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"Wie eine Gefangene, die einen Tag frei ist"

Die Aktion "Und? Schmeckt's?" kauft Asylsuchenden die Essenspakete ab, von denen sie sonst leben müssen. Ibtissam aus dem Irak durfte diese Woche selbst entscheiden, was sie essen will. Wir haben sie gefragt, wie es war.
kathrin-hollmer

In Bayern bekommen Asylbewerber kein Verpflegungsgeld, sondern Essenspakete, in fast allen anderen Bundesländern erhalten sie Geld oder Gutscheine, um sich selbst zu versorgen. Die Bamberger Initiative zur Unterstützung Asylsuchender "Freund statt fremd" hat in dieser Woche die Aktion "Und? Schmeckt’s?" gestartet. Künstler, Politiker und Journalisten haben Asylsuchenden ihre Essenspakete abgekauft, sich sieben Tage lang davon ernährt und von ihren Erfahrungen berichtet.  
Am Donnerstag haben wir mit dem Poetry Slammer Christian Ritter über seine Woche mit den Essenspaketen gesprochen. Heute erzählt Ibtissam, 34, eine Asylsuchende aus dem Irak, die im Asylbewerberheim in Roßdach bei Bamberg lebt, von ihrer Woche: Sie bekam zum ersten Mal nach Monaten statt Essenspaketen Geld, um sich Lebensmittel zu kaufen, und fühlte sich "wie eine Gefangene, die einen Tag frei ist".    

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Konnte nach langer Zeit endlich essen, worauf sie Appetit hat: Ibtissam, eine Asylbewerberin aus dem Irak.

jetzt.de: Ibtissam, diese Woche hast du zum ersten Mal seit langer Zeit selbst Lebensmittel gekauft, statt nur mit den Sachen aus deinen Essenspaketen zu kochen. Was war das Beste, das du diese Woche gegessen hast?
Ibtissam: Frischer Fisch. Ich komme aus der Nähe der Hafenstadt Basra im Süden des Irak, da gab es immer viel Fisch. Nicht so einen wie in den Essenspaketen, Fischstäbchen und Tiefkühlfilet. Diese Woche habe ich frischen Fisch gekauft und mit Knoblauch und Tamarindenpaste gefüllt. Dazu habe ich Reis und Gemüse mit Dill gemacht.   

Was ist eigentlich in so einem Essenspaket? 
Dienstags und Donnerstags bekommen wir Essenspakete mit Brot, Nudeln, Reis, Gemüse, Obst, Fleisch, Wurst, Käse, Milchprodukten und Getränken. Dafür gibt es Bestelllisten zum Ankreuzen. Am ersten Dienstag im Monat gibt es ein zusätzliches Paket, in dem noch zum Beispiel Gewürze, Ketchup und Senf sind. Was wir in der Liste angekreuzt haben, bleibt meistens für ein paar Wochen gleich. Das bedeutet, wenn man einmal Pflanzenöl angekreuzt hat, kriegt man ein Mal in der Woche einen Liter Öl. 

Wie viel Geld hast du für deine Essenspakete bekommen?
Ich habe für jedes 25 Euro gekriegt, insgesamt 50 Euro. Die Hälfte habe ich meiner Nachbarin zurückgegeben, weil sie mir etwas geliehen hatte. Von den restlichen 25 Euro habe ich eingekauft, das hat gereicht, ich esse nicht besonders viel, ich habe kaum Appetit.

Was hast du von dem Geld gekauft?
Nudeln mit Spinat als Fertiggericht, ein Glas Essiggurken, einen Eimer Früchtejoghurt, eine chinesische Chilisoße, Backpulver und Vanillezucker, weil ich gerne backe, ich möchte einen arabischen Hefekuchen machen. Ein Glas Marmelade, so eine steht gar nicht auf der Bestellliste, und zwei Brote. Und Schokolade. Es sind ein paar Kinder im Haus und für die stehen gar keine Süßigkeiten auf der Bestellliste.  

Wie war es beim Einkaufen?
Es hat Spaß gemacht, mit einem Einkaufswagen durch die Gänge mit den Regalen zu fahren und reinzulegen, was ich möchte. Ich habe mich gefühlt wie eine Gefangene, die einen Tag frei ist. Zu jeder Jahreszeit gibt es andere Sachen im Markt, ich konnte mir überlegen, was ich kochen will, und danach die Zutaten aussuchen, da habe ich nach langer Zeit mal wieder Appetit bekommen. Am schönsten fand ich es im Obst- und Gemüsegeschäft; ich liebe die Natur und freue mich, wenn ich Gemüse und Obst sehe. Und an der Käsetheke Emmentaler zu bestellen. Auf den Bestelllisten steht auch Käse, aber es ist immer der gleiche von derselben Sorte - und das jede Woche, womöglich jahrelang. Ich habe mich schlecht gefühlt, weil ich andere Sachen essen durfte, und meine Nachbarn im Asylbewerberheim nicht.   

Wie kommen die Lebensmittel sonst zu dir?
Ein Catering-Unternehmen liefert die Sachen und der Hausmeister verteilt sie dann. Man muss das Paket immer persönlich entgegennehmen und unterschreiben. Dienstags und donnerstags kann ich nichts anderes machen. Wenn man zwei Wochen nicht da ist, muss man sich beim Landratsamt melden und sagen, wo man war, sonst glauben die, dass man schwarz arbeitetet. 

