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Streetart in Buchform

Die Designer Christian Heinicke und Daniela Krause aus Halle / Saale haben mit ihrer Kamera viele Jahre lang Streetart dokumentiert und gesammelt. Aus mehr als 6000 Bildern haben sie nun die Schönsten ausgesucht und zusammen mit Interviews und Aufsätzen als Buch herausgebracht: „Streetart – die Stadt als Spielplatz“. Erschienen im Archiv der Jugendkulturen, Berlin. Wir haben mit Christian Heinicke gesprochen.
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Mal eine blöde Frage: Was ist denn Streetart eigentlich anderes als Graffiti mit Papier und Kleister? Gegenfrage: Warum muss man zwischen diesen Kunstformen unbedingt unterscheiden? Es sind ja vor allem die Medien, die in den letzten Jahren versucht haben, passende Schubladen für diese Phänomene zu zimmern. Aber die Streetart-Leute rekrutieren sich aus der Graffiti-Szene und manche Künstler betreiben beides auch parallel. Natürlich ist da ein Unterschied in der Produktion der Zeichen. Wichtiger scheint mir aber, dass es beim Graffiti vor allem um die Verbreitung der Codes und Tags geht, während bei der Streetart schon die Bildlichkeit des Objekts im Vordergrund steht. Der Künstler verschwindet fast, wichtig ist, wie das Bild im Raum steht und wirkt.

  • 270989

Hat der Streetart-Künstler nicht den Vorteil, dass er seine Cut-Outs mit Laser-Drucker und Kopierer schneller vervielfältigen und verbreiten kann? Schon richtig. Aber Streetart besteht ja nicht nur aus Cut-Outs, es gibt ja auch Roll-Ons, also Wandmalereien, die mit dem Farbroller gemacht werden, Schablonen-Arbeiten und 3-D-Konstruktionen. Streetart ist sehr vielfältig. Wir stehen deshalb unter dem Begriff ale alle visuellen Ausdrucksformen „inoffizieller“ Besetzung durch Zeichen und Codes auf den Oberflächen im urbanen Raum. Außer Graffiti natürlich. (lacht) Ist es das demokratisierte Plakat? In gewisser Weise. Die legitimen Ausdruckflächen müssen meist gezahlt werden. Sie stehen deshalb nur einem zahlungskräftigen Personenkreis zur Verfügung. Die meisten Stadtbewohner werden von dieser Möglichkeit der Kommunikation ausgeschlossen. Und der öffentliche Raum wird dadurch zunehmend zu Projektionsfläche kommerzieller Zeichen und verliert damit seine Bedeutung als Kommunikationsraum der Bürger. Entsteht so auch das politisch-subversive Potential, von dem man immer spricht. Reclaim the Streets und so weiter? Ich denke, man kann die Leute nicht alle in eine Schublade stecken. Es gibt auch beim Künstler, die Streetart als einfachste und effektivste Form der Distribution für ihre Produkte betrachten. Wenn sie ein neues Motiv haben, dann gehen sie kleben und am nächsten Tag kennt es die halbe Stadt. Aber in dem sich Streetart-Akteure und Graffiti-Writer die Flächen aneignen, hinterfragen sie die Einschränkungen der Kommunikation. Ein Versuch den Begriff der Öffentlichkeit ernst zu nehmen. Die Stadt als Diskursraum, zu dem alle Leute Zugang haben, ein Ort, der nicht nur funktioniert, sondern ge- und erlebt wird. Einen Vorschlag dazu und zugleich ein Beispiel dafür bieten die Macher der Street Art, indem sie die Passanten mit ihren Bildern ansprechen. Persönlich, kritisch, dekorativ, lustig und nachdenklich können diese Zeichen von ihnen gedeutet werden. Die Künstler lassen sich auf die Orte ein und reagieren darauf. Eine meines Lieblingsobjekt ist von Evol, der auf einen grauen Stromkasten eine Tapete mit Fenstern geklebt hat. Es sieht aus wie ein Modellsatz von Plattenbau, den man auf der Straße abgestellt hat.

