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Alter Finne!

Zwei Münchner wandern nach Australien aus, um dort aus Plastikmüll Surfbrett-Finnen zu bauen. Und nebenbei die Meere vom Schmutz zu befreien.
friedemann-karig

Die Münchner Luise Grossmann, 30, und Felix Wunner, 32, sind nach Australien ausgewandert, um Surfbrettfinnen zu bauen, die aus wiederaufbereitetem Ozean-Müll gemacht wird. Für diese „ecoFin“ suchen sie nun per Crowdfunding Investoren. Die Dokumentation ihrer Reise – vom Müllsammeln an den Stränden Indonesiens bis zum ersten Surfausflug mit der Finne – zeigen sie am 4. September in München. Natürlich an der Eisbachwelle.
 

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jetzt.de: Wie kann eine Surfbrettfinne die globale Verschmutzung der Ozeane aufhalten?
Luise: Kann sie nicht, zumindest nicht alleine. Aber sie kann zeigen, dass es eben nicht egal ist, was der Einzelne macht. Ein Bewusstsein für das Problem schaffen, aber auch für die Lösung: Upcycling, also die sinnvolle Wiederverwendung von Müll, funktioniert. Egal, wo man anfängt.
 
Wie kamt ihr als meerlose Münchner auf diese Idee?
Felix: Wir sind Surfer. Von ganzem Herzen. Wir haben schon immer so viel Zeit wie möglich in den Wellen verbracht. Überall auf der Welt. Und irgendwann hatten wir keine Lust mehr, durch Plastiktüten und -flaschen zu paddeln. Wer viel am Meer ist, kann vor diesem Problem nicht die Augen verschließen.
Luise: Und weil wir beide durch unser Studium an der TU einen technischen Hintergrund haben, kam uns die Idee, etwas zu bauen. Aus Plastikmüll. Warum nicht etwas Kleines, etwas Machbares? Wie eine Finne!
 
Und deswegen seid ihr extra nach Australien ausgewandert?
Luise: Ja, auch wenn es nicht gerade um die Ecke liegt. Aber hier surft jeder zehnte. Surfen ist Nationalsport. Und die Surfer interessiert der Ozean. Der Chef der Universitätsklinik zum Beispiel, der uns Zugang zu seinem Labor für die ersten Materialtests verschafft hat – natürlich ein Surfer. Wir wussten: Wenn das Projekt eine Chance hat, dann hier.

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Felix und Luise in Indonesien.
 
Der Müll kommt aber aus Indonesien.
Felix: Genau. Nachdem wir uns in Australien mit ein paar Materialexperten und Surfbrett-Shapern getroffen hatten, merkten wir: Zuerst einmal müssen wir unsere Ressource verstehen. Also sind wir nach Bali, wo der Müll am Strand gesammelt wird. Und weiter nach Java, wo ein Familienunternehmen namens „Sumba Plastik“ schon lange versucht, aus dem Müll wieder einen Werkstoff zu schaffen.
 
Ihr habt selbst mit angepackt?
Luise: Es war uns wichtig, die gesamte „Supply Chain“ kennenzulernen. Also sind wir Müll sammeln und sortieren gegangen. Und weiter in die Fabrik. Dort landet Müll aus ganz Indonesien. Der Nachschub ist also erst mal gesichert.
 
Ist das alles nicht ein Tropfen auf den heißen Stein?
Luise: Klar, an sich schon. Aber unser Fernziel ist, mehr solcher Produkte auf den Markt zu bringen. Unseren Prozess kann man auf unzählige Produkte übertragen. Und theoretisch kann man alles recyceln. Die Finne und die Surfer sind nur der Ausgangspunkt, ein erster Start. Und hoffentlich bald ein Paradebeispiel für einen Upcycling-Prozess.

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Luise mit der Dokumentarfilmerin Franziska Link.
 
Wo lasst Ihr die Finne an sich produzieren?
Felix: In Australien. Die Qualität war uns einfach wichtig. Besonders im Recycling-Bereich muss das Produkt makellos sein, um sich gegen die aufwendig designte Konkurrenz zu behaupten. Deswegen produzieren wir hier, obwohl es teurer ist. Die Australier haben viel Erfahrung mit Surfbrettfinnen. So überzeugt unsere Finne auch durch Performance.
 
Und jetzt braucht ihr Geld.
Luise: Bisher haben wir alles aus eigener Tasche bezahlt – die Entwicklung, die Prototypen, die Reisen. Die Produktion auf großer Stückzahl ist aber finanziell anspruchsvoll. Und je mehr wir produzieren, desto stärker kann die Infrastruktur an sich wachsen. Das ist ja ein skalierbarer Prozess. Je mehr Finnen, desto mehr – beziehungsweise weniger – Müll. Und wir wollen am liebsten den Müll aus allen Ländern holen, nicht nur aus Indonesien.
Felix: Die Menschheit hat mehr als genug Plastik produziert. Eigentlich brauchen wir kein Gramm mehr davon auf der Welt. Die Energie sollte man lieber in Recycling und Upcycling stecken. Das verbraucht 88 Prozent weniger Energie als die Herstellung von neuem Plastik aus Erdöl. Welches erst chemisch aufgearbeitet wird, meist weite Wege zurücklegt und am Ende 450 Jahre zum Verrotten braucht, und zwar in giftige Chemikalien.
Luise: Wenn du aber eine Finne kaufst, die aus recyceltem Material ist, wirst du zweimal über eine Plastiktüte im Supermarkt nachdenken. So ein simples Produkt kann schon einen Bewusstseinswandel anschieben. Du kannst mit deinem eigenen Verhalten viel verändern. So pathetisch es klingt, aber Gandhi hatte Recht: „Be the change you wanna see in the world.“
 
Ihr verkauft über Kickstarter aber mehr als nur die Finne.
Luise: Ja, neben der Finne, die man für 60 australische Dollar vorbestellen kann, bieten wir viele verschiedene Produkte, auch für Nicht-Surfer. Eine Stainless Steel Flasche oder eine echte Performance-Frisbee aus recyceltem Plastik. Dazu einen Bildband und unsere Doku auf DVD.

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Surflegende Rusty Miller.
 
Wieso braucht es denn jetzt auch noch eine Doku?
Luise: Die Dokumentarfilmerin Franziska Link, eine Bekannte von uns, hat von unserem Projekt erfahren und gesagt: Okay, das ist spannend, ich filme das. Und dann haben wir mit Rusty Miller auch noch eine echte Surf-Legende als Erzähler gewinnen können. Das hätten wir nie gedacht. Der Mann ist ein Pionier, hat als erster die berüchtigte Welle von Uluwatu auf Bali gesurft, damals in den Siebzigern. Und die allerersten Finnen haben wir mit ihm getestet.
 
Und, was sagt er zu den Finnen?
Felix: Er findet sie super! Mit ihm zu surfen, auf unseren ecoFins, war ein Traum.

Text: friedemann-karig - Fotos: Christian Vogelsang, Franziska Link, Five Oceans

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