Reichen die Sachen in den Paketen überhaupt?
Es ist zu viel! Wir können gar nicht so viel essen. Wenn ich weiß, ich habe im Kühlschrank noch zwei Hähnchenteile liegen, weil ich keine Lust darauf hatte, und im neuen Paket sind noch mal zwei, da vergeht mir die Lust am Essen. Ich habe zwar Hunger, aber keinen Appetit. Keiner mag jahrelang zwei Mal die Woche dasselbe Hähnchen essen oder dieselbe Tiefkühlpizza. Penner, die auf der Straße eine Tüte von Norma bekommen,  haben es besser als wir. Bestimmte Sachen in den Paketen reichen nie.   

Zum Beispiel?
Ich habe immer viel zu wenig Zucker und Salz. Wenn ich etwas backen möchte, reicht das nicht. Vergangene Woche habe ich trotzdem drei Kilo Kekse gebacken und an die Kinder im Haus verteilt. Am schlimmsten ist die Auswahl. Mir fehlen Gewürze wie Knoblauch- und Currypulver oder Zimt. Wir bekommen in den Paketen nur Äpfel, Bananen und Kiwi, sonst kein Obst, ob im Sommer oder Winter, keine Wassermelone, keine Kirschen, keine Pfirsiche, keine Champignons oder sonstiges Gemüse, das ich gern mag.  

Christian Ritter, einer der Paketempfänger, hat im Interview erzählt, dass er Nudeln, aber keine Soße dazu hatte. Geht es dir auch oft so?
Das kann daran liegen, dass derjenige, mit dem er getauscht hat, das in dieser Liste nicht angekreuzt hat, sondern erst für das zweite Paket in der Woche. Wenn ich Nudeln machen will, muss ich auch manchmal warten, bis ich Hackfleisch, Ketchup oder Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch zusammen habe.  

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So wählen Asylsuchende aus, was in ihre Essenspakete kommt.

Auf den Zetteln sind zumindest Vegetarier irgendwie berücksichtigt, wie sieht es mit Menschen mit Allergien oder Unverträglichkeiten aus?
Wir tauschen untereinander ein bisschen. Ein Muslim aus dem Haus bringt mir oft sein Hühnchen, dafür gebe ich ihm Fischstäbchen. Wenn man Allergien hat, muss man Bescheid sagen, aber viele können kein oder kaum Deutsch und die, die uns beliefern, haben keine Geduld, wenn jemand etwas erklären will. Es gibt auch keinen Übersetzer.  

Sind die Lebensmittel denn frisch?
Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist meistens noch nicht überschritten. Das Brot ist aber oft nicht frisch, dabei muss es eine Woche lang halten. Tiefkühlpizzen waren ein paar Mal verdorben, vielleicht, weil sie zwischendurch aufgetaut sind, bis wir sie wieder eingefroren haben. Einer im Haus ist deshalb krank geworden, da musste der Arzt kommen. Geändert hat sich seitdem aber nichts.   

Woher bekommst du neue Kleidung?
Alle drei Monate kriegt jeder einen Gutschein vom Sozialamt im Wert von etwa 70 Euro. Dafür darf man sich Kleidung und Schuhe kaufen, aber nur in bestimmten, den billigen Geschäften. KIK und NKD nehmen gerne Gutscheine, weil die Sachen billig sind und schnell kaputt gehen. Man darf für den Gutschein keine Unterwäsche, keine Strümpfe oder mal einen Schal kaufen, und ich als Frau keine Männersachen. Als ich einmal eine Männerhose kaufen wollte, weil mir Frauensachen oft zu eng sind, durfte ich das nicht, weil die im Sozialamt Angst hatten, dass ich sie weiterverkaufen will. Das hat die Frau an der Kasse telefonisch geklärt, ich habe mich so geschämt vor den Leuten, die hinter mir in der Schlange gewartet haben.   

Und Toilettenartikel?
Shampoo, Duschgel und Zahnpasta muss ich von den 137 Euro Taschengeld kaufen, die ich jeden Monat bekomme. Das Geld reicht vielleicht zehn Tage. Ich muss davon auch die Busfahrkarte nach Bamberg zahlen, dort habe ich manchmal Termine, das Ticket kostet jedes Mal 8,10 Euro hin und zurück. Und Schmerzmittel für meinen Arm. 

Was ist mit deinem Arm passiert?
Im November habe ich es nicht mehr ausgehalten und habe mir die Pulsadern aufgeschnitten. Ich wollte nicht mehr leben, nicht so. Es sind nicht nur die Essenspakete. Wir sitzen hier im Wald fest, in einem ehemaligen Berghotel,was für eine Ironie. Es geht nur ein Bus früh morgens um sechs Uhr und einer am Abend zurück. Wenn ich einen Termin in Bamberg habe, muss ich den ganzen Tag dort bleiben und kann nichts tun, man braucht ja für alles Geld. Ich darf nicht arbeiten. Ich bin eigentlich Friseurin und würde gern arbeiten. Wir dürfen auch keine Sprachkurse machen. Wir dürfen uns nur innerhalb des Landkreises bewegen. Manche dürfen noch in den Landkreis Schweinfurt, allerdings nicht in der Stadt Schweinfurt, das heißt, wenn sie mit dem Zug durch die Stadt fahren, machen sie sich strafbar.   

Hast du das Gefühl, dass ihr euch hier nicht wohlfühlen sollt?
Ja, auf jeden Fall. Es sind so viele Schikanen, mit denen wir leben müssen. Mein Nachbar war drei Monate krank und konnte seinen Kleidungsgutschein in der Zeit nicht einlösen. Als er danach dafür etwas kaufen wollte, konnte er es nicht, weil er abgelaufen war. "Pech gehabt" sagte der Verkäufer. "Pech gehabt." Wenn jemand krank ist. Die Langeweile macht mich so müde. Ich kann nur essen, schlafen, fernsehen, lesen und Musik hören. Alles, was ich früher war, ist weg.

Text: kathrin-hollmer - Screenshot: br.de

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