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Auf Linie

Wer München in all seinen Facetten kennenlernen will, muss nur mit der Tramlinie 19 von Pasing bis zur St.-Veit-Straße fahren - und wieder zurück. Unsere Autorin hat das einen Tag lang gemacht.
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Sie ist die schönste und gleichzeitig die hässlichste Tram der Stadt. Die 19. Sie fährt durch die Speckschicht durchs Herz, von Pasing durch Laim durch die Landsberger Straße, am Hauptbahnhof vorbei durch den Prunkteil der Stadt zwischen Lenbachplatz und Maximilianeum, weiter durch das französische Haidhausen und ab dem Ostbahnhof durch Berg am Laim bis zur St.-Veit-Straße. Die 19 müsste also alles abbilden, was es in München gibt. Und wer einen ganzen Tag in ihr hin und herfährt, so die Idee, der versteht bestimmt etwas von der Stadt, das bisher verborgen geblieben ist. Eine Art innere Wahrheit vielleicht, die sich sonst nicht erschließt, weil man die Stadt doch immer nur als unzulängliche Collage aus Alltagshäppchen erlebt? Ein Versuch.
 

VIP-Gefühl

07:25 Uhr: Einsteigen am Stachus und gleich eine Überraschung: Das Gedränge, das in den meisten anderen Linien um diese Zeit herrscht, fehlt komplett. Es riecht nicht wie sonst nach Schlaf, gewaschener und ungewaschener Haut, vergorenem Kaffeeatem, Aftershave und bonbonsüßem Parfum. Stattdessen VIP-Gefühl, Beinfreiheit in der letzten Reihe, Panoramafenster. Ist die Leere Zufall oder ist das hier einfach keine Büro- und Schulwegstrecke? Blick den Tramflur hinunter: Vielleicht fünfzehn Passagiere, ältere, gepflegte Frisuren, die jetzt auf den Lenbachplatz geschunkelt werden.
 
Und weiter Richtung Maximilianstraße. Bayerischer Hof, Michael-Jackson-Denkmal, Einzug in die Glamourkurve, Loden Frey, Theresa, Betten Rid. Postkarten-München: Die saubere Stadt mit ihren Nobel-Boutiquen. An der Haltestelle Theatinerstraße windet sich im Sonnenlicht aber auch ein Obdachloser in seinem lila Anorak. Auf Postkarten sieht man schließlich selten die Realität.
 
In der Maximilianstraße sind die Läden noch dunkel, die Gehwege schattig. Dann Maxmonument, Isarglitzern, und die Tram schmiegt sich an die Felswand vorm Maximilianeum. Irgendwie salzburgerisch, wie Zugfahren in den Bergen.



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In Haidhausen dann plötzlich das Leben, Eltern mit den Ranzen ihrer Kinder über einer Schulter, langbeinige Teeniemädchen, ein Gewusel auf den Straßen wie in einem Familienhausflur. Hier ist plötzlich alles ganz nah, weil die Straßen und die Winkel so eng sind. Vielleicht sind sich deshalb auch die Menschen hier näher. Und die Kulturen. Die Miniatur-Weltreise ist in Frankreich angekommen, dem Viertel der Kopfsteinpflasterplätze, der französischen Laternen und gepflegten Altbauten. Die Tram füllt sich.
 
Am Ostbahnhof wieder ganz normale Hässlichkeit auf der Orleansstraße Richtung Haidenauplatz. Kurzer Tramausfall wegen eines Verkehrsunfalls, Weiterfahrt nur mit dem Ersatzverkehr. Ich drehe um. Jetzt also Richtung Pasing. Es ist voll in der Tram, wegen des Unfalls staut sich alles.
 
Gegen 10:30 Uhr am Hauptbahnhof: Die Tram leert sich wieder. Unter der Wiesn-Brücke hindurch. Holzapfelstraße. Auf der Augustiner-Stellenanzeigen-Tafel kleine Freude darüber, dass was draufsteht: „Brauereihilfsarbeiter, w/m gesucht, befristet“.

Das ist München?

