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"Zwei von dreißig Studenten schaffen es"

Der 26-jährige britische Musiker Luke Sital-Singh hat den Sprung von der Musikhochschule ins Musikgeschäft geschafft. Auf dem Brighton Institute Of Modern Music lernte er die Theorie der Popstar-Karriere, die er jetzt lebt.
erik-brandt-hoege
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Luke, es heißt, du hättest als Teenager irgendwann mal Damien Rice gehört und sofort anfangen wollen, selber Musik zu machen. Gab’s dafür noch andere Gründe?
 Damien Rice war für mich schon so was wie ein Türöffner. Durch ihn habe ich die Welt der Singer/Songwriter- und Akustik-Musik generell kennen gelernt. Ein unheimlich reizvolles Genre für mich, schon damals. Aber ich habe auch mit dem Gitarrespielen angefangen, weil ich etwas zusammen mit meinen Freunden machen wollte, die zu der Zeit – wir waren 14, 15 Jahre alt – alle irgendein Instrument spielten und teilweise schon in Bands waren. Ich wollte einfach dabei sein, wenn sie sich trafen, und dafür musste ich eben auch was können. Musik war für mich also vor allem so ein Socialising-Ding. Ich hatte noch keine bestimmten Ziele vor Augen, wo ich damit hin wollte.  

Keine Träume von einer Popstar-Karriere?
 Nein, überhaupt nicht. Was wohl auch daran lag, dass ich nicht wirklich viel Selbstbewusstsein hatte. Ich bin grundsätzlich pessimistisch veranlagt, war schon immer eher der Das-Glas-ist-halb-leer-Typ. Am Anfang hätte ich nie gedacht, dass ich es irgendwann schaffen könnte, mir mit Musik etwas aufzubauen.  

Es sind doch sicher bald Leute auf dich zugekommen und haben dir gesagt, dass du gut bist in dem, was du da machst. Hat dich das nicht sicherer gemacht?
 Es waren tatsächlich immer Leute da, die mich gelobt und mir Komplimente gemacht haben. Nur wollte ich denen irgendwie nie so richtig glauben. Ich dachte, die machen Witze.  

Spätestens als der Guardian schrieb, du wärst „mehr als nur der nächste Junge mit einer Gitarre“ – und das war noch bevor du einen Plattenvertrag hattest – musst du dir deiner Sache sehr sicher gewesen sein.
 Auf jeden Fall habe ich den Kritikern geglaubt, dass sie es ehrlich meinten. Für mich war es dann allerdings so, dass mich die vielen netten Worte auch unter Druck gesetzt haben. Man fing an, viel von mir zu erwarten.  

Du hast dich dann entschieden, erstmal eine musikalische Ausbildung zu machen und bist für drei Jahre ans Brighton Institute Of Modern Music gegangen. Hast du dich und deine Einstellung dort verändert?
 Als ich nach Brighton kam, war ich schon an dem Punkt angelangt, an dem ich sehr fokussiert auf Musik war. Und dort stieß ich auf viele andere junge Künstler, die genauso drauf waren. Viele von ihnen waren im Gegensatz zu mir auch schon sehr überzeugt, dass sie es mit ihrer Musik schaffen würden. Einige waren auch wirklich gut. Aber nicht alle hatten so viel drauf, wie sie dachten.  

Haben euch die Dozenten früh erklärt, wie schwierig es werden würde, eine Musikkarriere zu starten?
 Ja, schon in den ersten Unterrichtsstunden. Noch bevor sie uns richtig kannten und wussten, was wir konnten, haben sie uns gesagt, dass es statistisch gesehen nur zwei aus dem Jahrgang schaffen würden, also zwei von dreißig Studenten. Und auch wenn ich in Brighton langsam selbstbewusster wurde, hätte ich nicht gedacht, dass ich einer davon sein würde.  

Wie viele haben es letztlich von euch ins Musikgeschäft geschafft?
 Ehrlich gesagt, weiß ich von vielen gar nicht, was aus ihnen geworden ist. Einige finde ich noch online wieder, aber niemand aus meinem Jahrgang hat es am Ende wie ich in die Musikindustrie geschafft.  

Hat man euch im Unterricht auf die Musikindustrie und ihre Vor- und Nachteile vorbereitet?
 Ja, speziell was die geschäftliche Seite angeht, haben wir schon das ein oder andere gelernt. Zum Beispiel wie ein typischer Majorlabel-Plattenvertrag aussieht und welche Rechte wir als Künstler immer haben sollten. Auch über den Umgang mit Geld haben wir einiges gelernt. Und man hat uns erklärt, was einen guten Manager ausmacht. Diese Unterrichtsstunden, in denen es hauptsächlich ums Business ging, waren sehr hilfreich und natürlich viel schneller verständlich als die, in denen es darum ging, wann ein Song ein guter Song ist.  

Hat dich die Majorlabel-Theorie abgeschreckt?
 Schon ein bisschen, denn die Verträge, die man uns präsentiert hat, waren nicht gerade sehr ansprechend. Hinzu kam eine bestimmte Einstellung, die unter uns Studenten sehr verbreitet war. Wir fanden: Wenn man jung ist und noch ganz am Anfang der Karriere steht, ist es irgendwie cooler, möglichst unabhängig zu sein, also eher bei einem Indie-Label zu unterschreiben und sich nicht an irgendwen zu verkaufen.  

Du hast trotzdem bei einem Major unterschrieben.
 Weil ich persönlich immer offen für alles war. Und realistisch. Ich meine, ich muss ja auch von irgendwas meine Miete bezahlen. Und es ist auch etwas anderes, wenn man theoretisch über Majorlabels spricht, als wenn man tatsächlich mit den Menschen, die dort arbeiten, zu tun hat.  

Glaubst du, du hättest deine Karriere auch anders anschieben können? Ohne Major im Rücken?
 Heute ist es nicht mehr besonders schwierig, ein Album aufzunehmen. Letztendlich kann jeder in seinem Schlafzimmer eine Platte machen. Ich hatte bei einem großen Label aber die Möglichkeit und die Mittel, es sehr professionell anzugehen. Das hat mir auf jeden Fall geholfen. Ich denke zwar immer noch nicht, dass ich irgendwie toll bin oder so, auch nicht, dass ich mit meiner Musik den Planeten verändern kann. Aber ich genieße das alles gerade sehr und hoffe, dass einige meine Musik mögen.  

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„The Fire Inside“ von Luke Sital-Singh ist im September erschienen.



Text: erik-brandt-hoege - Bilder: oh

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