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Auf Wiedersehen, schönes Reich des Billig-Blingblings!

Er war die erste Anlaufstelle aller shoppenden Umlandteenies bei Ausflügen in die Fußgängerzone: Jetzt muss der Allerlei schließen. Eine Liebeserklärung zum Abschied.
mercedes-lauenstein
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Oh Schreck: Der Allerlei schließt! In großen Banderolen steht es dran an der Fassade. „Wir schließen“. Prozentsymbole. Sale bei Allerlei? Wie soll das denn gehen, in diesem Laden, wo eh alles maximal billig ist? Kriegt man da Geld zurück?

Der Allerlei ist, beziehungsweise bald: war, die Mutter aller Ein-Euro-Shops und Nanunanas dieser Welt. Natürlich ist das eine freche Behauptung, aber wer shoppingmäßig in der Münchner Fußgängerzone sozialisiert wurde, für den fühlt es sich eben so an. Der Allerlei, direkt gegenüber vom Oberpollinger in der Neuhauser Straße, war immer eine Institution des Krimskrams, des Billig-Blingbling und des Staubfängertums. Er war die erste Anlaufstelle aller shoppenden Teenies, die aus dem Umland mit den S-Bahnen angefahren kamen. Das erste, was man im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren überhaupt von München sah und begehrte: Rolltreppe hoch, im Augenwinkel die schwarz-weiß gestreiften T-Shirts der Footlocker-Mitarbeiter vorbeiziehen lassen und abtauchen in das Neonlicht des Trash-Universums Allerlei. In acht roten Lettern schwebt der Name über der ganzen Breite des Eingangs. Ein Laden wie ein Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt. Hier fühlte sich noch das jämmerlichste Taschengeld an wie der ganz große Reichtum. Hier gab es alles, und zwar für fast nichts: Glitzergürtel, Stimmungsringe, Bilderrahmen, Seifen, Oscar-Trophäen, die man selbst mit Namen bekleben konnte. Singende Enten, coole Caps, Geldbeutel, Taschen, Bauchkettchen, Ohrringe, Kerzenständer, Duftkerzen, Comic-Boxershorts, Partytröten, Murmeln. Allerlei eben. Total irre.

In so einen Laden wären die eigenen Eltern mit einem nicht gegangen. Mit denen fuhr man nach München, um bei Konen mal wieder eine anständige Hose zu kaufen.

Typischer Dialog, wenn jemand mit einem coolen neuen Accessoire auf einem Umland-Schulhof ankam: - „Cooles xy!“ - „Das hab ich vom Allerlei“. - „Woah, echt? Will ich auch.“ Primark-Syndrom, bevor es Primark gab, und eben nicht mit Klamotten, sondern mit Tinnef.

Besonders verführerisch war der Allerlei aber nicht nur wegen der billigen Preise, sondern auch wegen des vagen Gefühls, hier zum ersten Mal selbst zu entscheiden, wo und wie man einkaufte. In so einen Laden wären die eigenen Eltern mit einem nicht gegangen. Mit denen fuhr man nach München, um bei Konen mal wieder eine anständige Hose zu kaufen. Hier das Gegenteil davon: voll, eng, stickig, im Hintergrund unaufhörlich anstrengende Plastikmusik, dazu die giftige Mischung aus Made-in-China-Geruch und billigen Duftkerzenausdünstungen. In jeder Ecke nervte irgendwas, blinkte, piepte, surrte, eierte und war schon kaputtgenudelt bevor überhaupt verkauft. Durch die Gänge schoben sich Jungs und Mädchen, die man hinter vorgehaltener Hand „Gangster“ und „Keulen“ nannte, diese derben gleichaltrigen Stadt-Gang-Kinder, denen das Abhängen unter den Palmen am Stachus und das Fläzen in den McDonald’s-Sitzbänken leider viel besser stand, als einem selbst. Und alle paar Meter natürlich Obszönitäten: Schlechte Sexwitze auf Kochschürzen oder Socken oder Unterhosen, Feuerzeuge in Brust- oder Kondomform. Als Teenie kaufte man da genauso gern ein, wie man hinterher bei McDonald’s aß: Weil’s geil war! Weil man konnte! Weil es zu jedem Stadtbesuch dazu gehörte und weil die Eltern endlich nicht mehr dabei waren.

>>> Im Allerlei wurdenwohlbehütete Gautinger Wohlstandskinder zu potenziellen Kleinkriminellen.

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Fast jedes Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk, das man zwischen zwölf und 14 verschenkte, stammte aus dem Allerlei. Der Bilderrahmen für Papa, die Kerze für Mama, das Armband für die kleine Schwester, die Schlüsselkette für den Bruder, der Hanf-Aufnäher für die beste Freundin.

Und dann – oh ja, auch so ein Allerlei-Moment – plötzlich große Aufregung im Freundeskreis, als plötzlich die Diebstahlkontrollen eingeführt wurden. Bei fast jedem Besuch wurde mindestens ein Mitglied aus der Clique von einem Ladendetektiv ins Hinterzimmer gezogen und musste alle Taschen ausleeren. Standardsatz der Kontrolleure: „Ich glaube, ich hab da vorhin was Glitzerndes in deine Tasche rutschen sehen. Bitte einmal mitkommen.“ Zum Glück kam man meist unbelastet wieder raus aus den trostlosen Hinterzimmerbüros, weil wir uns das Klauen gar nicht trauten. Aber klar: Allerlei war natürlich ein Diebstahlparadies. Immer zu voll, immer zu wuselig, und wie gesagt: diese abgetrashte Sündenpfuhl-Atmosphäre. Im Allerlei wurde das so wohlbehütete Gautinger Wohlstandskind potenziell zum Kleinkriminellen.

Aber genauso schnell, wie man dem Allerlei-Wahnsinn verfallen war, genauso schnell gewöhnte man ihn sich wieder ab. Man musste nur 15, 16 werden und schon war der Laden nur noch Kulisse. Einkaufsstraßen-Fassade. Ging man nicht mehr rein, ging man jetzt dran vorbei. Der Footlocker nebenan wurde wichtiger. Oder der Mighty Weeny um die Ecke. Aber dass der Allerlei trotzdem immer da blieb, das war wichtig. Fürs Gefühl. Zum Dranvorbeigehen. Da sind sie, die roten Buchstaben, alles ist gut. Der Allerlei war immerhin noch die Illusion einer Zeitkapsel. Als müsse man bei Bedarf nur reingehen und könne sie alle unverändert wiedertreffen, die dreizehnjährigen Freundinnen von damals: Beccy, Coco, Speedy, Lena, Bine, sich selbst auch, da hinten in der Ecke bei den Bauchkettchen.

Jetzt zerstört diese Zeitkapsel sich selbst. Was auch immer auf den Allerlei folgen wird, es wird wie ein Spiegel sein, in den man schaut und merkt: Früher gibt’s nicht mehr.


Text: mercedes-lauenstein - Foto: Juri Gottschall

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