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"Wir leben in einer oberflächlichen Welt."

Bevor Ben Ivory im Februar beim Eurovision-Song-Contest-Vorentscheid Unser Song für Malmö" antritt, sprachen wir mit ihm über die Verbindung von Musik und Visualität.
daniel-schieferdecker

Ben Ivory ist Musiker. Aber nicht nur. Zu seinem künstlerischen Ansatz gehört auch die konzeptionelle Einbindung sämtlicher visueller Bestandteile, die aus dem avantgardistischen Art-Pop des Berliners ein sinnübergreifendes Gesamterlebnis machen. Bevor er mit seinem Song „The Righteous Ones" am 14. Februar beim Eurovision-Song-Contest-Vorentscheid „Unser Song für Malmö" antritt, sprachen wir im Zuge der gerade stattfindenden Fashion Week mit Ben über die Verbindung von Mode und Musik, die richtige Bühnengarderobe und seine Kooperation mit Modedesigner Kilian Kerner.

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jetzt.de: Du hast dich kreativ in verschiedenen Disziplinen ausprobiert, hast gemalt, geschrieben und fotografiert und bist nun bei der Musik angekommen. Die Musik scheint dir demnach am meisten am Herzen zu liegen. Ist das so?
Ben Ivory: Ja, absolut. Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie – mein Vater ist Berufsmusiker, meine Oma Pianistin. Ich habe in der Tat ein paar Umwege genommen, von denen ich als Musiker aber heute profitiere, weil sämtliche Erfahrungen in die Musik mit einfließen.

Ben Ivory ist eine Kunstfigur, die unter anderem Musik mit einem Faible für Mode verbindet. Was ist an dieser Kombination so faszinierend?
Mode ist einfach eine weitere Ebene, die das Künstlerbild vervollständigt und es dreidimensionaler erscheinen lässt. Durch meine Outfits kann ich bestimmte Stimmungen und Emotionen unterstreichen. Ich bin nun mal kein klassischer Singer/Songwriter, der mit Jeans und Flanell-Hemd auf einem Barhocker sitzt und seine Songs auf der Akustikgitarre vorträgt. Mir ist es wichtig, als Ben Ivory eine Kunstwelt auf die Bühne zu bringen und den Leuten dadurch die Möglichkeit zu geben, für die Dauer eines Konzerts aus ihrem Alltag zu entfliehen.

Es gibt ja häufig zwei Musiker-Lager: Die einen sagen, sie wollen einen komplett neuen Kunstkosmos für sämtliche Sinne schaffen, die anderen sagen, die Songs sollen ohne störendes Beiwerk für sich sprechen.
Beides hat seine Berechtigung. Das ist eine Frage des künstlerischen Konzepts. Ein guter Song funktioniert sicherlich auch für sich alleine, aber in Deutschland gibt es bereits viele Musiker, die ihre Songs eher puristisch vortragen. Ich versuche ein Gegenkonzept anzubieten. Eigenständig funktionierende männliche Musiker mit einer klaren Linie gibt es hierzulande doch kaum, außer vielleicht im Rap. Aber Pop ist immer ein schwieriges Metier, weil es schnell cheesy wird und wie Karneval rüberkommt. In diese Lücke versuche ich als Ben Ivory nun zu schlagen – ob mir das gelingt, wird sich zeigen.

Woran liegt es denn, das Popmusik aus Deutschland oft albern wirkt?
Versteh mich nicht falsch, es gibt sehr gute Musik in Deutschland. Aber mich persönlich spricht eher das Zeug aus den Staaten, Frankreich oder England an. Ich glaube, wir Deutschen gehen häufig zu technisch an die Sache ran, aber Musik ist eben eine emotionale Angelegenheit.

