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„Selbst Meese hat einen Punkt gemacht, den man einigermaßen nachvollziehen kann“

Mit Jonathan Meese über Politik reden? Unbedingt, sagen die Erfinder von "Eine Stimme"! Sie wollen mit ihrer Interviewreihe mit Pop-Prominenten Jugendliche für Politik begeistern. Das funktioniere am besten, wenn man die Zuschauer zu Widerspruch reizt, sagt Initiator Bastian Asdonk im Interview.
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Wie können die öffentlich-rechtlichen Medien den Sprung ins Internet schaffen und die erreichen, die vor allem digital kommunizieren und sich informieren? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Forschungsprojekt „Grundversorgung 2.0“ der Leuphana Universität Lüneburg. In diesem Rahmen ist eine Videoreihe entstanden, die vor der Bundestagswahl 2013 junge Menschen für politische Themen begeistern soll: Für „Eine Stimme“ werden Prominente aus der deutschen Popkultur zu ihren politischen Standpunkten befragt. Was stört dich an unserer Politik? Welche Themen sind dir wichtig? Ihre Antworten sollen Anstoß zu einer Diskussion sein, die über Kommentare auf YouTube, Bastian Asdonk, Initiator von "Eine Stimme"

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jetzt.de: Lady Bitch Ray, Jonathan Meese, Niels Ruf: Ihr habt ziemlich viele polarisierende Persönlichkeiten in eurer Interviewauswahl.  Bastian Asdonk: Ja, wir wollten Leute, die sich hinstellen und eine Meinung vertreten. Ich find es wahnsinnig interessant, den Punkt zu finden, an dem die Zuschauer reagieren und sagen „Jetzt will ich mich in die Debatte einmischen!“ Es soll aber keine reine Radaugeschichte sein und erstaunlicherweise haben sich sogar die, von denen man denkt, dass sie Krawall machen würden, gut benommen. Selbst Meese hat einen Punkt gemacht, den man einigermaßen nachvollziehen kann, und hat keine Bayreuth-Performance abgezogen.

 

Wie wählt ihr eure Interviewpartner denn konkret aus?

Die Vorgabe war, nichts mit Politikern zu machen, weil die jetzt vor der Wahl täglich in verschiedenen Konstellationen bei verschiedenen Talkmastern sitzen. Darum haben wir beschlossen, uns an die Leute zu wenden, die normalerweise nicht das Sommerinterview oder die Tagesthemen gucken. Das hat auch wieder mit dem Grundversorgungsgedanken zu tun: der durchschnittliche öffentlich-rechtliche Zuschauer ist um die 61 oder 62, aber alle müssen Gebühren zahlen. Wir wollten also Leute interviewen, die in der Peer-Group der Jüngeren relevant sind, aber keine Expertenmeinung zum Thema Politik abgeben, sondern eine Bürgermeinung, und versuchen, über die eine Interaktion auszulösen. Wir haben uns am Anfang eine Wunschliste von 150 Leuten gemacht und bei der Vorrecherche geschaut, wer eine politische Meinung vertritt, auch mal was sagt oder bei Facebook postet.

 

Haben viele, die ihr anfragt, Lust drauf?

Nein. Politik ist immer noch ein Thema, das viele nicht anfassen wollen. Sie haben entweder Sorge, einer bestimmten politischen Haltung zugeordnet zu werden, oder sie sagen: Ich versteh nichts davon. Das ist schade, weil es ja eben nicht darum geht, dass jemand total kompetent über die Agenda-Gesetzgebung referiert, sondern einfach sagt, was ihn berührt und was das im täglichen Leben bedeutet. Und die Zuschauer sollen dann über Kommentare und Videoantworten interagieren.

 "Eine Stimme" mit Niels Ruf

 

Wie läuft diese Interaktion und Diskussion bisher?

Alle sagen ja immer, YouTube ist das Sammelbecken für alle menschenverachtenden und gehässigen Kommentare. Aber über Facebook und YouTube sind bestimmt über tausend Kommentare zu den verschiedenen Videos bei uns eingegangen und davon ist glaube ich nur einer entfernt worden. Es ist eher lustig, auf wie vielen Ebenen die Leute darüber reden. Es gibt welche, die sehr stark inhaltlich über Themen reden, aber natürlich auch welche, die sich über die Frisur oder die Schuhe des Gastes mokieren.

 

Also werden die Gäste auch persönlich auseinandergenommen?

