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"Schauspieler haben in Deutschland keine Lobby"

Sönke Möhring steht immer etwas im Schatten seines großen Bruders Wotan Wilke - und das, obwohl er mit "The Impossible" erneut in einer internationalen Kinoproduktion zu sehen ist. Ein Interview über das Verhältnis zu seinem Bruder und die Abgewichstheit von Hollywood-Stars.
daniel-schieferdecker

jetzt.de: Im Film „The Impossible“ bist du neben gestandenen Hollywood-Stars wie Ewan McGregor und Naomi Watts zu sehen. Wie bist du an die Rolle gekommen?
Sönke Möhring: Eigentlich ganz klassisch: Es gab ein kleines Casting für eine sehr emotionale Szene zwischen Ewan McGregor und mir. Leider fiel dann dem Schnitt einiges zum Opfer, weil der Fokus auf Ewan liegt. Verständlich, aber schon ein bisschen ärgerlich, weil ich wahnsinnig viel in die Rolle reingesteckt habe.  

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Sönke Möhring

Nichtsdestotrotz hast du Regisseur Juan Antonio Bayona offensichtlich überzeugt.
Juan Antonio kannte mich bereits aus „Inglorious Basterds“ und wollte mit mir arbeiten. Und wenn sich die Leute an eine deiner Figuren erinnern, ist das natürlich ein tolles Kompliment.  

Du hast zwar keine Hauptrolle, spielst aber in der bewegendsten Szene des Films mit, als Ewan McGregor bei einem Telefonat mit seinen Angehörigen zusammenbricht. Erkennt man in solchen emotionalen Szenen einen qualitativen Unterschied zwischen einer internationalen Schauspielgröße wie Ewan McGregor und hiesigen Kollegen?
Jungs wie Ewan McGregor oder Brad Pitt sind abgewichste Profis – im positiven Sinne. Die wissen haargenau, was sie vor der Kamera zu tun haben. Außerdem sind die wahnsinnig kollegial. Und warum? Weil sie schlau sind!  

Wie meinst du das?
Die haben keine Allüren. Die wissen, dass sie nur dann ihr Bestes geben können, wenn sie für eine angenehme Atmosphäre sorgen, in der auch alle anderen ihr Bestes geben wollen.  

Also stimmt es, dass der Grad an Professionalität bei Hollywood-Schauspielern höher ist?
Ja, das stimmt. Das habe ich bereits bei Brad Pitt gemerkt. Der hat mich beim Dreh zu „Inglorious Basterds“ zwei Tage lang angespielt, obwohl er gar nicht im Bild war. Er hätte genauso gut ein Double kommen lassen können, um seinen Text vorzulesen, aber er hat das selbst gemacht. Bei Ewan war es ähnlich: Als er mitbekommen hat, dass ich in unserer gemeinsamen Szene von einem Double angespielt werde, hat er mir sofort eine SMS geschickt und gefragt, ob er kommen soll. Das ist der Unterschied. Diese Leute brennen für ihren Job. Und das hat mich sehr beeindruckt.  

Dann ist Ewan tatsächlich ein so netter Kerl, wie man ihn sich vorstellt?
 Absolut! Wir haben uns super verstanden und waren abends oft zusammen essen, wenn wir drehfrei hatten. Ewan ist ein ganz feiner Kerl.  

Der Film beruht auf wahren Begebenheiten und erzählt die Geschichte einer fünfköpfigen Familie während des schlimmen Erbebens im Indischen Ozean vor acht Jahren. War es nicht ein bisschen befremdlich, über diese schreckliche Naturkatastrophe aus der Sicht von fünf Überlebenden zu erzählen, während 300.000 Menschen dabei den Tod gefunden haben?
Ich verstehe, was du meinst: Für uns Westler ist das eine etwas makabre Vorstellung. Aber die Thailänder gehen mit dem Thema „Tod“ ganz anders um. Wir haben auch mit vielen Betroffen gesprochen, die uns bereitwillig von ihren persönlichen Schicksalen erzählt haben. Da gab es keinerlei negative Reaktionen.  