Warum ist es dir so wichtig, den akustischen Part der Musik mit einer visuellen Komponente zu versehen? Auf CD oder im Radio ist die Optik ja ohnehin irrelevant.
Ich glaube, dass meine Songs durchaus auch ohne schmückendes Beiwerk funktionieren. Aber die visuellen Aspekte unterstreichen die Aussagen der Stücke und dienen in gewisser Art und Weise als Emotionsverstärker. Ich war schon immer ein Stimmungssammler und habe stets versucht, alles festzuhalten, was ein Gefühl in mir auslöst. Und zwar nicht nur im Ton, sondern auch im Bild.

Aber sagt man nicht gemeinhin, dass die schönsten Bilder im Kopf entstehen? Sprich: Nimmt man dem Publikum nicht etwas von dem Zauber, der durch die eigene Imagination entsteht?
Ich verstehe, was du meinst. Aber auch vorgegebene Bilder lassen in den Köpfen der Hörer individuelle Geschichten entstehen, wenn er sich selbst darin wiedererkennt. Guter Kunst gelingt es, den Betrachter zu reflektieren, indem es einen Anknüpfungspunkt gibt, über den Künstler und Publikum zusammenkommen. Und genau das ist mein Anspruch.

http://www.youtube.com/watch?v=ogCF-nL3l9E

Inwiefern kann man denn als Künstler durch Mode Dinge zum Ausdruck bringen, die musikalisch nur schwer zu vermitteln sind?
Bei einem Konzert können die Klamotten eines Künstlers helfen, bestimmte Stimmungen zu unterstreichen. Gleichzeitig fungiert so ein Bühnen-Outfit aber auch als Rüstung, um sich auf der Bühne zu behaupten. Ich glaube auch daran, dass die Zuschauer freier werden in ihren Köpfen, wenn sich mein Bühnen- vom Straßen-Outfit abhebt, weil man dadurch einen Raum abseits der gelebten Realität öffnet und die Erwartungen des Publikums nicht mit bestehenden Erfahrungen verknüpft werden können. Dadurch werden Grenzen aufgebrochen.

Du bist mit dem Modedesigner Kilian Kerner befreundet. Wie habt ihr euch kennengelernt?
Das war vor ein paar Jahren, als er sein erstes Lookbook gemacht hat. Ihm ist ein Fotograf abgesprungen, den habe ich ersetzt. Wir haben dann mehrere Shootings gemacht, und als er mitbekommen hat, dass ich auch Musik mache, hat er mich als Live-Act bei seinen Shows unter dem Label „Fashion & Music" spielen lassen. Das war vor 5 Jahren. Seitdem ist Mode ein integraler Bestandteil meiner Kunst geworden. Kilian hat viele meiner Bühnenoutfits geschneidert.

Lässt du ihn einfach machen oder sprecht ihr darüber, wie deine Klamotten auszusehen haben? Wir arbeiten ja deshalb zusammen, weil wir die Arbeit des Anderen schätzen und möchten natürlich, dass sich jeder von uns entsprechend verwirklichen kann. Trotzdem tauschen wir uns natürlich aus, und dadurch befruchten wir einander wiederum.

Welche Attribute weist ein typisches Ben-Ivory-Bühnenoutfit auf?
Grundsätzlich ist alles möglich. Ich möchte mir ja nichts verbauen, zumal der Aspekt der Offenheit einen wichtigen Punkt meines künstlerischen Schaffens darstellt. Trotzdem präferiere ich einen gewissen Dandy-Style. Anzüge sind ganz charakteristisch für mich – der sogenannte „Thin White Duke".

Wechselst du die Klamotten auf der Bühne zwischendurch?
Ja, klar. Ich versuche, Mode als dramaturgisches Mittel einzusetzen und die verschiedenen Facetten der Songs dadurch widerzuspiegeln. Außerdem ist es für die Leute spannender, wenn bei einem 2-stündigen Konzert auf der Bühne auch ein bisschen was passiert.

