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"Wir passen auf, was ihr auf Wikipedia treibt!"

Immer wieder schönen Politiker Wikipedia-Einträge. Seit ein paar Tagen starten auf der ganzen Welt Twitter-Accounts, die anonyme Änderungen von Regierungsbüros veröffentlichen. Bringt das irgendwas? Ein Anruf bei Thomas Schulze, dem Betreiber von @Bundesedit.
kathrin-hollmer
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jetzt.de: Auf Ihrem Twitter-Account @Bundesedit sammeln Sie anonyme Änderungen auf Wikipedia, die von den Netzwerken der Bundesregierung, des Bundestages, der Bundesministerien und Bundesämter aus vorgenommen wurden. Warum?
Thomas Schulze: Es gab in der Vergangenheit Versuche von Unternehmen, aber immer wieder auch von Politikern, Einträge in der Wikipedia zu schönen. Ein prominentes Beispiel ist Christian Lindner, der vor einiger Zeit beschuldigt wurde, Einfluss auf seine Darstellung auf Wikipedia genommen zu haben. Das soll der Account aufdecken.  

Nach vier Tagen findet man dort aber eher profane Dinge: Jemand hat im englischen Wikipedia-Eintrag über Manuel Neuer einen Rechtschreibfehler verbessert. Ein anderer schrieb in Per Mertesackers Eintrag das „starke“ Echo in der Presse nach seinem Ausraster in ein „starkes und polarisierendes“ Echo um.
Das klingt alles banal, und von mir aus kann der Regierungsapparat gerne Einträge in der Wikipedia ändern. Da sitzen auch Menschen, von denen sich jeder mit etwas anderem auskennt, das ist die Idee von Wikipedia. Und das wäre wenigstens sinnvoll verwendete Zeit.  

Was soll Ihre Arbeit dann?
Ich will verhindern, dass das, was Wikipedia ausmacht - nämlich, dass jeder sein Wissen beisteuern kann -, missbraucht wird.  

Wie kamen Sie auf die Idee?
Ich entdeckte am Samstag zufällig den Account @Congressedits, der dasselbe für die IP-Adressen des US-Kongresses macht. Der Autor des deutschen Blogs Nerdcore fragte, wer so etwas für Deutschland "bauen" könnte. Eine halbe Stunde später war es erledigt.  

Warum haben Sie sich da gemeldet?
Im Grunde ist das mein Job, nur dass ich sonst ähnliche Projekte für Unternehmen realisiere. Mit meiner Software-Entwickler-Firma habe ich schon andere Open-Data-Projekte unterstützt, zum Beispiel die Veröffentlichung des Haushaltsplans von Frankfurt. Der Web-Entwickler Ed Summers, der die Version für den US-Kongress programmiert hat, stellte den Code unter freier Lizenz online, seit dem Wochenende kommen immer mehr Versionen dazu, aus Kanada und Schweden. Norwegen macht so etwas schon länger.

Es gibt auch mehrere deutsche Accounts.
Ja, @Reichtstagedits zum Beispiel, der benutzt dasselbe Gerüst, hat allerdings weniger Follower. Mir war es wichtig, dass wir das nicht nur für den Bundestag machen. Parteibuchträger gibt es an vielen Stellen. Wir bauen das auch noch weiter aus und fügen weitere, uns bekannt werdende Netze anderer Regierungseinrichtungen hinzu.

Wie kommen Sie an die Daten?
Die Server der Wikipedia schreiben alle Änderungen, die vorgenommen werden, in eine Art Liveticker, den jeder einsehen kann. Als angemeldeter Benutzer taucht man dort mit Namen auf, aber wenn man anonym Dinge ändert, wird die IP-Adresse des Anschlusses notiert, von dem aus die Änderung durchgeführt wurde. Die greift unser Bot ab und vergleicht sie mit den Listen der Netze von den Bundeseinrichtungen, die auch öffentlich zugänglich sind. Wenn eine IP-Adresse aus einer Bundeseinrichtung dabei ist, wird der Eintrag ein paar Sekunden später auf Twitter gepostet und die Änderungen verlinkt. Wir verknüpfen eigentlich nur zwei öffentliche Informationen miteinander und publizieren sie. Ich will nichts bewerten. Der Account soll nur ein Hinweisschild sein.  

„Achtung, hier könnte was geschönt sein“?
So ungefähr, ja. Es kommt relativ häufig vor, dass irgendwelche Leute Quatsch oder merkwürdige Äußerungen in Artikel schreiben, was andere wieder rückgängig machen müssen. Ich weiß nicht, ob wir jemals jemanden finden, der tatsächlich negative Sachen beschönigt. Wir können außerdem nicht nachvollziehen, wer genau die Änderung gemacht hat, weil wir nur die IP-Adresse haben. Und es gibt  genug Schlupflöcher.

Wenn ein Politiker etwas anonym ändern will, kann er das von zu Hause aus machen.
Genau, dann wird er vielleicht nie auffallen.

Wozu dann der Aufwand?
Ich will den Politikern signalisieren: Wir passen auf, was ihr auf Wikipedia treibt. So wie der Staat gerne auf uns Bürger guckt, guckt hier der Bürger auch mal darauf, was der Staat so macht. Und ich hoffe, dass mit dem Account mehr Leute darauf aufmerksam werden, dass Wikipedia eine Versions-History anbietet, auf der man sieht, was daran geändert wurde. Und dass man sich die anschauen sollte, bevor man etwas zitiert.


Mehr Infos über @Bundesedit gib es bei den Kollegen von der SZ.

Text: kathrin-hollmer - Foto: dpa, Collage: Katharina Bitzl

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