Das war ja die Idee: Leute erzählen möglichst persönlich etwas aus ihrem Leben und das soll Startpunkt für eine Diskussion sein. Wenn du von Vorneherein sagst: „Lass uns mal ein politisches Gespräch führen“, ist das wahnsinnig schwierig. Wir haben uns auch gefragt, ob es eine Trivialisierung ist und wir komplexe Themen zu klein machen. Aber bei vielen Sachen hat das gut funktioniert. Der Rapper Weekend zum Beispiel ist Sozialarbeiter und erzählt, was das Betreuungsgeld in seinem Arbeitsalltag bedeutet. Das ist ein wahnsinnig guter Zugang zu diesem Thema.

Konntest du in den bisherigen Interviews einen Konsens erkennen?  Zum einen sagen viele: Wir sind politisch und wir empfinden vieles, was in unserer Umgebung passiert, als politisch. Gleichzeitig ist aber eine große Distanz zu Parteien und Repräsentationssystemen da. Das ist ein Problem. Ich glaube, dass das durch diesen Wahlkampf noch mal verstärkt worden ist, weil man das Gefühl hat, dass alles ganz okay ist, und gleichzeitig im eigenen Leben die Erfahrung macht, dass ganz viel nicht stimmt. Das Thema Gerechtigkeit kommt in den Interviews immer wieder auf. Zum anderen gibt es eine relativ liberale Grundhaltung, wahrscheinlich, weil wir viele Künstler in den Interviews haben. Wir bemühen uns ja sehr um Konservative, aber die sind gar nicht so einfach zu finden.

 

Wer war denn der oder die Konservativste?

Hagen Stoll von "Haudegen" ist ein Konservativer im echten Wortsinn, bei dem es um Gemeinschaft und Zusammenhalt geht. Er ist auch bisher der einzige, der dezidiert sagt, was er wählt.

 

Wie war die Rückmeldung auf dieses Interview?

Er hat das Interview auf der "Haudegen"-Facebookseite gepostet und da gibt es hunderte von Kommentaren, in denen klar wird, dass sich deren Fanbase sowohl am extrem rechten als auch am linken Rand bewegt. Und da scheint es an beiden Rändern das Gefühl zu geben: Wir werden abgehängt, wir gehören nicht richtig dazu.

 

Habt ihr bei den Interviews keine Angst, nur Stammtischsprüche vorgesetzt zu bekommen?

Doch, klar, aber am Ende ist das die Art, wie über Politik gesprochen wird. Und ich finde es wichtig, dass man genau auf solche Aussagen auch Argumente hat, denn das ist die Realität der politischen Diskussion. Das, was in Familien, in Kneipen, unter Freunden stattfindet, und das, was in Nachrichtensendungen stattfindet, sind zwei Welten.

 

Kannst du die Zielgruppe definieren, die ihr erreichen wollt?

Im Grunde alle Leute zwischen 20 und 35, wobei das Alter nicht entscheidend ist. Es geht darum, Leute für Politik zu interessieren, egal, ob sie jetzt wählen dürfen oder nicht, oder ob sie vielleicht auch andere Medien schauen. Wir wollen ja keine Nachrichtensendung ersetzen, sondern ein zusätzliches Angebot machen. Jeder, den es interessiert, ist willkommen.

 

Und wen erreicht es?

Schon die genannte Altersgruppe und unsere Nutzerforschung zeigt auch, dass wir bisher ein relativ ausgeglichenes Geschlechterverhältnis hatten. Als wir zwei, drei Rapper hintereinander hatten, gab es allerdings auf einmal einen Überhang von 70 Prozent Männern.

"Eine Stimme" mit Sängerin SAFI

 

Ihr habt bisher aber auch erst zwei Frauen interviewt. Nicht grade viel.

Ja, total! Wir haben wirklich viele angefragt und viele haben abgesagt. Aber da wir keine Themen vorgeben, erzählt dir dann überraschenderweise jemand wie Niels Ruf etwas über Frauenthemen.

 

Wie geht es weiter?

Wir wollen bis zu Bundestagswahl etwa 40 Interviews machen und einen fixen Endpunkt haben. Das kann ein Google-Hangout sein oder es kann sein, dass wir im Wohnzimmer oder im Studio das letzte Video mit Politikern drehen, um die Aktion noch mal in die politische Welt zu tragen. Ich fände es aber schade, wenn das Ganze wieder in Floskeln endet, man also Politikern unsere Videos zeigt und dann sagen sie wieder, was sie immer sagen. Darum muss man erstmal Leute finden, die Lust haben, über so was zu sprechen.

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