Wenn du dir ein besonderes Outfit anziehst, positionierst du dich damit bewusst anders als die Leute, die deine Musik hören – stellst dich gezielt auf eine andere Stufe. Warum ist es dir offenbar wichtig, eine Grenze zwischen dir und deinem Publikum zu ziehen?
Ich möchte mich nicht als etwas Besseres darstellen als die Leute, aber ich benutze diese Abgrenzung als dramaturgisches Mittel. Das hilft bei der Inszenierung, wenn ich versuche, eine Geschichte zu erzählen und die Leute auf eine Reise mitzunehmen.

Du bist bei vielen von Kilians Shows als Live-Act aufgetreten. Ist es nicht ein bisschen unbefriedigend, wenn man als Künstler bloß eine musikalische Hintergrundkulisse für die Models auf dem Laufsteg bietet?
Nein, das weiß man ja im Vorfeld. Es geht in erster Linie um die Kollektion, die durch die Live-Musik aber sehr viel emotionaler präsentiert wird, als wenn die Musik vom Band käme. Ich finde das toll, weil es über das „normale" Konzert-Erlebnis hinaus geht und mir die Möglichkeit bietet, mit einem anderen Bereich zu kooperieren.

Worauf muss man achten, wenn man sich Musik für eine Modenschau überlegt?
In erster Linie müssen die Models zur Musik gut laufen können, die Songs müssen also eine gewisse Anzahl von Beats per Minute besitzen. Das Tempo muss außerdem gleichbleibend sein, es darf keine Pausen geben – ähnlich wie bei einem DJ-Set.

Du bist immer schon viel in der Club-Szene unterwegs gewesen, in der Mode ebenfalls ein wichtiger Bestandteil ist, um sich auszudrücken, aufzufallen oder sich abzugrenzen. Auf welche Weise nutzt du Mode, wenn du im Nachtleben unterwegs bist?
Das ist stimmungsabhängig. Manchmal will ich das ganz große Programm fahren und brezle mich auf, manchmal will ich einfach nur sein, tanzen, die Musik genießen und meine Seele reinwaschen. Im Nachtleben kann einem das äußere Erscheinungsbild auch zum Verhängnis werden, wenn man nicht in einen Club reinkommt, weil man die falschen Klamotten anhat.

Wie beurteilst du diesen Umstand?
Schwierig. Ich halte nichts von Schuppen, die sich total elitär geben und einen an der Tür wegen des Outfits diskriminieren. Mir ist es auch schon mal passiert, dass ich vor einem Club abgewiesen wurde, weil ich zu sportlich aussah. Ich verstehe aber auch, dass man als Club-Betreiber auf die richtige Publikumsmischung achten muss, gerade in Berlin, wo die Club-Kultur eine so große Bedeutung hat. Häufig geht es an der Tür aber weniger um die Klamotten als darum, dass man mögliche Stressfaktoren aussortiert – so subjektiv diese auch sein mögen. Aber wer sich in seiner Haut wohl fühlt und das ausstrahlt, der wird selten abgewiesen.

Diese Fokussierung auf das äußere Erscheinungsbild hat ja etwas sehr Oberflächliches. Wie beurteilst du das? Und wie passt diese Oberflächlichkeit mit deiner Musik zusammen, in der ja sehr viel von deiner Persönlichkeit drinsteckt?
Wir leben in einer oberflächlichen Welt – der erste Eindruck entscheidet häufig bereits über gut oder schlecht. Das sind unterbewusste Mechanismen, um in dieser schnelllebigen Zeit zurechtzukommen. Auf der anderen Seite gründet diese Fokussierung auf das äußere Erscheinungsbild ja häufig aus einer unsicheren und sensiblen Haltung heraus, weil man sich eben gerade nicht für perfekt hält und als verbesserungsfähig erachtet. Und Verbesserung ist schließlich die Grundlage von Evolution. Jeder Mensch versucht doch, stets eine bessere Version seiner selbst zu werden. Genau das versuche ich mit meinen Songs auszustrahlen – inhaltlich und visuell.

„Neon Cathedral" von Ben Ivory erscheint am 22. März bei Warner. 

Text: daniel-schieferdecker - Foto: Katja Kuhl

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