  • 270993

Es gab in den letzten Jahren immer mal wieder Publikation zum Thema Streetart. Was wolltet ihr mit diesem Buch erreichen, das es eurer Meinung nach bis dato nicht gab? Eine Aufforderung mit wachen Augen durch die Stadt zu laufen. Es ist doch so, dass die Bilder Teil der Stadt werden. Man orientiert sich an Streetart und Graffiti – die illegale Kunst wird zum inoffiziellen Straßenschild. Und wir wollten die Künstlern reden lassen, Viele Bücher haben doch nur Kunst abfotografiert. Nike / Diesel bedienen sich der Kommunikationsform und entwickeln Vermarktungsstrategien MTV hat gerade Jingles, die sich an der Ästhetik orientieren. Ein bekannter Effekt, dass jede Subkultur für Werbezwecke ausgeschlachtet wird. Das passiert sogar den Adbustern, die die Zeichen angreifen. Diesel und die BILD-Zeitung haben doch schon Kampagnen gestartet, in denen sie die Marke angreifen und den Leuten gefällt diese Selbstironie und Unverschämtheit, die darin steckt. Da ist der Künstler dann hilflos und kann nur eine Herzchen draufkleben. Geht es eigentlich um individuellen Stil oder gibt es auch so etwas wie Stadt-Trend? Die Streetart-Szene ist natürlich stark von der Struktur der jeweiligen Stadt abhängig, Es gibt cleane Städte wie München, die beständig gesäubert werden und wo sich deshalb nur eine kleine Szene bildet, die eher aus Einzelkämpfern besteht. In Berlin hingegen ist es dreckig im positiven Sinn, nicht tot-saniert, an den Ecken und Kanten können sich die Künstler festhalten und sie bespielen. Es ist vor allem ein Phänomen in größeren Städten, weil dort viel Werbung hängt und dadurch auch ein Bewusstsein entseht wie: Wer redet hier mit uns. Und: ist eine Antwort gefragt.

  • 270992

Hast du ein Lieblingsobjekt? Eines der ersten Streetart-Objekte die ich je gesehen habe: Gould „Die springende Kuh.“ Er hat sie immer in die Umgebung eingefügt, mal ist sie aus einem kleinen Loch oder einem Kellerfenster herausgesprungen. Oder aber auf einem Riesen-Poster, über einer Wand mit Werbeplakaten. Die Botschaft ist klar: Ich bin da. Und ich bin euch über. Ich bin ja ein großer Fan der Linda-Kampagne in Friedrichshain. In der über Monate ein verliebter Künstler sein gebrochenes Herz an die Wand malte, Verwünschungen, verzweifelte Bitten. Das funktioniert natürlich nur in einem abgeschlossenen Kiez und nicht in der ganzen Stadt, damit die Leute der Kontinuität der Story folgende können. Aber Linda ist ein tolles Beispiel. Obwohl alles – wie sich später heraus stellte – erfunden war, haben die Leute reagiert. Post-It-Sticker für die arme Seele hinterlassen und sich Sorgen gemacht. Das ist eine schöne Form von Kommunikation. „Linda“ ist aber das einzige Beispiel, wo es so gut funktioniert hat. Es ist eben eine Liebesgeschichte. In dem Buch hast du am Ende Fotos eingefügt, die überfüllte Plakatwände zeigen. Dutzende Plakate, Zeichnungen und Streetart-Objekte über Monate übereinander geschichtet ergeben eine wilde Form der Collage. Fast möchte man die Poster Schicht für Schicht abtragen. Ja. Das ist eines meiner Lieblings-Hobbys. Ich laufe oft durch die Stadt, reiße etwas ab und lege etwas frei. Oder klebe was anderes drauf. Man verändert die Informationen auf der Wand. Alles verändert sich so schnell. Es gab in Berlin mal einen Künstler, der sich vorgenommen hatte, alle Plakate mit einer großen schwarzen Sechs zu übermalen. Aber in Berlin werden Plakate in 20 Minuten-Rhythmus geklebt. Er hat dann schnell aufgegeben.

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