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Man braucht nur Luft und Daten

Können Menschen in der Wildnis überleben, nur mit Hilfe der Survival-Tipps aus der Wikipedia? Diese Frage will Stéphan Degoutin mit seinem Film "World Brain" beantworten. Ein Gespräch über das Internet von heute und das mögliche Internet von morgen.
nadja-schlueter

Durch das Internet sind wir alle miteinander verbunden, ein Netz liegt über der Welt, ein kollektives Bewusstsein, das langsam zu einem eigenen Organismus wird: dem „World Brain“.

 

So lautet auch der Titel des Films der beiden französischen Künstler Stéphane Degoutin und Gwenola Wagon, den sie erstmals auf der transmediale in Berlin gezeigt haben und der jetzt auch online zu sehen ist. Darin erzählen sie vom Internet von heute und entwerfen Ideen des Internets von morgen. Die Reise führt von den Glasfaserkabeln in den Ozeanen, über riesige Rechenzentren und niedliche Katzenvideos, bis zu Ratten, deren Gehirne über das Internet verbunden werden. Und zu einer Gruppe von Forschern, die im Wald campiert, dort versucht, nur mithilfe der Wikipedia zu überleben, und Experimente zur Vernetzung durchführt – untereinander und mit der unmittelbaren Umgebung.

 

Im Interview erklärt Stéphane Degoutin die Idee des Films, warum man bald vielleicht nur noch eine Datenverbindung braucht, um zu überleben, und was „Das Internet des Inneres“ ist.

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    Foto: oH

jetzt.de: Ich habe „World Brain“ online angeschaut. Da erscheint der Film eigentlich gar nicht als Film, sondern als große Karte: Jede Sequenz ist ein einzelnes Video und drumherum gibt es ganz viel Zusatzmaterial, das man sich durchlesen kann.

Stéphane Degoutin: Es gibt den Film auch in linearer Form, also als 70-Minüter, so haben wir ihn auf der transmediale gezeigt. Da sind alle Elemente des Films verbunden, durch die Musik und das Voice-Over. Und es gibt diese experimentelle Form, die Karte, auf der es wirkt, als sei der Film explodiert. Plötzlich sind alle Elemente autonom und unverbunden.

 

Wieso habt ihr diese Form gewählt?

Wir wollten einen Film über die heutige Welt machen, über den konstanten Informationsfluss, dauernd kommen von allen Seiten Informationen auf uns zu. Der Film soll dem Betrachter das Gefühl geben, Teil dieses Informationsflusses zu sein.

 

Ich war ja etwas verwirrt, als ich den Film angeschaut habe: Ist das jetzt eine Dokumentation oder ein Spielfilm?

Beides gleichzeitig – und gleichzeitig nichts davon. Wir nennen den Film nicht “Dokumentation”, weil er gar nicht die Wahrheit abbilden soll. Wir haben Aspekte dokumentiert, die existieren, zum Beispiel haben wir in Fabriken gefilmt, in denen Glasfaserkabel produziert werden. Aber genauso gibt es fiktive Elemente und Bilder und Videos aus dem Internet. All das haben wir zusammengefügt.

 

Eine wichtige Rolle spielt die Gruppe von Wissenschaftlern, die ihr im Wald ausgesetzt habt, in einem Camp, nur ausgerüstet mit ein paar Büchern und einer Internetverbindung. Das sind schon echte Wissenschaftler, oder?

Manche ja, manche nein. Wenn ihr Name eingeblendet wird, dann sind es echte Wissenschaftler, wenn du keinen Namen siehst, dann sind es Schauspieler.

 

Haben sie denn wirklich im Wald gecampt?

Auch da war es wieder eine Mischung. Wir haben wirklich dieses Camp gebaut, zusammen mit Julien Imbert, einem Grafikdesigner, der aber auch Überlebenstrainings anbietet, und Olivier Peyricot, einem Designer, und einige Teilnehmer haben in diesem Camp gelebt. Ein paar kamen nur für ein, zwei Tage.

 

Und sie haben Feuer mithilfe von Wikipedia gemacht…

Ja, das haben sie wirklich gemacht, sie haben den Wikipedia-Eintrag gelesen und versucht, ihn umzusetzen. Wir haben allerdings ein bisschen geholfen, weil es wirklich sehr komplex ist, ein Feuer zu machen – es hat zwei Tage gedauert, diese Szene zu drehen.

 

Die Idee dahinter ist, dass man nur noch eine Datenverbindung braucht, um zu überleben, und sonst nichts, oder?

