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Besetzt-Zeichen

Warum wir an Toilettenwände kritzeln. Und warum Frauen dabei etwas anderes kommunizieren als Männer.
jakob-biazza

Die Idee war: einfach mal schauen, was Menschen auf Bar- und Club-Toiletten so alles schreiben. Erkenntnis: sehr viel. Männer aber noch sehr viel mehr als Frauen. Das decke sich mit der Forschung, sagt Christine Domke, der wir die Fotos geschickt haben. Die Sprachwissenschaftlerin von der TU Chemnitz hat zur „Betextung des öffentlichen Raumes“ habilitiert. Ein Anruf.
 
jetzt.de München: Guten Tag Frau Domke, wir wollten mit Ihnen über Schmierereien auf Bar- und Clubtoiletten reden.
Christine Domke: Sehr spannend. Wissenschaftlich ist das ein wirklich ergiebiges Feld.
 
Echt jetzt?
Ja. Weil alles so klar abgegrenzt ist: Wir reden schließlich über einen Typ von ortsgebundener Kommunikation – Sie können diese Texte nur sehen, wenn Sie sich da hinbewegen. Und qua Ort haben wir außerdem die Männer- und Frauenperspektive schon vorsortiert. Das ist selten.

So sieht das bei den Männern aus:



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Man erkennt auch deutliche Unterschiede zwischen den Herren- und Damentoiletten.
Möglicherweise verwischen die aber langsam. Es gibt mindestens zwei große Untersuchungen von Toiletten-Graffiti an Universitäten. Norbert Siegl hat damit vor gut 20 Jahren schon angefangen. Er kam noch zu dem Ergebnis, dass zwar beide Geschlechter betexten, aber mit deutlich anderen Inhalten. Siegl sprach damals sinngemäß von „Verbalkrieg auf der Herrentoilette“.
 
Klingt martialisch.
Er meinte damit das permanente gegenseitige Überbieten, das man beobachten konnte – das Übermalen und das Schreiben, auch an den unmöglichsten Stellen. Das sieht man an Ihren Fotos zum Teil auch sehr gut: Da sind ja Stellen betextet, an die man ohne sehr große Mühen gar nicht herankommt. „Mann“ betreibt da schon sehr großen Aufwand, um zu zeigen: „Ich war hier.“
 
Und bei Frauen ist das noch anders?
Nun, eine aktuellere Studie aus Bonn kam vor einigen Jahren zu einem anderen Ergebnis als Siegl: Die anfängliche These, dass Aggression oder Vulgarismen und Drastik eher bei Männern verortbar ist, ist wohl nicht mehr haltbar. Da hat offenbar ein Wandel stattgefunden. In Ihren Beispielen ist das noch etwas anders. Da sind die Herrentoiletten wenigstens offensichtlicher betextet. Mit Edding – Fettdruck also quasi. Wenn man also fragt, wer betextet den Raum, muss man hier sagen: Beide Geschlechter tun es – aber mit sehr unterschiedlichen Mitteln. Männer scheinen das sportlicher zu sehen.
 
Und sie scheinen professioneller vorbereitet und ausgerüstet zu sein.
Ja. Einen Edding dabei zu haben, scheint da ein wichtiger Punkt zu sein. Frauen haben offenbar eher nur einen Kugelschreiber. (lacht)
 
Welche Unterschiede fallen Ihnen an den Bildern noch auf?
Frauen scheinen Toiletten teilweise zu betexten, um miteinander zu kommunizieren. Es gibt einige Dialog-Sequenzen mit vielen Fragen und Antworten. Außerdem sieht man, und das deckt sich mit dem, was die Forschung auch an anderer Stelle herausgefunden hat: Frauen schreiben weniger, im Sinne von seltener, aber dafür sind ihre Texte oft länger. Was bei den Themen auffällt: Beide Geschlechter schreiben über Politik, bei beiden finden wir Lebensmotti. Aber Liebesbeziehungen werden eher von Frauen thematisiert. Das findet man bei den Männern viel seltener.

Und so bei den Frauen:


 
Warum machen wir das eigentlich überhaupt: Texte an Wände schreiben?
Dafür gibt es ein paar Gründe: also allgemein im öffentlichen Raum aus infrastrukturellen oder künstlerischen Gründen. Im vorliegenden Fall – und das ist auch sonst wohl der dominierende Antrieb – scheint es mir darum zu gehen, aus einem öffentlichen beziehungsweise einem halböffentlichen Raum einen privaten zu machen. Wir würden das „kommunikatives Aneignen“ nennen. Das hat tatsächlich etwas von erobern. Die Toilette wird besetzt. Im Wortsinn ja auch. (lacht)
 
Ist man gedanklich völlig falsch unterwegs, wenn einen das an Höhlenmalerei erinnert?
(lacht) Na ja. Toilettenbeschriftungen unterscheiden sich davon noch, weil Höhlen ja ein sozialer Raum waren, in dem man sich auch mit anderen aufhielt. Toiletten sind nun ein Ort, an dem man sich genuin alleine aufhält. Das macht das Schreiben dort auch so besonders. Wir reden ja über den wohl privatesten unter den öffentlichen Räumen. An einer Bushaltestelle sind Sie beispielsweise nie exklusiv alleine, sondern immer auch für andere sichtbar. Die Toilette ist hingegen ein absolut exklusiver Ort. Die Kommunikationssituation ist anonym.
 
Eine Art Einbahnstraßen-Kommunikation?
Ja, das glauben wir jetzt. Aber mindestens eine Studie hat herausgefunden, dass die Dialogsequenzen, über die wir ja schon gesprochen haben, bei häufiger Benutzung derselben Toilette fortgeführt werden. Auf Uni-Toiletten lässt sich das offensichtlich ganz gut verfolgen. Um das bei den vorliegenden Beispielen festzustellen, müssten wir jetzt eine Langzeitstudie im X-Cess machen. (lacht) Bemerkenswert finde ich übrigens auch, dass zum Teil Liebesbekundungen geschrieben werden. Zumindest, wenn der Autor heterosexuell ist, besteht ja quasi keine Chance, dass das vom Adressaten je gelesen wird. Da ist die Frage, warum man das tut, ja noch viel drängender.
 
Und, haben Sie eine Idee?
Offensichtlich haben wir da eine stark expressive Motivation. Hier wird der öffentliche Raum zur privat genutzten Bühne.
 
„Getting private in public“ hat auf einem der Bilder jemand geschrieben.
Das trifft die Situation beinahe perfekt!
 
Man weiß wohl noch nicht, wie sich der Alkoholkonsum da auswirkt, oder?
(lacht) Wir sind hier ja schon in einem sehr speziellen Spektrum von Toiletten. Sie sollten also in einer anderen Geschichte dringend noch mal vergleichen, wie es auf anderen Toiletten aussieht: im Theater, am Bahnhof. Vermutlich sind sie weniger expressiv betextet.

Text: jakob-biazza - Fotos: juri-gottschall

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