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"Mir fehlt, dass erfolgreiche Künstler auch mal was Politisches sagen!"

Marteria, der Mann mit der Brummstimme, hat den deutschsprachigen Rap grundlegend umgekrempelt. Zur Veröffentlichung seines neuen Albums haben wir mit ihm gesprochen: über Partys als Glücksbringer, Schwulenfeindlichkeit unter Rappern und seinen Kumpel Campino.
erik-brandt-hoege

jetzt.de: Ich habe gehört, seit der Veröffentlichung deines letzten Albums hättest du vor allem eines getan: "Länderpunkte" gesammelt. Was ist damit gemeint?
Marteria: Ich spiele seit einiger Zeit ein Spiel mit meinen Freunden, in dem es darum geht, so viele Länder zu bereisen, wie möglich. Für jedes Land gibt es einen Punkt. Ich persönlich fahre aber nicht einfach nur in fremde Länder, um Punkte zu sammeln, sondern möchte dort möglichst viel rumreisen und erkunden. Ein sehr lohnenswertes Spiel also! 

Gibt es Länderpunkte, die dir besonders wichtig sind?
Mir ging es immer darum, Eindrücke zu sammeln. Was das angeht, waren ein paar Länder in Afrika besonders wichtig für mich. Aber auch Island hat mich zum Beispiel sehr beeindruckt. Da wollte ich schon immer mal hin, allein, weil ich großer Björk-Fan bin. Und der Himalaya war auch eine unfassbare Erfahrung.

Mit den Toten Hosen warst du in Argentinien, Campino ist jetzt auch auf deinem neuen Album zu hören. Was verbindet euch?
In erster Linie Fußball (lacht). Nein, natürlich auch viele andere Dinge. Wir sind sehr gute Freunde. Und dann ist da der Generationen-Unterschied: Ich kann viel von ihm lernen, und er auch von mir.

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Will vielleicht eine Fußballschule aufmachen: Marten Laciny alias Marteria, 31.

Was denn so?
Im vergangenen Jahr haben die Hosen ja ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert, da habe ich mal das Umfeld der Band kennengelernt. Wie gut diese Menschen nach so vielen Jahren miteinander umgehen, fand ich toll. Niemand von denen ist arrogant oder irgendwie abgehoben.

Verbindet euch auch eine gemeinsame musikalische Attitüde? Du giltst schließlich auch als Punk deines Genres…
…was ich auch gut finde, obwohl ich mich mit solchen Begriffen schwer tue. Ich finde einfach, dass vieles in der deutschsprachigen Musik sehr monoton klingt, belanglos, und das nicht nur im Hip-Hop, sondern auch in der Popmusik und im Indie-Rock. Es klingt einfach sehr viel sehr gleich. Und da möchte ich nicht mitmachen.

Fehlt dir sonst noch was in der deutschsprachigen Musiklandschaft?
Mir fehlt, dass erfolgreiche Künstler auch mal was Politisches sagen. Gerade wenn man Erfolg hat, sollte man das ab und zu tun. Das wäre dann tatsächlich auch mal ein bisschen Punk.

Du hast schon öfter frauen- und schwulenfeindliche Texte im Hip-Hop kritisiert. Auf dem neuen Album rappst du: "Ich fahr’ mit ’nem eigenen Wagen über den CSD, schmeiß’ Gummis in die Menge und schrei’ gay okay!" Nehmen dir das deine weniger offenen Kollegen womöglich übel?
Ja, ist ja klar. Aber mir ist es relativ egal, was andere darüber sagen. Ich versuche zu vermitteln, was ich denke, nur so kann ich gute Musik machen. Hip-Hop war für mich auch nie das große Proll-Ding, sondern in erster Linie eine Möglichkeit, Schwächere zu beschützen. Als Rapper muss man auch mal die Fresse aufmachen!

Deine Plattenfirma wirbt für dich mit den Worten, du wärst mehr als nur Hip-Hop.
Ach, ich finde das okay. Wenn jemand in meiner Musik mehr darin sieht, nämlich den Teil einer Bewegung, dann ist das schließlich auch das, was ich darin sehe. Als ich angefangen habe, wollte ich helfen, Hip-Hop wieder geil zu machen. Und wenn man sich das heute anguckt, ist es auch gelungen.

http://www.youtube.com/watch?v=fkMg_X9lHMc "Kids", die erste Single zum neuen Album.

Ein zentraler textlicher Begriff deines neuen Albums, nicht nur im Titel, ist Glück. Würdest du dich momentan als glücklich bezeichnen?
Auf jeden Fall. Ich kann machen, was ich möchte, und stehe nicht mit einem Fragezeichen vor den nächsten Aufgaben. Ich weiß genau, was ich wie erreichen kann. Und damit meine ich nicht nur Musik.

Was hast du sonst noch vor?
Zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, eine Fußballschule aufzumachen. Man darf jetzt aber nicht denken, dass bei mir nur und rund um die Uhr Glück angesagt ist. Wie im Leben jedes Menschen gibt es auch bei mir eine Kurve, die aus ganz viel Glück auf der einen und ganz viel Trauer auf der anderen Seite besteht. Es geht immer wieder hoch und runter. Das drückt auch diese Platte aus.

Glück schien für dich ja auch immer die große Party zu bedeuten. Ist die jetzt eigentlich vorbei? In deinem Song "Kids" heißt es: "Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern" – stattdessen haben alle Jobs, ziehen aufs Land und machen Urlaub in Schweden.
Man kann diesen Song unterschiedlich interpretieren, gerade weil er ein Mix aus Ernst und Spaß ist. Ich meine: Natürlich fahren immer noch viele Leute nach Malle und natürlich sind viele noch hart am Feiern. Das ist ja auch okay. Die Kritik ist eher die am Bild, das viele von uns und unserer Gesellschaft in Deutschland haben. Dieses Bild davon, dass tatsächlich alle immer glücklich und stark sind. Das ist nämlich ganz großer Quatsch.

Brauchst du denn noch die große Party? Brauchst du noch das Kiffen, Saufen und Feiern, um glücklich zu sein?
Nein, es ist nicht so, dass ich jede Nacht raus muss. Aber ich finde, es gehört dazu, ab und zu auch mal abzufeiern, die Sau raus zu lassen und auf alles zu scheißen.

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"Zum Glück in die Zukunft II" von Marteria erscheint am 31. Januar.

Text: erik-brandt-hoege - Foto: oh

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