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Was relevant ist, entscheide ich

Cornelius Puschmann ist Sprachwissenschaftler an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seine Doktorarbeit hat er zum Thema „Blogs“ geschrieben. Wir haben ihn gefragt, was er herausgefunden hat.
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jetzt.de: Womit genau beschäftigt sich Ihre Doktorarbeit? Cornelius Puschmann: Ich habe mich in erster Linie mit Unternehmensweblogs und deren Nutzen für PR-Zwecke und Wissensmanagement beschäftigt. Allerdings habe ich auch „normale“ Blogs analysiert, um deren Nutzung besser von diesen spezialisierten Formen abgrenzen zu können. Und was war das Ergebnis? Warum bloggen wir überhaupt? Wir bloggen einerseits, um uns anderen mitzuteilen, um Informationen weiterzugeben und andererseits, weil wir Erlebnisse und Gedanken festhalten wollen. Dabei geht es nicht immer zwangsläufig darum, was für die Allgemeinheit nützlich oder wichtig ist. Was relevant ist, ist oft ganz subjektiv und wird vom Blogger selbst bestimmt.

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Worüber bloggen die meisten Leute? Viele Menschen nutzen ihr Blog als eine Art Tagebuch. Sie schreiben über alltägliche Erlebnisse, Dinge, die sie beschäftigen, oftmals mit einem kleinen, vertrauten Leserkreis im Hinterkopf. Ein typisches Beispiel ist ein Student, der nach seinem Examen auf Weltreise geht und seinen zu Hause gebliebenen Freunden und der Familie berichtet, was er erlebt, wen er kennen lernt etc. Manche Leute schreiben auch über Dinge, die sie belasten und die sie loswerden möchten. Dann hat der Blog eine Kummerkastenfunktion. Das tun sie aber wiederum nicht mit der Hoffnung im Hinterkopf eine breite Leserschaft zu erreichen. Diese Blogger verwenden oft ein Pseudonym. Andere bloggen eher aus der Perspektive des Experten, Kritikers oder Kommentators. Aber längst nicht alle schreiben für eine breite Öffentlichkeit, sondern eher für ein Nischenpublikum aus Leuten, die sich für ähnliche Themen interessieren. Aber warum schreiben die Leute nicht einfach in ein normales Tagebuch? Viele Blogger sind mit digitalen Medien aufgewachsen, deshalb ist ein konventionelles Tagebuch für sie weniger plausibel. Wer twittert, Facebook und StudiVZ nutzt, für den liegt es auf der Hand, seine Gedanken in einem Blog festzuhalten. Viele, die nicht so sehr im Internet zu Hause sind, nehmen an, es gehe dabei ausschließlich darum, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das stimmt aber nicht zwangsläufig. Bloggen kann auch eine therapeutische Funktion haben. Die Kritik an Blogs hängt häufig damit zusammen, dass Leser bestimmte Erwartungen an deren Stil und Inhalt mitbringen, die dann nicht erfüllt werden, je nachdem, um welche Sorte von Blog es sich handelt. Welche Sorten von Blogs gibt es denn? Ich unterscheide zwischen eher leserzentrischen und eher autorenzentrischen Blogs. In leserzentrischen Blogs geht es häufig darum, Informationen wiederzugeben, zu filtern und zu kommentieren. Oft verweisen Blogger auf Nachrichten oder kommentieren aktuelle Meldungen, die für sie oder ihre Leser interessant sind – ein ähnlicher Anspruch also, wie ihn Journalisten oder Wissenschaftler haben. Bei den autorenzentrischen Blogs stehen hingegen persönliche Gedanken und Eindrücke im Mittelpunkt – sie haben eine Funktion für den Blogger selbst, ähnlich wie bei einem klassischen Tagebuch. Natürlich können sich diese Formen auch schon mal vermischen. Gibt es einen Unterschied im Verhalten zwischen Deutschen und ausländischen Bloggern? Eine systematische Untersuchung gibt es zu diesem Thema bislang nicht. Klar ist aber, dass in Deutschland weniger gebloggt wird als in Frankreich, Großbritannien oder den USA. Eine Studie hat ergeben, dass Blogs in Deutschland im Vergleich zu Angeboten wie Wikipedia weniger genutzt werden. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass beispielsweise in den USA die Meinung des Einzelnen traditionell einen anderen Stellenwert hat als in Deutschland. Der selbsternannte Experte, der sagt „so sehe ich das“ und durch seinen Erfolg legimitiert wird, wird dort ernster genommen. In Deutschland dagegen wird die Frage nach Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit in einem stärkeren Maß gestellt. Und diese Punkte sind bei uns eher verbunden mit Institutionen, zum Beispiel mit der Presse. Wer bloggt überhaupt? Die Altersspanne der Blogger ist in den letzten Jahren leicht nach oben gerutscht. Bei jüngeren Internetnutzern sind eher Social Networks wie Facebook und StudiVZ beliebt. Teenager twittern auch relativ wenig. Der Trend scheint dahin zu gehen, dass Blogs und Twitter für themenbezogene und berufliche Kommunikation genutzt werden. Die Nutzungsgewohnheiten variieren allerdings stark und verändern sich auch von Jahr zu Jahr. Und was haben Sie bezüglich der Unternehmensweblogs herausgefunden? Welche Strategie steckt dahinter? Blogs werden oft als besonders authentisch, direkt und unverfälscht wahrgenommen. Das liegt einerseits daran, dass es viele autorenzentrische Blogs gibt, und andererseits lässt sich anders als bei einer normalen Website jedem Beitrag ein Autor namentlich zuordnen. Bei einem Firmenblog entscheiden aber die Ziele des Unternehmens mit darüber, was geschrieben wird. Das wirkt dann schnell aufgesetzt und unauthentisch. Gleichzeitig ist aber ein sehr subjektives und persönliches Blog für das Unternehmen weniger nützlich, denn es kommuniziert ja zielgerichtet. Ein Lösungsansatz ist es, mehrere Leute aus unterschiedlichen Bereichen zu einem Oberthema bloggen zu lassen, ohne ganz strikte Vorgaben zu machen. Eine amerikanische Bank zum Beispiel, deren Blog ich untersucht habe, hat mehrere Mitarbeiter über das Thema „Studienkredite“ schreiben lassen. Jeder hat über seine eigenen Erfahrungen aus Studentenzeiten berichtet. Die Autoren wurden mit Fotos abgebildet und durch die persönlichen Erzählungen wirkte diese indirekte Werbung für die Bank relativ authentisch und unverfälscht. Bloggen Sie eigentlich auch selber? Ja. Anfangs auch zu privaten Themen, dann vor allem über meine Doktorarbeit. Allerdings komme ich jetzt nicht so häufig dazu, weil man als Wissenschaftler vor allem Bücher oder Aufsätze in Fachzeitschriften publiziert. Bloggen hat da einen anderen Stellenwert.

Text: marie-charlotte-maas - Bild: Julia Nimbus / photocase.de

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