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"Seit ich mich erinnern kann, grabschen mir Leute ungefragt an den Kopf"

Lehrer, die Witze über die Haare ihrer Schülerin machen, und die Frage "Wo kommst du her?": Anne Chebu, 27, Journalistin und Moderatorin, hat als Schwarze in Deutschland viele Erfahrungen mit Alltagsrassismus gemacht. Darum hat sie ein Buch geschrieben: "Anleitung zum Schwarz sein".
jonathan-fischer

jetzt.de: Anne, du hast einen Ratgeber für schwarze Deutsche geschrieben. Muss man denn das Schwarzsein mit Hilfe von Büchern lernen?
Anne Chebu: Um eines vorab zu klären: Ich schreibe Schwarz mit großem S, weil es hier nicht um eine Farbe, sondern um eine Identität geht. Ich begegne immer wieder Schwarzen, die sich noch nie Gedanken darüber gemacht haben – etwa weil sie isoliert auf dem Land aufgewachsen sind, ihnen der Kontakt zu anderen Schwarzen fehlte. Irgendwann kommt aber für jeden der Moment, in dem er sich fragt: Wer bin ich? Wie nenne ich mich? Was toleriere ich von anderen? Diese Menschen werden dann oft von widersprüchlichen Informationen überrollt. Etwa wenn sie gelernt haben, Namen wie „Neger“ oder „Mischling“ zu akzeptieren und dann auf andere Schwarze mit einem gesteigerten Bewusstsein für Rassismen treffen...

Hast du selbst einen solchen Schock erlebt?
Nein, meine weiße Mutter und mein schwarzer Vater haben eine politisch korrekte Sprache gepflegt und mich in einen Kindergarten mit anderen afrodeutschen Kindern geschickt. Ich hatte später aber kaum schwarze Freunde – und litt an einem schleichenden Unwohlsein. Erst als ich zu einem Treffen der Initiative Schwarzer Deutscher ging, fühlte ich mich das erste Mal wirklich sicher und zu Hause...

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Anne Chebu im Kampf gegen das N-Wort und Alltagsrassismus

Weil du im Alltag ständig auf deine Hautfarbe gestoßen wirst?
Ich habe besonders die vielen Kommentare über meine Haare als rassistisch erlebt. Seit ich mich erinnern kann, grabschen mir fremde Leute ungefragt an den Kopf. In der Schule witzelten die Lehrer, der hinter mir könne nichts sehen, weil ich so viele Haare hätte. Wenn ich mich dagegen gewehrt habe, hieß es: Sei doch nicht so empfindlich! Auch deshalb habe ich das Buch geschrieben. Als Stärkung gegen die Übergriffe im Alltag.

Du schreibst allerdings in einem sehr viel versöhnlicheren Tonfall als etwa Noah Sow, deren Buch „Deutschland Schwarz-Weiß“ selbst die Wohlwollenden als Rassisten entlarvt...
Noah Sow wollte ja auch explizit Weiße konfrontieren. Während ich mir beim Schreiben vorgestellt habe, dass ich meine Leser an der Hand nehme und sie durch die sehr heterogene „schwarze Community in Deutschland“ führe.

Das klingt sehr pädagogisch. Gibt es nicht auch Themen, bei denen du wütend wirst?
Ja, etwa wenn ich an der Litfasssäule groß „Neger“ lese. Egal, ob es sich um ein Theaterstück aus den Sechziger Jahren handelt und man damals noch eine andere Sprache benutzte: Das Wort verursacht mir und den meisten Afrodeutschen körperliches Unwohlsein. Nur: Unsere Gefühle, die empfundene Diskriminierung werden meist nicht ernst genommen. Statt „interessant, das habe ich noch nicht gewusst“, hören wir immer „Ja aber, ja aber, ja aber...“ Als ob man uns erklären müsste, wann wir betroffen sein dürfen und wann nicht.

Was hältst du von HipHop-Fans, die sich unabhängig von der Hautfarbe als „Nigger“ anreden?
Schrecklich! Ich kommentiere solche Dummheiten immer – allein schon, damit das nicht auch noch der nächste Schwarze anhören muss. Ebenso kritisch sehe ich übrigens alle abwertenden Begriffe für Minderheiten, egal ob Zigeuner oder Krüppel.

