Partner von

„Meine Songs waren mein Tagebuch“

Der Brit Award ging in diesem Jahr an den unscheinbaren Sänger und Songschreiber Tom Odell. Wir haben mit dem 22-jährigen über Melancholie, Kitsch und sein Softie-Image gesprochen.
erik-brandt-hoege

jetzt.de:Tom, du hast mal gesagt, du hättest dich nie dafür entschieden, Songs zu schreiben – das wäre einfach so passiert. Wann ist das denn passiert?
Tom Odell: Ich war elf oder zwölf, als ich meine ersten Songs geschrieben habe.

Wovon handelten die?
Von der Spinne, die damals in meinem Zimmer lebte.  

Von einer Spinne?
Ja, die hing immer irgendwo zwischen dem Bettende und der Fensterbank. Eines Tages war sie plötzlich verschwunden, und ich habe mir Geschichten ausgedacht, wo sie wohl hin ist und was sie dort macht. Aus diesen Geschichten wurden Songs.  

Und wann wurden aus den Spinnensongs die Lovesongs, für die du jetzt bekannt bist?
Als ich 15 war, habe ich angefangen, Lieder über Liebe zu schreiben und allgemein darüber, was zu der Zeit in meinem Leben passierte. Damals begann ein ganz neuer Abschnitt für mich. Ich hatte plötzlich Freundinnen, habe mich verliebt, Beziehungen und Trennungen erlebt, Freunde gewonnen und verloren. Als Teenager passiert einem ja sehr schnell sehr viel.  

Welche Gefühlslagen haben dich denn besonders zum Schreiben gebracht?
Es war immer verschieden. Mal wollte ich unbedingt schreiben, als ich total glücklich war, mal, als ich unendlich traurig war. Was die Songs damals vereint hat, war, dass sie immer autobiografisch waren. Und immer sehr privat. Ich habe sie ausschließlich für mich geschrieben. Meine Songs waren mein Tagebuch.  

Weniger privat, aber immer noch sehr persönlich klingen deine heutigen Songs wie „Another Love“. Sie klingen, als hättest du heulend auf dem Bett gelegen und dir deinen Schmerz weg geschrieben. War’s manchmal so?
Genau wie „Another Love” nur ein Moment auf meinem Album ist, war die Traurigkeit, von der der Song handelt, auch nur ein Moment in meinem Leben.  Zugegeben ein sehr trauriger, weil gerade eine Beziehung zu Ende gegangen war, und ja, ich lag damals auch im Schlafzimmer und habe daran geschrieben. Aber ich habe damals auch schon die Hoffnung gehabt, dass ich mich bald besser fühlen würde. Dieses positive Gefühl habe ich dann auch in den Song eingebaut.  

Hast du ein Rezept gegen Traurigkeit? 
Schon wenn ich die ersten Anzeichen von Melancholie verspüre, mache ich Musik. Das mache ich immer, wenn ich in trübe Stimmung komme. Ich weiß nicht wieso, aber es zieht mich in solchen Momenten einfach zur Musik.  

Ist das dann Melancholie als Antrieb?
Melancholie entsteht ja nicht unbedingt durch Traurigkeit. Melancholie - das ist vor allem ein sehr starkes, tiefgehendes Gefühl. Und ich mag tiefgehende Gefühle. Extreme Gefühle. Und ich möchte, dass meine Musik extreme Gefühle transportiert.  

Inwiefern?
Wenn ich einen fröhlichen Song schreibe, möchte ich, dass er so fröhlich ist, dass alle, die ihn hören, auch fröhlich werden. Und wenn ich einen traurigen Song schreibe, möchte ich, dass die Leute beim Hören weinen. Wenn es mir gelingt, bestimmte Emotionen musikalisch umzusetzen, werde auch ich immer wieder in die Gefühlslage zurückversetzt, in der ich bestimmte Songs geschrieben habe, sobald ich sie irgendwann wieder höre.  

Wie steht’s mit Kitsch? Auch ein Extrem – und auch in deiner Musik zu finden.
So lange das, was als Kitsch wahrgenommen wird, von Herzen kommt, so lange es also echt ist, kann ich daran nichts Schlechtes finden.  

http://www.youtube.com/watch?v=5A-Y0DFUQNI

Neben Melancholie und Kitsch bestimmt eine weitere Komponente deine Musik: dein Image. Deine Art, Klavier zu spielen und zu singen, dieses Schluchzen, diese Zerbrechlichkeit in deiner Stimme: das alles wirkt so schüchtern, leicht verletzlich, irgendwie unschuldig. Bist du auch so?
Ich weiß nicht. Man muss mich wohl einfach kennen lernen und es dann selbst beurteilen. Ich möchte nicht so gerne über mich selbst sprechen.  

Aber du hast auch keine Probleme mit deinem Image – oder?
Nein, jeder kann ja von mir denken, was er will. Ich glaube auch, dass sich mein Image noch verändern wird, sobald die Leute mehr von mir hören. Sie werden schon noch andere Seiten von mir entdecken.

Einige Kritiker meinen, schon jetzt alle Seiten von dir zu kennen. Ein Autor des Guardian etwa nennt dich „the new softling on the block”. Kommst du damit zurecht?
So was überlese ich einfach, dem schenke ich gar keine Beachtung. Journalisten sollen schreiben, was sie wollen. Ich finde es nur grundsätzlich etwas problematisch, wenn Künstler von Kritikern vorschnell in Schubladen gesteckt werden.  

Kommt sicher auf die Schubladen an. Es gibt andere britische Kritiker, die dich und dein Songwriting mit dem von Coldplays Chris Martin vergleichen. Gefällt dir schon besser, stimmt’s?
Chris Martin ist ein toller Songwriter! Ich verbringe zwar nicht wirklich viel Zeit damit, Coldplay zu hören, aber ein solcher Vergleich ist natürlich ein Riesenkompliment. Das schmeichelt mir sehr, wenn es auch stimmt: auch hier wird letztendlich nur wieder eine Schublade geöffnet.  

Nachdem Erhalt des Critic’s Choice Awards stehen deine Chancen auf eine große Karriere gut. Vielleicht stehst du irgendwann auf so großen Bühnen wie Chris Martin. Wie fändest du das?
Hmm, darüber müsste ich nachdenken, wenn ich tatsächlich mal auf solch großen Bühnen stehen sollte. Im Moment bin ich sehr glücklich, dass schon so viele Leute meine Musik mögen und ich mittlerweile in größeren Hallen auftreten kann, als bis zuletzt. Seit ich 16 bin, spiele ich in kleinen Bars und Clubs. Immer wieder hatte ich Probleme mit der Akustik, und das Equipment war meistens auch nicht das beste. Von daher genieße ich es, jetzt schon ein paar mehr Möglichkeiten zu haben. 

Welcher Auftrittsort würde deiner Meinung nach denn größen- und atmosphärenmäßig am besten zu dir und deiner Musik passen?
Die Royal Albert Hall! Es war schon immer mein Traum, dort einmal zu spielen.

Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren