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Magisterarbeit über Videoüberwachung: Voyeure und keine Aufklärung

Die Videoüberwachung ist nicht das erhoffte Wundermittel, mit dem man in Deutschland die Kriminalität bekämpfen kann. Das hat Florian Glatzner, 26, in seiner Magisterarbeit zu dem Thema rausgefunden. Florian hat in Münster Politik studiert und arbeitet jetzt hauptamtlich beim Foebud e.V., einem Verein für Bürgerrechte. Bei uns spricht er über den Unsinn, für 255 000 Euro vier Plätze filmen zu lassen und über Voyeure in der Überwachung.
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Hallo Florian, fühlst du dich beobachtet? Florian Glatzner: Manchmal schon. Man wird vielleicht ein bisschen paranoid, wenn man sich mit Videoüberwachung beschäftigt. Auf jeden Fall rufen Kameras bei mir ein ungutes Gefühl hervor.

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Florian Glatzner. (Foto: Christoph Gurk) Also das Gegenteil von dem, was Videoüberwachung bewirken sollte, oder? Ja, genau. Bist du schon mal überfallen worden? In Münster haben ein paar Jugendliche mal meinen Geldbeutel geklaut. Ist aber schon eine Weile her ... Warum hast du deine Magisterarbeit über staatliche Videoüberwachung von öffentlichen Räumen geschrieben? Ich habe ein Praktikum beim "Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs e.V." (kurz Foebud) gemacht. Das ist ein Verein, der sich mit Bürgerrechten auseinandersetzt (Anm. d. Red.: Der seltsame Titel wird hier erklärt). In dieser Zeit habe ich mich viel mit Datenschutz beschäftigt. Da lag es nahe, über dieses Thema meine Arbeit zu schreiben. Wie waren die Reaktionen bei öffentlichen Stellen und der Polizei? Es ist sehr schwer, bei der Polizei etwas über Videoüberwachung herauszufinden. Leider gibt es kein offizielles Register für Überwachungskameras. Das ist unlogisch. Denn Videoüberwachung soll ja präventiv wirken - und das funktioniert nur, wenn man weiß, dass man überwacht wird.

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Es müssten also Schilder auf Videoüberwachung hinweisen? Ja, das ist sogar gesetzlich vorgeschrieben. Oft wird es trotzdem nicht gemacht. Allerdings gibt es in Deutschland nur 110 polizeiliche Kameras. Alle anderen sind von privaten Betreibern, wie zum Beispiel der Bahn, die mehrere Tausend installiert hat. Doch selbst die 110 Kameras der Polizei sind zu viel, da die Videoüberwachung nur selten die erhoffte Wirkung zeigt. Darf denn jeder eine Kamera an seiner Hauswand anbringen? Man kann natürlich nicht wildfremde Leute überwachen. In privaten Bereichen können Kameras eingesetzt werden, um das Hausrecht zu schützen. Das unterliegt aber gesetzlichen Regeln. Was sind denn die Hauptprobleme von Videoüberwachung? Die positiven Folgen der Videoüberwachung werden oft über- und die negativen unterschätzt. Bei professionellen Tätern kann Videoüberwachung zum Beispiel nichts ausrichten: Sie ziehen sich Masken auf oder brechen auf der Rückseite von Häusern ein. Ein weiteres Problem ist die Diskriminierung von Randgruppen: Ausländische Jugendliche werden öfter beobachtet - und so häufiger bei Straftaten ertappt. Dadurch ergibt sich dann erneut die Rechtfertigung für eine verstärkte Überwachung ... In deiner Magisterarbeit sprichst du auch von Voyeurismus. Ja, allerdings wird in Deutschland darüber kaum geforscht. Britische Studien belegen aber, dass 10 Prozent aller Beobachtungen voyeuristische Hintergründe haben - etwa, dass Mädchen in den Ausschnitt gezoomt wird. Die Wachmänner schauen also gerade jemandem auf den Hintern, während daneben eine Handtasche geklaut wird? Genau. Wieviel kostet denn die Überwachung? Sehr viel. In Brandenburg beispielsweise kostet die Überwachung von vier Orten jährlich 255 000 Euro. Und das bei einer Aufklärungsquote durch die Kameras von 0,16 Prozent. Nicht nur die Kameras müssen bezahlt werden, sondern auch die Wartung, die Leitungen und das Personal.

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Bild aus dem Jahr 2005: NRW-Innenminister Behrens eröffnet die Videoüberwachung in Düsseldorf. Aktionismus? (Fotos: dpa und ap) Wäre es da nicht billiger, mehr Polizisten einzustellen? Natürlich. Im Gegensatz zu Kameras könnten Polizisten sogar eingreifen, wenn etwas passiert. Kameras sind eine einfache Möglichkeit für Politiker, um Aktionismus zu zeigen. Die Leute sehen, dass etwas passiert - und finden es deshalb gut. Was wären denn die Alternativen? Eine bessere Beleuchtung öffentlicher Plätze ist beispielsweise effektiver als Kameras. Es geht mir aber gar nicht um eine Abschaffung der Videokameras. Ich möchte nur, dass sie dort eingesetzt werden, wo sie wirklich sinnvoll sind und möglichst wenig schaden. Meinst du, die staatliche Videoüberwachung wird in den nächsten Jahren noch stärker? Schwer zu sagen, aber ich glaube schon. Durch neue Technologien ergeben sich neue Möglichkeiten, etwa die Überwachung mit Hilfe biometrischer Daten oder anhand von Bewegungsmustern. Klingt nach Big Brother. Das Bild des Big Brother ist heute veraltet. Man kann vielleicht besser von Little Sisters sprechen, also dem unkontrollierten Wildwuchs der Videoüberwachung. Die Leute haben sich daran längst gewöhnt – und die Grenzen sind noch lange nicht erreicht. Florians Arbeit gibt es kostenfrei hier anzusehen.

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