es nicht verloren. Das gilt für die gesamte Medienindustrie, die halt ganz typisch patriarchalische Verhaltensweisen ausbildet. Hast Du kein Verständnis dafür, dass die Filmindustrie ihre Rechte durchsetzen möchte? Rechte Popechte. Man kann das Urheberrecht nicht einfach abschaffen, das wäre einer der verheerendsten Dominosteine in der mühsam arrangierten Systemlandschaft. Urheberrecht ist ein fundamentaler Bestandteil des Kapitalismus. Es geht um Geld, und darum, wie mit Reproduktion Geld verdient werden kann. Es ist aber wichtig, strukturelle Kritik zu üben. Ein Projekt wie Creative Commons, das in diesem Zusammenhang immer wieder erwähnt wird, kann die Situation verbessern, aber nicht grundlegend umdrehen. (Zumal es ja noch noch den Spagat zwischen zwei unterschiedlichen Rechtssystemen bewältigen muss.) Das Copyright steckt so tief in der bürgerlichen Gesellschaft, wie nur irgend geht. Es ist vielleicht sogar eines ihrer Quellgebiete. Und lästig! Wenn man jedoch den Leuten Kritik näher bringt, fangen sie an, über das Urheberrecht nachzudenken. Und wenn Urheber dergestalt überhaupt mal von „gut“ und „wichtig“ nach „gesellschaftliches Problem“ gewuchtet wird, dann ist schon etwas erreicht. Das kollektive Semi-Bewusstsein ist ja bekanntlich ein Stein, der mit lächerlicher Muskelkraft einen Hang hinauf transportiert werden muss. Wie ist bisher das Feedback? Sehr gut. Aufnahmen von Warnungen aus der ganzen Welt. Auch das Medienecho ist gut und normalerweise auf einem hoch reflektierenden Niveau. Einzig auf Spiegel Online wurde wiedermal typisch liberales Gewirkse verbreitet: "[...] ihre Anti-Piraterie-Warnungen nerven und sind eine Beleidigung" - das durchästhetisierte Subjekt als letzter Vorschein von Politik. Die bürgerliche Intelligenz in Deutschland scheint momentan wirklich aus dem allerallerletzten Loch zu pfeifen. Wer steckt hinter monochrom und hinter dem Blitz Copy Fight Project? Nun, wir sind eine Gruppe von Leuten, und wir sind seit einigen Jahren unterwegs, politische und philosophische Konzepte in verbreitbare, virale, auch unterhaltende Formate zu gießen und zu verbreiten. Wir sind postmoderne Linke, deswegen natürlich immer in einer Zeitschleife der Melancholie verfangen, aber immer zur Stelle, wenn’s drauf ankommt. Unsere Homepage monochrom.at dokumentiert unser Treiben. Und auf Wikipedia findet man/frau uns auch. (Wobei ich jetzt nicht über die Probleme von Wikipedia tippen will.) Habt Ihr weitere Pläne in dieser Richtung? Derzeit läuft gerade unser Projekt "Lord Jim Loge powered by monochrom", das sich ganz gezielt mit Kunst/Marken/Trademarks/Copyright/Ökonomie/Outsourcing/China beschäftigt, ein eigentlich recht spannendes Projekt. Es kann unter www.monochrom.at/re/ in Form einer 12-teiligen Geschichte nachgelesen werden. Und ja, wir sind auch weiterhin tätig. Die menschliche Kultur ist nämlich die größte Baustelle der Welt. Mehr zum Thema im Themenschwerpunkt Urheberrecht

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