Elsenheimer Straße: Laim ist immer wie eine eigene, kleine Stadt für sich, wie Hannover oder Essen, arabische Läden, Internetcafés, Bäckereien, Bioläden, Büchereien. Auf der Suche nach Regelmäßigkeiten und Typologien zu Stadtvierteln und ihrem Trampublikum fallen mir nur seltsame Dinge ins Auge: Zwei Frauen mit der exakt gleichen Haarfarbe sitzen Rücken an Rücken und wissen es nicht. Ein alter Mann und ein junges Mädchen mustern sich heimlich genau gleich interessiert und verpassen einander immer um Millisekunden in ihren Blicken. Sensiblere Menschen, die von München nach zum Beispiel Berlin ziehen, berichten manchmal davon, dass sie sich ihrer eigenen Existenz plötzlich nicht mehr sicher sind. Weil niemand sie mehr mustert.
 
In mir wächst der Wunsch, geheime Statistiken der Belanglosigkeiten aufzustellen: Wie viele seltsam ähnliche Schicksale fahren hier gerade miteinander rum, wie viele gleiche Geburts- oder zukünftige Todestage, ehemalige Krankenhausnachbarn, zukünftige Paare oder Freunde, ohne voneinander zu wissen? An der Agnes-Bernauer-Straße steigt ein Radfahrer ab und klettert mit einer Leiter auf einen Baum zu einem Vogelkasten hinauf. Eine Frau verliert ihre Mütze, die auf die Bordsteinkante fällt und von da runter auf die Straße. Niemand hat’s gesehen und ich sitze in der vorbeirauschenden Tram und kann nichts sagen.
 
Kurz vor Pasing sieht die Stadt aus wie in einer heruntergekommenen italienischen Vorstadt. Staubig, Sonne an dreckig-sandigen Hauswänden, Verlorenheitsgefühle, alles langsam und leer, viel Gewerbegebiet. Vor dem „Hotel Imperial“ steht eine Jugendgruppe, wahrscheinlich auf Klassenfahrt, vielleicht sogar Italiener. Man kann sich genau vorstellen, was sie denken: „DAS ist München?“ Wie man es selbst immer denkt in einer Stadt von der man nur die Postkartenbilder im Kopf hat und nicht das Viertel, in dem das günstige Hostel steht. 
 
Pasing hingegen ist seit der Fertigstellung der Pasing-Arkaden ein neuer Stadtteil geworden. Am Bahnhof ist es schön und weit und von der alten Burger-King-Junkie-und-Urin-Atmosphäre von vor zehn Jahren ist nichts mehr übrig. Auf Sonnenterrassen trinken die einen Cappuccino, die anderen ihren ersten Spritz.
 

Gott spricht

Auf der Rückfahrt in die Stadt wird es allmählich lebendiger. Hinter mir sitzen zwei junge Mädchen, die über Gott reden. Die eine scheint tagtäglich mit ihm zu korrespondieren, immer wieder beginnen ihre Sätze mit: „Und dann hat Gott mir gesagt…“. Die andere hat Gott offenbar noch nicht so oft getroffen und erwidert immer dasselbe: „Echt jetzt? Voll schön!“
 
Wieder am Max-Weber-Platz steigt die männliche Pubertät ein. Zwei Jungs, Checkerfaust, demonstratives Sich-nicht-angucken, nuscheliger Austausch: „Später Basketball oder was“. Bedrücktes Rumstehen. Dann zum ersten Mal Berg am Laim. Richtung St.-Veit-Straße sieht die Welt aus wie die Suburbs von Sydney. Vielleicht liegt das aber auch nur an der weiten Straße, dem Sonnenlicht und dem wolkenlosen Himmel.
 
Ab der Kreillerstraße ist die Tram leer und gibt damit preis, wie dreckig sie ist. Graue, eingetrocknete Pfützen auf dem Boden, die von Regentagen, ausgeschütteten Bieren und heruntergefallenen Dönern erzählen. An der St.-Veit Straße fast schon mittägliche Stille und Leere. Nur eine Gruppe Schwarzer steht vor dem Kiosk, der „Lollypop“ heißt. Die Regierung von Oberbayern bringt hier in der Nähe Flüchtlinge unter. Als „ultima Ratio“ für den „äußersten Notfall“ hatte Maria Els, Regierungsvizepräsidentin von Oberbayern, den aus Wohncontainern zusammengefügten Komplex im vergangenen Jahr noch bezeichnet. Falls man die Flüchtlinge sonst nirgends mehr unterbringe. Die Menschen am Kiosk jedenfalls grüßen die einfahrende Tram, die scheinbar auch sie grüßt. Von hier fährt ein Nachtbus zur Fantasiestraße.
 