Ja, genau. Natürlich ist das heute noch nicht möglich, aber wir können uns eine Zukunft vorstellen, in der man immer einen Computer bei sich trägt und sonst nichts braucht, weil man Zugriff auf alle nötigen Informationen hat: wo man schlafen kann, wo man Schutz findet, welche Früchte man essen kann. Dann würde man zum Beispiel eine Pflanze anschauen und automatisch die Information bekommen, welche es ist.

 

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Es geht darum, die Verbindung zur Natur zurückzugewinnen – mit Technologie? Das ist ein bisschen ironisch, aber ja: Das ist die Idee! Wir wollten eine Geschichte über das Internet erzählen und sie verbinden mit einer Idee, die wir vor längerer Zeit hatten: Wenn der Mensch wirklich zurückkehren will zur Natur, dann könnte er alles zurücklassen, er könnte quasi nackt sein, aber das eine, was er immer noch bräuchte, wäre die Verbindung zu anderen Menschen.

 

Und eine zu allem Wissen, das es in der Welt gibt.

 

Genau.

 

Im Film wird mit einer direkten Verbindung zwischen Lebewesen experimentiert: In die Gehirne von Ratten wurden Elektroden eingesetzt und über das Internet miteinander verbunden – so entstand eine Ratte mit zwei Körpern. Ist das wirklich so passiert?

Ein Forscher namens Miguel Nicolelis behauptet, dass er die Neuronen von Ratten verbunden hat. Es ist sehr schwer zu sagen, was wirklich passiert ist, was genau von einem Gehirn zum anderen übertragen wurde. Aber es geht weniger darum, ob es passiert ist oder nicht, sondern um den Traum dahinter, darum, dass wir es uns vorstellen können.

 

Aber ist das nicht eher ein Albtraum? Elektroden im Gehirn, die absolute Verbindung zwischen Menschen oder Tieren oder Menschen und Tieren?

Ja, zum einen ist das eine Art Albtraum, zum anderen glauben viele Menschen daran, dass wir mithilfe technischer Apparaturen auf eine besonders tiefe Art verbunden sein können. Wir spielen mit dieser Idee und betrachten sie aus verschiedenen Perspektiven – eine zeigt eine Dystopie, in einer anderen hört es sich ganz schön an.

 

Wie bei dem Kybernetiker Kevin Warwick, der per Computer sein Nervensystem mit dem seiner Frau verbunden hat. Wenn er seine Hand schloss, schloss sie auch ihre. Er sagt in eurem Film, dass sie sich dadurch extrem nah waren.

Ja, genau. Aber am Ende ist die Botschaft des Films ambivalent. Wir erforschen Möglichkeiten, ohne zu sagen, ob sie gut oder schlecht sind. Darum sieht man zu Schluss noch mal die Forscher im Wald und weiß nicht, was man von ihnen halten soll: Sie wirken ein bisschen verloren, wir wissen nicht, wo sie hingehen und ob sie noch daran glauben, was sie tun.

 

Die Forscher sind am Ende mit einer grünen Paste eingeschmiert. Das habe ich nicht ganz verstanden…

Das ist eine Metapher. Die Paste ist eine Art Kleidung, die du trägst und dann verlierst du das Gefühl für deinen Körper und bist dadurch unmittelbar mit deiner Umwelt verbunden. Das ist ein anderer wichtiger Aspekt des Films: Wenn man heute das Internet nutzt, muss man auch immer sein Gehirn und sein Bewusstsein nutzen, man muss etwas auf der Tastatur tippen oder sprechen. Aber wir können uns ein Internet vorstellen, das am Bewusstsein vorbeifließt, das direkt nutzt, was in unseren Gehirnen ist oder an unseren Körpern.

 

Das ist, was ihr im Film “Das Internet des Inneren” nennt?

Genau.

 

Aber wenn alle mit allem und allen verbunden sind, verlieren die Menschen dann nicht ihre Individualiät und ihren freien Willen? Das ist doch beängstigend.

Darüber gibt es schon lange eine Debatte. Die Idee des “World Brain” gibt es ja schon seit mehr als zwei Jahrhunderten. Seit wir immer mehr verbunden sind, durch Medien und Kommunikationsmittel, haben sich Menschen vorgestellt, dass wir eine kollektive Intelligenz bilden können und miteinander verschmelzen. Klar ist es möglich, dass wir dann unsere Individualität verlieren, aber ich sehe auch andere Möglichkeiten: Wir müssen nicht verschmelzen, wir können uns auch nur verschieben, also am Leben anderer teilhaben, ohne uns selbst aufzugeben.

 

 

Text: nadja-schlueter - Fotos: oH; Screenshots

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