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"Sie sollen sich spüren lernen"

Eine Sexologin und eine Journalistin haben mit "Make love" ein modernes Aufklärungsbuch geschrieben. Brauchen wir das? Ein Interview
christina-waechter

Frau Henning, wie sind Sie im Jahr 2012 darauf gekommen, ein Aufklärungsbuch zu schreiben? Sind Sie eines Morgens mit der Idee im Kopf aufgewacht?
Nicht so ganz. Ich habe bei einem Interview meine Ko-Autorin Tina Bremer-Olszewski kennen gelernt und sie bald gefragt, ob sie Lust hätte, ein Buch mit mir zu schreiben. Eigentlich wollte ich ein Buch für Erwachsene schreiben, weil ich immer wieder in meiner Praxis feststelle, dass die Leute von Sex eigentlich keine Ahnung haben. Und als sie beim nächsten Mal bei mir war, zum Kennen lernen und darüber sprechen, da kam auch schon die Anfrage des Verlags. Jetzt ist es ein Buch für Jugendliche geworden, aber das ist natürlich noch besser, schließlich müssen die es jetzt lernen, damit sie als Erwachsene keine Probleme haben.

Mit welchem Gefühl sollen die Kinder und Jugendlichen das Buch beiseite legen?
Sie sollen sich spüren lernen, das ist das große Ziel des Buches. Deshalb haben wir auch so viele Übungen eingebaut mit der Aufforderung, sich zu erfahren und sich anzufassen. Das ist das allerwichtigste Ziel. Erst dann kann man nämlich sagen, was man möchte und was nicht. Das meiste Wissen über Sex erlernen die Kinder vor dem Rechner mit Pornos. Jeder zweite elf- bis 13-Jährigeg schaut Pornos und im Alter ab 14 Jahren sind es schon 80 Prozent. Sie lernen Sexualität also vor dem Bildschirm. Und dort sehen sie Paare, die kopulieren, die sich nicht streicheln oder küssen, das ist pures Wieselficken. Und das ist dann ihr Wissen über Sexualität, damit gehen sie in eine Beziehung rein und haben zum ersten Mal Sex.

 

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Muss Aufklärung für Mädchen eigentlich anders aussehen, als für Jungs? Im Prinzip brauchen beide das gleiche. Aber sie lernen von Anfang an etwas Anderes. Mädchen fangen zum Teil erst mit einem Partner an, ihre Sexualität zu erkunden und kennen sich gar nicht. Ihnen wird meist als Kind verboten, sich anzufassen und zu erforschen. Im Gegensatz zu Jungs, die von klein auf lernen, stolz auf ihren Pimmel zu sein. Mädchen haben sich also, wenn es dann los geht mit dem Sex, viel weniger mit ihrem Geschlecht beschäftigt und müssten eigentlich viel nachholen.

Im Buch gibt es auch zwei Fotostrecken mit sehr ästhetischen, aber auch sehr expliziten Bildern der Fotografin Heji Shin, die Paare beim Sex fotografiert hat. Warum haben Sie sich entschlossen, überhaupt Bilder dazu zu nehmen?
Unser Buch ist randvoll mit Informationen, das wollten wir dann auflockern und haben das zum Teil mit Info-Grafiken gemacht. Aber dann war die Frage: Was ist mit den Körpern? Die wollten wir natürlich auch zeigen, ganz normale Körper, unrasierte, mit kleinen Busen, mit großen Busen, beim Küssen und auch beim Sex. Heji Shin hat für uns 23 Paare fotografiert, dazu ist sie zu denen nach Hause gegangen und hat gewartet und geschaut, ob es gepasst hat. Wenn nicht, ist sie auch mal unverrichteter Dinge nach Hause gefahren. Sie hat also nie Regie geführt, sondern war immer nur der stille Beobachter.

