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„Mein ganz persönliches Breaking Bad in der Welt der Zeugen Jehovas“

Caleb war 20 Jahre lang bei den Zeugen Jehovas. Vor etwa zehn Jahren ist er ausgestiegen. Seit einem Monat führt er anonym ein Blog, in dem er jede Woche eine Episode aus seiner Zeit bei den Zeugen veröffentlicht.
nadja-schlueter

Caleb (Name geändert) schreibt seit einem Monat anonym auf geistigkrank.wordpress.com über seine Zeit bei den Zeugen Jehovas. Das Projekt hat er „Ich bin geistig krank“ genannt, weil die Zeugen Jehovas andersdenkende Ex-Mitglieder als “geistig krank” bezeichnen. Im Interview erzählt er, wie er ausgestiegen ist, wie schwer der Weg bis zum Start seines Blogs war und was sein Erzählen mit „Breaking Bad“ zu tun hat.  

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jetzt.de: Du bist seit ungefähr zehn Jahren nicht mehr bei den Zeugen Jehovas. Wieso fängst du jetzt an, ein Blog darüber zu schreiben?
Caleb: Ich habe einfach Zeit gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen. Ich bin in den Glauben hineingeboren worden, war 20 Jahre lang dabei. Seit ich denken kann, wurde ich zu den Versammlungen mitgenommen, habe die Schriften der Zeugen studiert, meine Eltern haben mir gesagt, dass das die Wahrheit ist. Das geht nicht von heute auf morgen weg, selbst, wenn man Zweifel hat und den Beschluss fasst, auszusteigen. Es war ein langer Weg, bis ich mich dazu bekennen konnte, dass ich diesen Glauben für falsch halte und es für mich der richtige Schritt war auszusteigen.  

Wie sah dein Weg nach dem Ausstieg aus?
Ich würde das in drei Phasen einteilen. In der ersten Zeit nach dem Ausstieg bin ich ins andere Extrem gegangen und habe alles ausprobiert, was ich als Zeuge nicht durfte, ich habe versucht, mich auf den Nullpunkt zu bringen. Dann gab es eine Phase, in der ich das komplett verdrängt hab und mich gar nicht damit beschäftigen wollte. Und dann begann die Phase der Verarbeitung. Ich war in einer Therapie und habe angefangen, mich wieder mit den Zeugen zu beschäftigen, habe Blogs von Ehemaligen gelesen, aber auch von aktiven Zeugen, die zweifeln. Das konnte ich vorher nicht. Meine Eltern haben mir nach meinem Ausstieg noch jahrelang den „Wachtturm“ und „Erwachet“ vorbeigebracht. Wenn ich da durchgeblättert habe, dachte ich sofort, dass ich einen Fehler gemacht habe und Gott mich hasst. Jetzt bin ich an dem Punkt, an dem ich über meine Erlebnisse sprechen kann.  

Ist dein Blog also therapeutisch? Oder eher aufklärerisch?
In erster Linie therapeutisch. Ich schreibe für mich. Es ist nicht meine Absicht, den Zeugen zu schaden oder Einzelpersonen in Verruf zu bringen. Aber es hilft mir zu wissen, dass Menschen mitlesen, weil dadurch ein Dialog entsteht.  

Welches Feedback hast du bisher bekommen?
Überwiegend positives. Von Ex-Mitgliedern, die sich darin wiederfinden, von Menschen, die es interessant finden. Aber auch Kommentare und Mails von aktiven Zeugen, die das komplett verdammen, da werde ich der Lüge und der Hetze bezichtigt. Dabei versuche ich wirklich, unaufgeregt und sensationsfrei zu schreiben.  

Triffst du beim Schreiben immer direkt diesen unaufgeregten Ton?
Kommt auf das jeweilige Thema an. Wenn ich den automatisch treffe, merke ich, dass ich damit schon gut abgeschlossen habe. Wenn es mir schwerfällt und ich mehrfach neu schreiben muss, dann weiß ich, dass ich daran doch noch ein bisschen zu knapsen habe. Und wenn ich etwas schreibe, bei dem es nicht um mein persönliches Erleben, sondern um Fakten geht, dann nutze ich die aktuellsten Zitate aus den Schriften der Zeugen, die ich finden kann, um das zu belegen.

"Ich wusste, ich kann so nicht mehr leben"

Hätte es dir, als du noch Zeuge warst, geholfen, so ein Blog wie deins zu lesen?
Nein. Bei den Zeugen wird gesagt, dass grundsätzlich Infos, die nicht von der leitenden Körperschaft stammen, das Verhältnis zu Gott gefährden. Wenn bekannt wird, dass man sich mit Schriften von Abtrünnigen, also andersdenkenden Ex-Zeugen, beschäftigt, droht einem außerdem der Ausschluss. Ich wäre also gar nicht auf die Idee gekommen.  

Wie bist du denn aus der Gemeinschaft rausgekommen?
Ich hatte Zweifel und wusste: Ich kann so nicht mehr leben. Aber ich hatte damals nicht den Mut und die Kraft, mich vom Glauben zu distanzieren und wollte es meinen Eltern nicht antun, ein Abtrünniger zu sein. Also hab ich den für mich einfacheren Weg gewählt und eine Sünde begangen. Ich habe mit einer Frau geschlafen, mit der ich nicht verheiratet war, und habe das gestanden. Es gab ein Rechtskomitee, um herauszufinden, ob ich bereue, und ich habe gesagt, dass ich nicht bereue. Sieben Tage hatte ich die Möglichkeit, das zu überdenken, danach wurde in der Versammlung meiner Heimatgemeinde bekannt gegeben, dass ich ausgeschlossen bin. Ab dem Zeitpunkt war es allen Zeugen verboten, Kontakt mit mir zu haben, bis auf den Ältesten. Ich habe von einem Tag auf den anderen meine Familie und alle meine Freunde verloren. Ich war einfach nur völlig allein.  

