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„Was hat Sido wieder angestellt?“

Sido ist in so vielen Bereichen tätig, dass seine Karriere als Musiker fast ein wenig in Vergessenheit gerät. Mit seinem ersten Werkschau-Album ruft er sie uns noch einmal ins Gedächtnis zurück und spricht im Interview über körperliche Gewalt, sein Testament und seine Lebensplanung.
daniel-schieferdecker


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Sido, bald steht Weihnachten vor der Tür. Hast du schon alle Geschenke beisammen?
Nein, aber ich fliege demnächst nach New York, werde mir richtig viel Zeit nehmen und dort sämtliche Geschenke besorgen. Man findet einfach geilere Sachen, wenn man ein bisschen Ruhe hat. In Berlin geht das nicht.  

Weil alle Leute permanent ihre Smartphones zücken und dich beim Einkaufen fotografieren? Genau. Und die müssen nun wirklich nicht wissen, was ich wem zu Weihnachten schenke. Und wenn dann ein Foto von mir im Lego-Store auftaucht, weiß mein 12-jähriger Sohn gleich, was los ist (lacht).  

Schaut der im Internet nach, was über Papa geschrieben steht?
Natürlich. Dem entgeht nichts (lacht).  

Am 14. Dezember erscheint dein Werkschau-Album „#Beste“. Darauf ist auch der Song „2010“ zu hören, in dem du darüber redest, wie enttäuschend das Rap-Jahr 2010 war. Wie beurteilst du das Jahr 2012 in dieser Hinsicht?
Am geilsten finde ich eigentlich den Umstand, dass über Rap mittlerweile auch abseits der einschlägigen HipHop-Medien berichtet wird. Es geht nicht mehr nur um irgendwelche Skandale, sondern tatsächlich um die Musik. Ich habe das Gefühl, HipHop wird mittlerweile ernst genommen. Und das ist eine super Entwicklung.  

Apropos Skandal: Vor kurzem hattest du eine physische Auseinandersetzung mit dem österreichischen Journalisten Dominic Heinzl, die durch sämtliche Medien ging. Im Stück „Bergab“ hast du mal gesagt: „Ich bin jetzt raus aus’m Viertel, doch das Viertel bleibt in mir“. Ist das die Erklärung für den Vorfall?
Das Ganze wäre vermutlich nicht passiert, wenn ich anders aufgewachsen wäre; wenn solche Auseinandersetzungen nie Teil meines Lebens gewesen wären. Trotzdem war das natürlich nicht richtig von mir. 

In deinem Song „Schlechtes Vorbild“ hast du diesem Umstand ja schon mal musikalisch Rechnung getragen. Wie häufig passiert es dir noch, dass du in alte Gewohnheiten zurück fällst? Zum Glück immer seltener. Ich bin mittlerweile ein erwachsener Mann und möchte mich natürlich dementsprechend verhalten. Heute, mit ein bisschen mehr Abstand, kann ich aber sagen: Es war nur eine Frage der Zeit, bis mir bei dem Typen mal der Kragen platzt. Der hat mich zwei Jahre lang getriezt und mich zu seiner Zielscheibe gemacht, und irgendwann ist das Fass einfach übergelaufen. Ich glaube, der war einfach neidisch auf meinen Erfolg in Österreich. Es war bloß sehr unglücklich, dass dieser Vorfall öffentlich passiert ist und Kinder zugesehen haben – das hätte nicht sein müssen.  

Der Vorfall ist durch sämtliche Medien gegangen. Hast du einen Unterschied zwischen der medialen Berichterstattung in Deutschland und Österreich festgestellt?
Nein. In beiden Ländern berichten die Medien immer noch lieber über so etwas als über die Musik. Es geht immer nur um die Frage: Was hat Sido wieder angestellt?  

Im Song „Bilder im Kopf“ erzählst du davon, wie traurig du warst, als dein Opa gestorben ist. Wenn solche nahestehenden Menschen gehen, bekommt dann ein Song wie „Testament“ noch mal eine neue Bedeutung, weil man sich plötzlich intensiv damit auseinandersetzt?
Jeder weiß, dass wir vergänglich sind. Aber das Thema „Tod“ hat mich schon sehr lange beschäftigt. Aber meine Einstellung dazu hat sich in den letzten Jahren verändert.  

Kannst du dich noch daran erinnern, wann sich deine Einstellung zum Tod verändert hat?
Das kam nach dem ersten Album. Vorher wäre es mir egal gewesen, ob ich morgen tot bin. Das hätte außer meiner Mutter auch niemanden interessiert. Aber mit dem Erfolg kam die Angst. Der Erfolg hat mein Leben lebenswert gemacht, und das möchte ich mittlerweile nicht mehr hergeben. Sterben wäre scheiße.  

Ist aus dieser Beschäftigung mit dem Thema dann der Song „Testament“ entstanden.
Ja, genau.  

Diesen Song hast du damals direkt notariell beglaubigen lassen, sodass er tatsächlich dein Testament darstellt, oder?
Ja, das stimmt.  

Hast du mittlerweile etwas daran geändert ? Schließlich ist deine Beziehung zu einigen der im Song bedachten Menschen mittlerweile nicht mehr ganz so eng.
Damals habe ich beim Notar einfach mein handgeschriebenes Textblatt abgegeben, das dann direkt als Testament durchging. Seither habe ich nichts mehr daran geändert, obwohl mir meine Mutter damit ständig in den Ohren liegt. Und wie ich meine Mutter kenne, wird sie den Druck immer mehr erhöhen und irgendwann komm’ ich dann nicht mehr drum rum (lacht).  

Aber Recht hat sie.
Absolut. Und mir ist natürlich auch wichtig, dass mein Sohn seinen Teil bekommt, wenn es soweit ist und der Kram nicht unverhältnismäßig an die falschen Leute geht. Ich werde das demnächst mal angehen. Denke ich.  

Wie sieht denn deine weitere Lebensplanung aus? Könntest du dir vorstellen, mit deiner Lebensgefährtin Charlotte Engelhardt auf’s Land zu ziehen?
Darüber denken Charlotte und ich jetzt bereits nach. Momentan wohnen wir noch mitten in der Stadt, aber wir würden lieber am Rand wohnen. Ich brauche natürlich eine gewisse Infrastruktur, insofern käme mitten auf’s Land nicht in Frage, aber etwas außerhalb von Berlin wäre ideal. Da kannst du einkaufen, da gibt es Schulen, da gibt es Kindergärten – aber es ist eben ruhiger. Und in so einer Nachbarschaft interessiert sich auch niemand dafür, wer du bist.  

Du hast gerade Schulen und Kindergärten angesprochen. Das klingt fast so, als gäbe es Überlegungen für ein weiteres Kind.
Sagen wir so: Ich bin ein absoluter Familienmensch. Und natürlich gehören auch Kinder dazu.  


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„#Beste“ von Sido erscheint am 14. Dezember bei Universal.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: dapd

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