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"Das Rumspinnen ist entscheidend"

Marc Zimmermann feiert in einer alten Schlafwagenfabrik drei Tage lang den zehnten Geburtstag der Lunastrom-Partys. Es gibt Betten und LSD aus Licht.
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jetzt.de: Im Programm des Festivals steht unter anderem, dass zwei Psychologen – Dr. Dirk Proeckl und Dr. Engelbert Winkler – anwesend sein werden, „die ein Verfahren entwickelt haben, das mittels Lichtpenetration auf das geschlossene Auge vollkommen legal LSD-artige Halluzinationen ermöglicht“. Ist das jetzt Kunst oder wird es echte Licht-Trips geben?
Marc Zimmermann: Die beiden gibt es wirklich, das sind zwei Herren mit längeren, grauen Haaren und Brille, beide sind Psychotherapeuten aus Innsbruck. Sie haben das Gerät zu Therapiezwecken entwickelt. So wie man früher LSD zur Therapie verwendet hat, nutzen sie jetzt die Maschine, um den Menschen Zugang zu ihrem Unterbewusstsein zu ermöglichen. Das ist ungefährlich und funktioniert wirklich. Auf dem Festival haben sie ihren eigenen Raum, da kann man das ausprobieren, mit Vor- und Nachgespräch. Ich habe die beiden in London erlebt und war begeistert. Bei jedem Satz, den sie erzählten, dachte ich, dass das so gut zu Lunastrom passt: Die Wahrnehmung der Menschen verändern und ihnen ein Erlebnis außerhalb des Gewohnten ermöglichen.

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Marc in der noch unbeleuchteten Schlafwagenfabrik, in der am Wochenende gefeiert wird.
 
Lunastrom ist für detaillierte Licht- und Kunstinstallationen bekannt, auf jeder eurer Partys kann man unheimlich viel entdecken. Manchmal wird der Ort des Geschehens nur ansatzweise verraten, und man muss sich durch eine Art Schnitzeljagd den Weg dorthin bahnen. Wie kommt ihr auf die Ideen?
Wir sind ein festes Team von vier Leuten, und sobald wir eine Location haben, verbringen wir Stunden vor Ort, ohne Druck, nur mit Rumsitzen. Während wir in den Räumen sind, kommen uns die Ideen. Das Rumspinnen ist entscheidend. Manchmal werden wir dabei größenwahnsinnig. Bei jeder Party gibt es garantiert etwas, das man noch nicht entdeckt hat. Oder so wie hier, dass man sich auf den 3 000 Quadratmetern erst mal verläuft und nur langsam die Zusammenhänge erkennt.
 
Aus welchem Anliegen heraus ist Lunastrom entstanden?
Ich bin ein Nachtmensch. Tagsüber, so mit Berufsverkehr und Anzugwelt, diese vielen Menschen, das finde ich furchtbar. Nachts fühlte ich mich schon immer wohl, da ist alles freier, es gelten andere Konventionen. Nur gab es damals in den Neunzigern keine Party, die so war, wie ich sie gern gehabt hätte. Schon allein musikalisch: Shoegaze und Postpunk konnte ich nirgends auflegen. Außerdem waren Kunst und Licht schon immer wichtig für mich, auf einem Fest wollte ich nicht nur feiern, sondern vor allem Neues erleben. Raus aus dem Alltäglichen.
 
Was bedeutet der Name?
„Luna“ ist die andere Seite des Lichts, das Nicht-Alltägliche, das Geheimnisvolle. Das „Strom“ im Namen hat mehrere Gründe: Stromgitarren, aber auch weil es was mit Wasser und Strömen, mit Energie zu tun hat.
 
Wie habt ihr die Schlafwagenfabrik aufgetan?
Wir haben lange nach etwas Passendem gesucht – und plötzlich meldete sich Elvira Auer bei uns. Sie interessiert sich für Denkmalschutz und Stadtteilkultur und setzt sich auch für das Gelände der Schlafwagengesellschaft ein. Es steht seit zehn Jahren leer und hätte in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert. Noch ist ungeklärt, was in Zukunft hier geschieht, das Gelände ist in Privathand. Jetzt dürfen wir hier erst mal feiern. Elvira Auer hat das Gelände historisch erforscht und stellt auf dem Festival auch Fotos und Fundstücke aus.
 
Für Lunastrom spielen auch die Geschichte des Termins und des Ortes der Party immer eine wichtige Rolle. Wie ist das dieses Mal in der Schlafwagenfabrik in Neuaubing?
Es gibt ja diese Sache mit den morphologischen Feldern: Dass alles, was an einem Ort passiert, als Geist noch da ist. Bisher gab es auf jeder Luna-Party irgendwo ein Bett, dieses Mal bauen wir eine ganze Betten-Landschaft auf, denn es gibt eine passende Anekdote zum Gelände: Elvira Auer hat herausgefunden, dass hier auch früher schon wilde Feste gefeiert wurden, zu Zeiten der Produktion. Die Frau des Werkdirektors liebte Partys und soll hier manchmal über mehrere Tage wilde Bälle gegeben haben, bei denen die Gäste teilweise hier übernachtet haben – in den Schlafwagen. Sie hieß Lilly. Ihrem Geist haben wir auch einen Raum der Fabrik gewidmet.

Was war das Beste in zehn Jahren Lunastrom?
Einmal haben wir in einem ehemaligen Hitler-Keller in der Schellingstraße was gemacht, das war kritisch, aber wir haben da eine positive Energie hineingebracht. Und letztes Jahr Mittsommer war toll, weil die Location der Wahnsinn war. Man kam durch den Wald gelaufen und dann eröffnete sich vor einem der See, auf dem rotleuchtende Ballons schwammen. In der Natur und am Wasser potenziert sich die Stimmung der Feste noch einmal. Das Glücksgefühl, das man zu den Mittsommerfesten in den Augen der Leute sieht, habe ich sonst noch nirgends gesehen.
 
Und das Schlimmste?
Einmal haben sich die Leute massiv über die Bierpreise beschwert. Ich fand das deshalb schlimm, weil ich dachte: Wir stecken hier unser Herzblut hinein, kommen nicht mal mehr bei Null raus, und das Einzige, was von den Menschen gesehen wird, ist der Bierpreis.
 
Du bist schon sehr lange im Münchner Nachtleben aktiv, fast 22 Jahre. Jetzt bist du 41. Denkst du ans Aufhören?
Nach Megaprojekten wie diesem hier sage ich immer: Nie wieder. Doch mein inneres Bedürfnis lässt nicht nach. Manchmal weiß ich nicht, wo das hinführen soll. Ich bin immer noch gern Veranstalter und DJ, und vielleicht ist es einfach gut, so lange es funktioniert. Die jetzigen 40-Jährigen sind nicht mehr dieselben 40-Jährigen wie vor 20 Jahren. Vielleicht haben die 60-Jährigen der Zukunft ja auch noch eine Clubkultur? Klar, die ganzen Hypes finde ich nicht mehr so spannend, ich bin abgeklärter. So etwas wie Lunastrom ist ja gerade sehr im Kommen: Kunst, Party und Off-Location. Ich denke dann: Hm? Das neue große Ding? Habt ihr auf dem Schlauch gestanden, wir machen das doch schon lange.
 
Das Lunastrom-Festival mit 15 Kunsträumen, zwei Tanzflächen, sieben Konzerten, sechs DJs und Ausstellungen zur Geschichte des Geländes findet vom 15. bis 17. Juni in der alten Schlafwagenfabrik Neuaubing statt.


Text: mercedes-lauenstein - Foto: juri-gottschall

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