Dennoch begibt man sich moralisch auf sehr dünnes Eis, wenn man aus dem Leid von Menschen einen kommerziellen Film macht.
Ich sehe es nicht so, dass wir uns am Leid der Leute bereichern. Im Gegenteil: Unsere Geschichte erzählt ja von der Hoffnung einer ausweglos erscheinenden Situation, und das kann nichts Schlechtes sein. Aber klar: Im dem Fall ist das ein heikles Thema, mit dem du als Schauspieler entsprechend verantwortungsvoll umgehen musst. Der Film hat vielleicht auch einen gewissen Kitsch-Faktor. Aber wenn du eine Geschichte groß in die Welt tragen willst, musst du auch auf die entsprechenden Mittel zurückgreifen. Und es scheint zu funktionieren: In Spanien hat der Film bereits über 6 Millionen Zuschauer ins Kino gelockt. Und auch in England, Frankreich und den USA läuft er bereits recht erfolgreich.  

Dein Bruder Wotan ist ebenfalls Schauspieler und hatte 2012 ein wahnsinnig erfolgreiches Jahr. In wie vielen Interviews wirst du auf ihn angesprochen?
Ganz ehrlich: in allen (lacht).  

Nervt dich das?
Nein, gar nicht. Er hat sich seine tolle Karriere wahnsinnig hart erarbeitet, und das gönne ich ihm von Herzen.  

Hilft es dir manchmal, dass Wotan so erfolgreich ist?
Nein, nicht mehr.  

Nicht mehr?
Niemand bietet mir nur deshalb eine Rolle an, weil ich der Bruder von Wotan bin. Aber natürlich habe ich durch ihn ein paar Kontakte knüpfen können. Am Ende des Tages musst du aber durch dein schauspielerisches Können überzeugen und nicht durch deinen Verwandtschaftsgrad.  

In „Inglorious Basterds“ hast du an der Seite von Brad Pitt gedreht, nun mit Ewan McGregor. Strebst du eine internationale Karriere an?
Es ist immer toll, solche Projekte realisieren zu können, aber ich muss keine große Karriere in Hollywood machen. Wenn ich alle zwei Jahre mal so einen Film machen kann, reicht mir das vollkommen. Das tut nicht nur meinem Ego gut, auch die Arbeitsweise ist sehr angenehm: Man hat Zeit, man hat Geld, man hat großartige Kollegen und es wird für alles gesorgt.  

Ist das ein angenehmeres Arbeiten als bei einer deutschen Produktion?
Man kann eine große Hollywood-Produktion natürlich nicht mit den Dreharbeiten für einen kleinen deutschen Fernsehfilm vergleichen. Was die Deutschen mit ihren Minimalbudgets auf die Beine stellen ist beeindruckend. Aber bei großen Hollywood-Produktionen hat man einfach mehr Möglichkeiten. Daran kann man sich gewöhnen, aber dennoch lebe und arbeite ich in Deutschland, da sollte man schön realistisch bleiben. Ich freue mich, wenn ich in solchen Produktionen mal dabei sein darf. Ich bin aber genügsam: Wenn ich weiß, die Miete ist bezahlt, der Kühlschrank ist voll und die Familie ist versorgt, dann reicht mir das bereits. In dieser Hinsicht bin ich sowieso schon privilegierter als 80 Prozent aller anderen deutschen Schauspieler.  

Du spielst darauf an, dass die meisten deutschen Schauspieler am Existenzminimum leben.
Ja. Wenn du Schauspieler bist und eine Familie zu ernähren hast, hast du echt ein Problem. Ich merke das auch in meinem Umfeld. Da gibt es ganz viel Wut und Frust. Zu Recht. Schauspieler haben in Deutschland einfach keine richtige Lobby.  

Du kommst aber hoffentlich gut zurecht.
Ja. Seit drei Jahren läuft es ganz gut, obwohl es natürlich immer noch Verbesserungspotenzial gibt. Ab einem gewissen Alter und einem gewissen Standing muss man zudem auf seine Rollenauswahl achten. Ich kann nicht mehr jeden Quatsch annehmen, selbst wenn es ein bisschen Geld bringt. Ich bin mittlerweile 40, und da muss man auch mal für irgendetwas stehen.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: o.H.

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