Du nimmst dafür in Kauf, als politisch korrekter Spielverderber abgestempelt zu werden?
Natürlich höre ich öfter Kritik: Stell dich nicht so an. Oder: Was musst du dauernd dein Schwarzsein thematisieren? Dabei begegnen jedem schwarzen Deutschen täglich dieselben Standard-Peinlichkeiten: Man sitzt im Zug oder im Restaurant und wird angesprochen. „Woher kommst Du?“ Wenn ich antworte „aus Nürnberg“ kann ich mir sicher sein, dass das Gegenüber weiter bohrt: „Und ursprünglich? Ja aber deine Eltern?“ Wie reagierst du darauf? Das kommt auf die Person an. Wenn so eine Frage aber aus dem Off kommt, kontere ich schon mal: „Und du? Wo kommst du ursprünglich her? Bist du wirklich in Deutschland geboren? Und deine Eltern auch?“ Erst dann merken manche, wie sehr dieses Hinterherfragen nervt. Viele Afrodeutsche hören auch immer wieder: „Du sprichst aber gut deutsch“. In England und Amerika würde Schwarzen so etwas kaum passieren.

Viele Menschen assoziieren mit Schwarzen nicht nur Ausländer, sondern auch Gesangs-, Tanz- und Entertainment-Talente. Kennst du auch diese positive Diskriminierung?
In der Schule forderten mich meine weißen Klassenkameraden auf: „Tanz mal, du bist doch schwarz, du musst doch gut tanzen“. Bis zur nächsten Schul-Disco bat ich eine Freundin, mir das Tanzen beizubringen, und übte täglich stundenlang vor dem Spiegel. Ich fühlte enormen Druck, wollte ihr Bild von mir nicht enttäuschen. Dabei bin ich als geborene Fränkin auf der Tanzfläche nicht anders als die blonde Lieselotte....

Du schreibst, dass du Faschingsfeiern generell vermeidest, weil du immer wieder weiße Menschen mit schwarz angemalten Gesichtern siehst, die das auch noch mordsmäßig lustig finden. Hilft in solchen Fällen das Reden?
Ich habe schlechte Erfahrungen mit Diskutieren gemacht: Weil es oft gar nicht um mangelndes Wissen geht. Sondern um bloßes Rechthaben – bis dahin, dass mir Weiße meine Gefühle ausreden wollen. Mit denen will ich nichts zu tun haben.

Kann da Humor helfen? Der afrodeutsche Komiker Marius Jung fordert sein Publikum auf, „so oft Neger zu sagen, bis Sie selbst lachen müssen“.
Diese Art von Humor geht mir gelinde gesagt auf die Nerven. Ich hatte da mal ein Erlebnis mit einem schwarzen DJ, der das Lied „Zehn kleine Negerlein“ auflegte. Er wolle die Menschen provozieren, über Rassismus nachzudenken. Sagte er. Aber es war Samstagnacht: Alle grölten mit und ich bekam Bauchschmerzen bei diesem Freifahrtschein für das N-Wort. Ironie und Rassismus: Das geht für mich nicht zusammen. Voraussetzung dafür wäre, dass sich alle Zuhörer kritisch mit Rassismus auseinandergesetzt haben.

Du behauptest sogar, dass die feinen Nadelstiche im Alltag oft gerade von den vermeintlich Aufgeklärten kommen...
Ein Beispiel: Mit 18 Jahren besuchte ich das erste Mal eine angesagte Diskothek in Nürnberg. Der ganze Laden war mit afrikanischen Stoffen und Schnitzereien ausstaffiert. Ich war noch keine zwei Minuten drinnen – da sprach mich schon der Chef an: Du bekommst einen Job bei mir. Du passt gut zu unserer Deko. Damals nahm ich an. Ich hatte mich noch nicht mit meinem Schwarzsein beschäftigt. Aber diese Bemerkung bohrte lange in mir, ich will als Mensch, nicht als Deko gesehen werden...

Was müsste passieren, damit das Schwarzsein in Deutschland kein Spießruten-Lauf mehr ist?
Das fängt bei der Einlass-Politik vieler Clubs an: Ich bin etwa vom Türsteher des Münchner Max & Moritz, der seinen ersten Tag hatte und noch nicht die richtige Umschreibung kannte, abgewiesen worden: „Ausländer kommen hier nicht rein“. Und dann das Fernsehen: Da sollen wir Schwarze im Fernsehen möglichst nur Tanz, Mode und Sport repräsentieren. Du kannst dir kaum den Eiertanz der Bedenkenträger vorstellen, wenn es darum geht, dem Publikum eine schwarze Moderatorin in einer Nachrichtensendung zuzumuten. Und warum eigentlich sehen wir nie eine schwarze Ärztin oder Lehrerin in einer Vorabendserie, ohne dass diese zwangsläufig auch noch Kriegs-Flüchtling und genitalverstümmelt ist?

"Anleitung zum Schwarz sein" ist im Unrast Verlag erschienen.

Text: jonathan-fischer - Foto: Unrast Verlag

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