Was hat dir Halt gegeben?
Ich hatte keinen Halt. Als ich aus dem Komitee kam, habe ich mich erstmal unglaublich befreit gefühlt. Schwer wurde es in den Jahren danach. Ich bin in ein absolutes Loch gefallen. Wenn es Ausgeschlossenen schlecht geht, ist das Argument der Zeugen immer: Du hast Gottes Segen verloren. Aber nach der Zeit in diesem geschlossenen Kreis weiß man einfach gar nicht, wie man mit der Welt umgehen soll, das ist eine ganz normale psychische Reaktion. Ich hatte das Glück, dass ich in den vergangenen Jahren immer wieder Menschen gefunden habe, die mir Halt gegeben haben, und ich auch gerade in einer wunderbaren Beziehung bin. Das Glück haben nicht alle.  

Wirkt sich deine Zeit bei den Zeugen Jehovas noch heute auf dein Leben aus?
Ich kann sicher nicht alles, was mir schwerfällt, auf die Zeugen zurückführen, das wäre auch zu einfach. Aber ein Problem,  das ich lange hatte, hängt mit der Lehre zusammen, dass Jehova Harmagedon herbeiführen wird, um alles Böse zu vernichten. Zunehmende Kriege, Naturkatastrophen und Verwahrlosung der Gesellschaft sind für die Zeugen Zeichen, dass man in der Endzeit lebt und Harmagedon bald kommt. Ich hatte darum Angstzustände, wenn ich gelesen habe, dass es irgendwo ein Erdbeben gab. Als ich von der Nuklearkatastrophe von Fukushima erfahren habe, habe ich eine Panikattacke erlitten. Ich musste mich sehr intensiv damit beschäftigen, um das zu überwinden. 

Hast du gar keinen Kontakt mehr zu deiner Familie?
Am Tag, an dem ich ausgeschlossen wurde, habe ich das letzte Mal mit meinem Geschwisterchen gesprochen. Meine Eltern halten rudimentären Kontakt zu mir, mit einer Mail oder einem Brief alle halbe Jahre. Das rechne ich ihnen hoch an, denn es gibt Empfehlungen, den Kontakt zu ausgeschlossenen Familienmitliedern zu meiden. Allerdings schreiben sie im "Erwachet" auch, dass niemand gezwungen werden sollte, sich zwischen seinem Glauben und seiner Familie zu entscheiden. Ich finde, das ist blanker Hohn.  

Fehlt dir der Kontakt zu deiner Familie?
Es hat mich lange Zeit traurig gemacht. Ich hatte eine gute Kindheit und sehr liebevolle Eltern. Ich hege auch keinen Groll gegen sie, weil sie nur gemacht haben, was sie für richtig hielten. Mittlerweile ist mir der fehlende Kontakt relativ gleichgültig, weil ich das Familiengefühl einfach nicht mehr habe. Da meine Eltern aber wie gesagt ab und zu schreiben, blogge ich vorerst anonym, weil sie wahrscheinlich Repressalien in der Versammlung fürchten müssen, wenn rauskommt, dass ich dahinterstecke.

Du bloggst also nicht anonym, weil dir selbst die Zeugen Jehovas gefährlich werden könnten?
Nein, Zeugen Jehovas sind Pazifisten und lehnen Gewalt ab. Darum stellen sie auch keine so große Gefahr für die Gesellschaft dar wie andere Sekten. Ich sehe die Gefahr eher auf der persönlichen Seite, weil sie eine sehr suggestive Sprache wählen, die Menschen manipuliert, die dafür empfänglich sind.  

Auf deinem Blog veröffentlichst du jede Woche eine Episode. Hast du einen Plan, eine Chronologie mit Endpunkt?
Es ist nicht streng chronologisch. Aber ich fange mit meiner Kindheit und meiner Jugend bei den Zeugen an, um auf die ersten Zweifel zu kommen, bis hin zu meinem Ausschluss. Es ist so was wie mein ganz persönliches Breaking Bad in der Welt der Zeugen Jehovas.  

Im Glossar deines Blogs steht, dass die Kongresse  der Zeugen Jehovas als „Datingplattform“ für junge Mitglieder fungieren. Kommen da noch Pubertäts-Episoden auf den Leser zu?
Absolut! Die Kongresse und die Dating-Situation werden eine eigene Episode bekommen, generell werde ich noch auf den Umgang mit dem anderen Geschlecht eingehen. Es wird also auch für alle Romantiker und Seifenopernliebhaber noch etwas dabei sein. Und es wird Episoden geben, die skurril und harmlos sind, aber völlig weltfremd wirken. Jemand, der noch nie mit den Zeugen zu tun hatte, soll einen unterhaltsamen und aufklärerischen Einblick in meine Kindheit und Jugend bei den Zeugen bekommen.  

Weitere Geschichten über die Zeugen Jehovas findest du im jetzt.de-Beitrag „Abschied vom Wachtturm“, im Glossar zu Calebs Blog gibt es weitere Infos. Unter www.sektenausstieg.net gibt es eine Übersicht über Sektenausstiegs-Hilfen. Hilfestellung leistet auch die Ex-Zeugin und Aktivistin Barbara Kohout. Caleb rät außerdem, schon vor dem Ausstieg eine Therapie zu beginnen, damit man nicht alleingelassen wird. Er freut sich über Kontaktaufnahmen über sein Blog.



Text: nadja-schlueter - Foto: dpa

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