Wenn die Tram von der St.-Veit-Straße wieder losfährt, folgt sie einem kleinen Halbkreis, um zu wenden. Vorbei an einer kleinen Grünfläche mit violetten Blümchen drauf. Freizeitparkgefühle. Man wartet auf die Ansage des Fahrers: „Nächster Stopp: Dinosaurierwelt“. Es gibt ein Youtube-Video von dem Abschnitt, der hier beginnt. Der Kameramann filmt zur Heckscheibe hinaus und es ist gar nicht leicht zu sagen, ob das nicht vielleicht der typische Blick auf München ist: zurückschauend.
 
Genauso schwer ist es, zu sagen, woran sich München aus der Tram heraus erkennen ließe, wüsste man nicht, in welcher Stadt man ist. Die Schilder und das MVV-Blau zählen nicht. Wahrscheinlich als erstes an den vorbeisausenden Zeitungskästen. Den Hofpfistereien. Und den vielen Alten. Das fällt mir immer auf, wenn ich nach längerer Zeit wieder nach München komme: Fast nirgends sieht man so viele ältere Menschen im öffentlichen Verkehr.
 
In der Kreillerstraße steigt einer von ihnen ein: gepflegt zerzaust, Typ verarmter italienischer Gentleman. Sein Anzug ist staubig, seine schwarze Sonnenbrille auch, aber sein grauer Sieben-Tage-Bart sitzt und auf dem Kopf trägt er eine Schirmmütze. Er hat nichts dabei, er sitzt nur mit überschlagenen Beinen da und guckt die ganze Zeit aus dem Fenster. In Pasing bleibt er sitzen und fährt wieder zurück.
 

Konstanten

Ab nachmittags wird es durchgehend voll in der 19, kaum eine Bahn fährt noch zwischen Pasing und Ostbahnhof ohne Drängeln. Weitere Konstanten: Immer wieder dasselbe Bild am Kassenautomaten, jemand will eine Fahrkarte kaufen und kriegt dabei schlechte Laune. Entweder, er wird dauernd weggeschaukelt, oder er stellt fest, dass er es schon wieder nicht passend hat und resigniert augenrollend. Wenn eine Mutter mit Kind einsteigt, dauert es nicht lange, bis jemand an der Mutter vorbei heimlich Kontakt mit dem Kind aufnimmt. Kinder haben auf jeder Fahrt mehrere Flirtpartner, immer wenn einer aussteigt, steigt ein neuer ein und das Spiel beginnt von vorn. Und: Die Münchner sind nicht handysüchtig. Jedenfalls nicht in der Tram, vielleicht weil es im Gegensatz zur U-Bahn soviel zu gucken gibt. Die meisten sehen aus dem Fenster, egal in welchem Alter. Einige hören Musik.
 
Irgendwann sinkt mein Kopf gegen die Scheibe. Ich kann nicht mehr. Die ganze Stadt kann nicht mehr. Alle haben plattgelaufene Füße. Am Ostbahnhof wird die Tram quetschend voll, zu 80 Prozent mit schlecht gelaunten Männern. Trainingsanzüge, durchgeschwitzte Hemden. Dass in der Theatinerstraße eben noch ein Missoni-Mann mit Goldknauf-Handstock neben mir stand und nach frisch gestärktem Hemd roch, ist unvorstellbar. Jetzt riecht es nur noch nach Alkohol und Zwiebeln.
 
Abends: meine letzte Fahrt von der St.-Veit-Straße nach Hause. Drinnen das Nachtneonlicht der Tram, draußen noch Sonnenuntergangsgelb an den Fassaden. Dieses traurig machende Licht, wenn der Tag zu Ende geht und der Schatten wieder kalt wird. Nachts singen in meinen Ohren die Schienen und knarzt das Gummi. Mein Körper wird so stark hin und hergeschüttelt, dass ich mehrere Male versuche, mich an meiner Matratze festzuhalten. Irgendwann schlafe ich ein und träume von Frauen mit lila auftoupierten Haaren und zerfransten Kunstledertaschen, die mir alle viel zu nahe kommen.

Text: mercedes-lauenstein - Fotos: juri-gottschall

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