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Jeden Tag kommentieren: Jana meldet sich zu Wort

Was tut man, wenn man sich über Kommentare im Netz ärgert? Widersprechen, sagt Jana Herwig. Sie hat vor kurzem die Idee "A comment a day" ins Leben gerufen.
dirk-vongehlen
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Jeden Tag einen Kommentar. Was verbirgt sich dahinter? Ich glaube es ist meine Pflicht als Webbürgerin, mich online zu Wort zu melden. Deshalb äußern wir, das heißt ich und wer immer sich an A comment a day beteiligen will, uns seit zwei Wochen in den Onlineforen von Tageszeitungen und hinterlassen täglich einen Kommentar gegen rechtslastige Meinungen, die da verbreitet werden. Das heißt wir widersprechen dem ausländerfeindlichen Konsens, der sich in einigen Foren ausgebreitet hat. Das klingt anstrengend. Wie kommt man auf eine solche Idee? Die Idee ist hier in Wien im Umfeld der Wiener Grünen entstanden. Das hat vielleicht mit einer aktuell verschärften Situation in Österreich zu tun. Ich weiß nicht, wie das generell in Deutschland ist, aber die Kommentare auf den Webseiten von österreichischen Tageszeitungen sind zum Teil schon sehr schlimm.  Es gibt sogar Leute, die behaupten, dass die FPÖ Kampfposter bezahlt, um in den Kommentarspalten Stimmung zu machen. Ich kann das nicht beurteilen, aber ich finde es schon erstaunlich, dass selbst bei einem Medium wie dem Standard, dessen Leserschaft als eher im linken Umfeld angesiedelt gilt, dass selbst da in den Leserkommentaren eine sehr rechtskonservative Stimmung um sich greift.

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Deshalb lautet deine Devise: Widerspruch? Naja, man liest rein und gruselt sich erstmal etwas. Und ich habe mir die Frage gestellt: Kann man da nichts machen? Vor allem, weil in Wien gerade Wahlkampf ist. Im Oktober wird hier ein neuer Bürgermeister gewählt und der FPÖ-Mann HC Strache kandidiert dort – mit den üblichen Provokationen. So hat er hier zum Beispiel plakatieren lassen: „Mehr Mut für unser Wiener Blut. Zuviel Fremdes tut niemandem gut.“ Dabei kann man sich kaum eine buntere Mischung vorstellen als die Wiener Bevölkerung, und das  nicht erst seit gestern. Straches eigener Nachname leitet sich wahrscheinlich vom tschechischen strach, Angst, ab. Auch in Online-Debatten greifen solche Provokationen um sich. Es gibt aber die alte Foren-Regel „Don’t feed the troll“. Hast du nicht Angst, die Trolle in Wahrheit zu füttern? Trolle wollen provozieren und einen in oft persönliche Diskussionen hineinziehen.  Ich selbst poste wirklich jeden Tag nur den einen Kommentar und dann gehe ich, das heißt ich lasse mich nicht auf ausführliche Debatten ein. Ich glaube auch nicht, dass ich im konkreten Fall jemanden umstimmen kann. Mir geht es mehr darum zu zeigen:  Es gibt Menschen, die eine andere Meinung haben. Denn wir sprechen hier nicht über irgendwelche absurden Internet-Foren. Diese Debatten siedeln sich ja am Rand der redaktionellen Autorität der Zeitung an und bekommen so auch Aufmerksamkeit. Und da will ich zeigen, dass nicht alle so denken. Das ist genauso wie in der Straßenbahn: Wenn man da jemanden hört, der laut auf Ausländer schimpft, hat man auch die Entscheidung, dem zu widersprechen oder wegzuschauen. Kommentierst du dann anonym oder unter deinen Namen? Ich habe nichts dagegen, wenn Leute anonym debattieren. Ich selber trete aber nicht anonym auf, einfach weil es für mich ein kleiner Reminder ist, mich selbst anständig zu benehmen. Es gibt in Deutschland keine FPÖ … ... aber einen Sarrazin. Darauf wollte ich hinaus: Dehnst du deine Aktivitäten demnächst auch aus und diskutierst auch in deutschen Tageszeitungsforen mit? Bei irgend einem Sarrazin-Post habe ich mich schon zu Wort gemeldet. Ich glaube, dass war bei zeit.de  Aber die Grenzen sind im deutschsprachigen Web eh nur schwer zu ziehen. Es geht mir darum, das Web als öffentlichen Raum zu verstehen, auf den man genauso Einfluss hat wie zum Beispiel auf den öffentlichen Raum in der Straßenbahn. Der Haltung, die manche Leute haben, die behaupten, in den Kommentaren sei doch eh nur Schmutz, würdest du also widersprechen? Natürlich. Das ist erstens eine Kapitulation. Und zweitens ist es sehr arrogant und hilft ja auch nicht weiter. Jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern. Manche tun das in einer Art und Weise, die mir furchtbar auf den Wecker geht, aber deshalb soll man es ja nicht abschaffen oder die Leute, die sich äußern, als dumm abtun. Das wäre ein schickes Kopf-in-den-Sand-Stecken. Andererseits kann auch mir keiner verbieten, mich dagegen zu äußern. Und die paar Minuten, die man für einen Onlinekommentar braucht, tun ja nicht weh und kann jeder noch aufbringen. Hier geht es zu Janas Blog und zu ihrem Twitter-Account - sowie zur zugehörigen Facebookgruppe

Text: dirk-vongehlen - Foto: Christian Lendl

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