Wenn man die Bilder genau anschaut, sieht man auch, dass der Fokus eigentlich immer auf den Gesichtern liegt. Im Gegensatz zur Pornografie, wo es darum geht, menschliche Körper abzubilden mit dem einzigen Ziel, den Betrachter zu erregen. Müssen Sie sich da nicht wegen einer Freigabe durch die FSK fürchten? Ja, das ist die spannende Frage. Das wissen wir noch nicht, denn die Prüfstelle prüft nicht vor Erscheinen eines Buches. Allerdings haben wir vorher mit befreundeten Juristen darüber gesprochen und die meinten, dass es im Rahmen eines Aufklärungsbuches erlaubt sein müsste. Die abgebildeten Menschen sind auch alle volljährig. Wo besteht Ihrer Erfahrung nach bei Jugendlichen der größte Aufklärungsbedarf immerhin habe sie ja 24 Stunden das Internet zur Verfügung, wo man alles erfahren kann und noch viel mehr, als man möchte. Ich stelle fest, dass überhaupt nicht darüber geredet wird. Die Jugendlichen wissen wirklich genauso wenig, wie vor 20 Jahren. Im Netz sehen sie natürlich alles, auch die merkwürdigsten Sexualpraktiken. Aber keiner erklärt ihnen, dass sie das nicht machen müssen. Und deshalb ist Aufklärung heute so dringend notwendig wie noch nie. Wir hoffen auch, dass das Buch für die ganzen sprachlosen Eltern eine Möglichkeit ist, den Kindern etwas an die Hand zu geben, wo sie mehr über ihre Sexualität erfahren.

Die Erinnerung an meine Aufklärung entspricht der Gleichung Aufklärung = Anleitung zum Safer Sex. Das ist bei Ihnen anders. Das Kapitel über Schutz kommt erst am Schluss. War das eine bewusste Entscheidung? Ja, das kommt mit voller Absicht sehr knapp daher. Aufklärung an der Schule findet entweder gar nicht statt weil das ein Fächerübergreifendes Thema ist, können sich die Lehrer davor drücken. Oder es findet statt und ist peinlich für alle.

Und was kann man als Lehrer machen, der da vor der Klasse steht und sich schämt? Man bleibt auf der sicheren Seite, spricht über die mechanische Seite der Sexualität, zeigt, wie Verhütung funktioniert und die Geschlechtsteile aussehen. Und wenn man noch mit den ganzen gefährlichen Geschlechtskrankheiten um die Ecke kommt, hat man auch noch eine Art Wow-Effekt.

Bei der Lektüre fällt auf, dass Sie einen sehr entspannten, gar nicht aufdringlichen Ton anschlagen. War das schwer, den richtigen Ton zu treffen? Meine Ko-Autorin Tina Bremer-Olszewski hat den Duktus des Buches schon erarbeitet, das war sogar das erste, was sie getan hat, nachdem wir beschlossen haben, das Buch zu schreiben. Aber eigentlich ist die Sprache des Buches eine Mischung aus meiner Art zu sprechen und dem journalistischen Handwerk, das Tina mitbringt. Uns war es wichtig, konkret und direkt zu erklären, worum es geht, ins Detail zu gehen, aber auch humorvoll darüber zu schreiben.

Sie zitieren auch Charlotte Roche, als es um Namen für die Geschlechtsorgane geht. Hat das Erscheinen von Feuchtgebiete" in Deutschland etwas Neues zugelassen? War das eine Art Zäsur in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Sex? Ich denke schon. Denn lauter kann man nicht über Sex sprechen. Und wo vorher Sprachlosigkeit war, hat sich danach der ein oder andere gedacht: wenn die über Analfisteln, Schleim und andere Körperflüssigkeiten sprechen kann, dann kann ich Muschi" sagen. Wobei es in ihrem Buch meiner Meinung nach nicht um Sex geht, sondern um die Beschreibung einer seelischen Störung in Verbindung mit sehr viel Anal-Ekel.

Haben Sie schon Rückmeldungen von Lesern bekommen? Gestern habe ich erst einen Brief von einer Mutter bekommen, die mir berichtete, dass sie ihrem Sohn als "ganz coole Mutter", wie sie sagte das Buch unausgepackt überreicht hat und als erste Reaktion ein herzhaftes Yo!" bekommen hat, was ein Fortschritt sei, weil er sonst hauptsächlich mit Grunzlauten kommuniziert. Und dass das Buch seitdem in seinem Jugendzimmer verschwunden ist. Mein 19-jähriger Sohn hat mir auch gemailt, dass er, obwohl er mein Sohn ist, auch noch etwas aus dem Buch erfahren konnte. Das ist ein großes Lob.

Text: christina-waechter - Bild: Heji Shin // Verlag: Rogner&Bernhard

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