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Der perfekte Club

Mal angenommen, man könnte sich als ausgehfreudiger Münchner aus vielen Einzelteilen seinen idealen Partyort basteln. Wie sähe der wohl aus? Ein Gedankenexperiment
mercedes-lauenstein
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Clubs kommen, Clubs gehen und als ausgeh-freudiger Münchner hat man darauf wenig Einfluss. Es bleibt die ewige Sehnsucht nach dem perfekten Laden und die Frage, warum die guten Sachen immer so schnell wieder weg sind, warum manches so schnell langweilig wird oder einen fahlen Beigeschmack hat – zu arrogant oder zu prollig, zu teuer oder zu weit weg? Manchmal möchte man aus allen großartigen Orten, die das Nachtleben der Stadt einmal zu bieten hatte oder hat, die Kleinigkeiten herausschnitzen, die einem dort besonders gut gefallen, und daraus den perfekten Club zusammen mischen. So würde er in München aussehen.
 
Der Standort
Wer sich an die Praterinsel erinnert, bevor sie zu einer Insel für Investorenpartys und Werbeevents wurde, weiß, dass dies der Ort für den perfekten Club ist. Wie unübertroffen schön es sich am Ufer der Isar feiert, merkt man heute nur noch bei den wenigen (leider meist illegalen) Partys, die im Sommer unter Münchens Brücken stattfinden und meistens zu früh von der Polizei aufgelöst werden. Der perfekte Club, wie wir ihn uns vorstellen, hat diese Probleme nicht. Er hat die Praterinsel völlig legal zurückerobert und ihr ihren unschuldigen Charakter zurückgegeben. Große Schnapssponsoren sind hier verschwunden, es werden ausschließlich lokale Lebens- und Genussmittel verkauft, und es gibt wieder einen permanenten Platz für Künstlerateliers und Veranstaltungsexperimente (siehe Betreiber).
   
Die Räumlichkeit
Die Innenarchitektur des Ladens kommt der alten Registratur gleich: Es gibt eine große Tanzfläche, eine Bühne für Konzerte, hinter der der legendäre Glitzervorhang aus dem Atomic Café hängt, und eine holzvertäfelte Galerie. Auf ihr stehen die englischen Sofaecken der X-Bar mit ihren Echtkerzen-Wandleuchtern. Unter der Galerie befindet sich die Bar, deren Angebote auf einer riesigen Stecktafel angebracht sind. Hier mixen die Jungs des Café Kosmos in ihren ockerfarbenen Outfits hervorragende Drinks und geben mindestens fünf verschiedene Biersorten in Halbliterflaschen heraus. In den restlichen Nischen unter der Galerie ist genügend Platz für die geschwungenen Sitzbänke der Favoritbar. Auch die Lichtsituation des gesamten Ladens ist von der dort abgeguckt: orangefarben, warm und hell genug, alle anderen Menschen klar zu sehen, aber schummrig genug, sie außergewöhnlich schön zu finden. Auf der Eingangsseite des Tanzraums öffnet sich die riesige Fensterfront des Café Cords zu einem gläsernen Vorraum, in dem es eine Café-Theke aus einer Mischung der Aroma Bar, des Kiosks in der Garderobe aus dem Atomic Café und dem kleinen Currywurststand der alten Registratur gibt. Von dem Caféraum aus erstreckt sich die Terrasse der Goldenen Bar im Haus der Kunst weit und luftig bis zur Isar hin. Es gibt hier einige Tischtennisplatten, Kicker- und mindestens so viele Billardtische wie im Schellingsalon.
 
Das Programm
Das Geheimrezept des Ladens ist die souveräne Abkehr vom Elektro-DJ-Hype. Hier spielen nach Atomic Café oder 59:1-Manier zunehmend Live-Bands, und zwar bis spät in die Nacht. Weil im ganzen Laden die umwerfende Soundanlage des Bob Beaman installiert ist, wird der Gast von der gespielten Musik regelrecht hypnotisiert. Doch es gibt hier natürlich nicht nur Musikveranstaltungen. Regelmäßig finden Lesungen, Workshops oder Ausstellungen statt, und niemals beschleicht einen bei all diesen Dingen der Eindruck, dass Stümper oder Lieblose am Werk waren. Immer montags gibt es, wie neuerdings im Yib Yap, einen Kinoabend mit freiem Eintritt, bei dem Filme gezeigt werden, die es nicht in den deutschen Filmverleih geschafft haben. Im Sommer laufen sie auf einer Leinwand auf der Terrasse.
 
Das Publikum
Ist zwischen 18 und 50 Jahre alt. Es besteht aus einer sympathisch unaufgeregten Mischung von Menschen, die verschiedener nicht sein könnten und die lediglich die Suche nach einer schönen Zeit eint. Ein solches Publikum traf man im alten X-Cess oder der Rakete Bar, man trifft es noch immer im Café Kosmos oder dem Rationaltheater. Nette Hipster sind auch da, die doofen nicht.
 
Die Öffnungszeiten
Geöffnet ist der Laden von zwölf Uhr mittags bis sieben Uhr morgens. Tagsüber stehen Tanzraum und Terrasse voller Tische und Stühle, die statt von der Bar von dem kleinen Vorraumcafé bewirtet werden, das auch nachts noch die Hungrigen mit Currywurst, Pommes, vegetarischen Snacks und dem sonstigen Nötigen bewirtet. Außerdem liegt hier die Zeitungs- und Magazinauswahl des Baader Café aus. Wie im alten Café King kann man hier von gemütlichen Nachmittagen mit Biergartengefühl in eine wilde Nacht hinein rauschen, ohne zu viel darüber nachzudenken. Man kann es sich statt an Tischen und Stühlen auch im Kiesbett gemütlich machen oder auf den Schaukeln in den Bäumen drumherum. Später tanzt man, unterhält sich oder liegt noch ein bisschen herum und irgendwann, in den ersten Strahlen der Morgensonne, nimmt man ein katerprophylaktisches Bad in der Isar und radelt nach Hause. Dabei wird einem so klar wie nie zuvor, dass es keine bessere Stadt als München gibt.
 
Die Eintrittskosten
Je nach Veranstaltung ist der Eintrittspreis unterschiedlich, aber er beträgt nie mehr als sieben Euro und wird erst ab 23 Uhr erhoben. Wie in den Anfangstagen des Café King winkt einen die nette Türsteherfraktion manchmal heimlich kostenlos herein. Eine Besonderheit ist der Ein-Stunden-Eintritt: Wer erst mal schauen möchte, wie es ihm gefällt, kann für einen Euro fünfzig einen Probeeintritt zahlen und dann entweder wieder abhauen, oder den Rest später nachlösen.
 
Die Betreiber
Der Laden wird von einem sympathischen Kollektiv verschiedener engagierter Menschen unterschiedlichster Herkunft betrieben. Ihre Namen sind kaum jemandem ein Begriff, weil es ihnen zuwider ist, sich als Kultfiguren zu begreifen. In ihrem Rücken haben sie einen starken Hauptrat aus gleichermaßen querdenkerischen und veranstaltungserfahrenen Menschen wie der ZomboCombo, den Yum-Yum Machern, den Betreibern des Herrn Hotter und Leuten wie Marc Zimmermann und David Süß vom Harry Klein.


Text: mercedes-lauenstein - Foto: Mark(us) / photocase.com

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