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"Sexsucht ist in erster Linie eine Flucht"

Dieter Kosslick bezeichnete ihn als "Sexiest Man" der Berlinale: Michael Fassbender, Hollywood-Star mit deutsch-irischen Wurzeln. Im Film "Shame" spielt er einen Sexsüchtigen. Ein Interview über Männer, Frauen, Lust und Sexszenen.
daniel-schieferdecker
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jetzt.de: Du siehst erschöpft aus.
Michael Fassbender: Ich war gestern auf einer Premierenparty und habe ausgiebig getanzt.

Manche Menschen sind der Meinung, Männer sollten nicht tanzen, weil es unmännlich sei...
Ach, das kann nur von Typen kommen, die keinerlei Rhythmusgefühl besitzen und genau wissen, welche Wirkung gute Tänzer auf das weibliche Geschlecht haben. Man sagt nicht umsonst, ein guter Tänzer ist auch gut im Bett.

Und du bist sicherlich ein guter Tänzer?
Davon kannst du ausgehen!

In deinem neuen Film „Shame“ spielst du einen Sexsüchtigen. Was ist unangenehmer: Sex vor laufender Kamera darzustellen oder vor laufendem Aufnahmegerät darüber zu reden?
Ich muss mich nicht ständig vor anderen Leuten nackt machen, insofern spreche ich lieber darüber. Aber für „Shame“ waren die Sexszenen unerlässlich, weil dem Publikum dadurch ein wichtiger Aspekt meiner Filmfigur Brandon offenbart wird. Denn Brandon hat mit routinierter Körperlichkeit kein Problem, wohl aber mit Intimität. Er hasst sich selbst. Das wird auch in den Sex-Szenen deutlich.

Die Sexszenen im Film sind gespielt. Wenn Regisseur Steve McQueen dich aus Gründen der Authentizität gebeten hätte, wirklich mit den Darstellerinnen zu schlafen: Hättest du es getan?
Nein. Ich bin Schauspieler. Die Kunst liegt darin, die perfekte Illusion zu erschaffen. Es wirklich zu tun, wäre mir nicht nur extrem unangenehm, sondern auch künstlerisch unbefriedigend gewesen.

Du bist beruflich sehr erfolgreich. Das dürfte auch mit der Möglichkeit einhergehen, deine sexuellen Bedürfnisse bei Bedarf problemlos ausleben zu können. Steigt die Gefahr der Sexsucht mit der Menge an Möglichkeiten?
Ich denke schon. Aber das hängt auch von vielen anderen Faktoren ab wie der Menge an Problemen in deinem Leben und vom eigenen Selbstwertgefühl. Sexsucht hat nichts mit dem genussvollen Auskosten von Lust und Leidenschaft zu tun, sondern ist in erster Linie eine Flucht – vor dem Leben, vor der Liebe und vor sich selbst. Steve McQueen hat das in einem Satz sehr schön auf den Punkt gebracht, als er sagte: Sexsucht hat mit Lust so viel zu tun wie Alkoholismus mit Durst.

http://www.youtube.com/watch?v=iBnBeLrliyQ

Der Film ist eine Parabel auf die Zerstörung der Lust durch die permanente Verfügbarkeit von Sex. Teilst du die Ansicht, dass die ständige Verfügbarkeit von Sex seinen Wert mindert?
Ich glaube nicht, dass dadurch der ehrlich gemeinte Austausch von Intimitäten mit dem geliebten Partner an Bedeutung verliert. Aber die Übersexualisierung der Gesellschaft lässt uns abstumpfen. Wenn ich früher Pornografie sehen wollte, musste ich mit hochrotem Kopf in einem Sexshop danach fragen. Heute ist Pornografie bloß noch zwei Internet-Clicks entfernt, und das beeinflusst sehr wohl den Umgang mit ihr – ohne das bewerten oder verteufeln zu wollen.

Du hast keine Meinung dazu, ob diese Entwicklung gut oder schlecht ist?
Wir möchten mit dem Film nicht urteilen, sondern Gegebenheiten abbilden. Ich persönlich finde Pornografie nicht zwangsläufig schlecht, aber in Anbetracht der Tatsache, dass der sexuelle Akt in Pornofilmen häufig hart und gewaltsam dargestellt wird, muss man sich natürlich fragen, welchen Einfluss dieser Umstand auf unsere Kinder hat, deren erste Berührungspunkte mit Sex Pornografie im Internet ist.

Regisseur Steve McQueen hat auch gesagt, mit „Shame“ hätte er zeigen wollen, was es heutzutage bedeutet, ein Mann zu sein. Bist du der Ansicht, dass man es als Mann heute schwerer hat als vor, sagen wir mal, 30 Jahren?
Ich denke schon, ja – aber das gilt für Frauen vermutlich genauso. Damals waren die Rollen einfach noch klarer verteilt. Man wusste, was von einem erwartet wurde. Doch die Erwartungen, Möglichkeiten und Anforderungen haben sich mittlerweile verschoben. Wir müssen ständig neu lernen, wie wir unsere Geschlechterrolle zu spielen haben. Gleichzeitig gibt es in sämtlichen Bereichen viel mehr Alternativen, und Entscheidungen müssen viel schneller gefällt werden. Das stellt für jeden von uns eine permanente Herausforderung dar. Für Männer und Frauen.

Welche Eigenschaften werden von einem Mann im Jahr 2012 denn erwartet? Was macht einen Mann heute attraktiv?
Selbstvertrauen. Das ist das Wichtigste. Das war aber vor 30 Jahren auch schon so.  

Dein Schauspielkollege Matthew McConaughey ist hingegen der Meinung, der Weg zum Herzen einer Frau führe über seinen Humor.
Das ist sicherlich nicht ganz verkehrt. Aber was nützt dir der beste Sinn für Humor, wenn du nicht das Selbstbewusstsein besitzt, ihn richtig einzusetzen? Ein gesunder Glaube an sich selbst ist der Ursprung von allem. Daraus entwickeln sich deine Ausstrahlung, dein Auftreten und auch dein Humor.

Was ist mit Geld und Erfolg? Für einige Frauen stehen auch solche Dinge immer noch hoch im Kurs.
Das spricht weder für den Charakter der Frauen noch für ihr Selbstbewusstsein. Ein solches Anforderungsprofil ist vor allem eins: armselig.

Zum Schluss noch ein Kompliment: Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat dich als „Sexiest Man“ der diesjährigen Berlinale bezeichnet. Was sagst du dazu?
Dieter Kosslick ist ein ein sehr kluger Mann.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: Reuters

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