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Der verlogene Superlativ

Die besten Brezen, das beste Spaghetti-Eis und der beste Käsekuchen: Wenn wir Freunden etwas in unserer Stadt empfehlen, greifen wir schnell zu maßlosen Übertreibungen. Warum eigentlich?
jan-stremmel

Wann genau ist der Moment? Wenn man weiß, welcher Bäcker in Schwabing sonntagnachmittags noch Semmeln verkauft? Wenn man den Vornamen des Türstehers im Pacha kennt? Oder, noch besser, den des Besitzers?
 

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 Die beste Illu des Textes!

Es gibt mannigfaltige Möglichkeiten, um zu sagen: Ich bin hier. Dies ist jetzt meine Stadt. Ich schlafe hier nicht mehr nur, ich lebe hier. Man kann in Jogginghosen zum Supermarkt gehen. Man kann sich einen Dialekt angewöhnen und nur noch „Lechel“ und „Giasing“ sagen. Oder man kann über Touristen, die zu Fuß auf dem Radweg laufen, die Augen rollen. Aber die beste Formel, also echt die allerbeste, ohne Scheiß jetzt, die beste ever, um auszudrücken, dass man angekommen ist, geht so:

„Das beste X der Stadt, also das allerbeste, ohne Scheiß jetzt, gibt es im Y.“
 
Der Satz funktioniert praktischerweise mit quasi allem, von dem es mehr als eins gibt. In deiner Stadt gibt es mehr als eine Bäckerei? Dann gibt es auch die beste! Geht auch mit allem, was sich konsumieren lässt, von der Pizza bis zur Abhyanga-Massage. Von der besten Butterbreze in Berg am Laim über den besten New York Cheesecake außerhalb New Yorks bis zum besten Milchschaum der Maxvorstadt.
 
Der „Beste“-Satz kann zweierlei sein: eine Empfehlung an den Ortsunkundigen („Du musst unbedingt vor der Abreise noch den Bienenstich im Café Schneller probieren, echt der beste der Stadt“) oder eine Behauptung gegenüber anderen Einwohnern („Ich find ja eh, die beste Schweinsbratenkruste machen die im Schneider“). In jedem Fall signalisiert er aber, dass der Empfehlende hier zu Hause ist. Dass er eingeweiht ist. Und schon einiges probiert hat. Gute Brezen kauft der Zugezogene. Leckeres Eis isst der Erstsemester. Wer aber irgendwas bestes kennt, kann sich eigentlich im nächsten Schritt als Bürgermeisterkandidat aufstellen lassen.
 
Wenn der Satz nur nicht so schrecklich sinnlos wäre! Denn wer sagt, er kenne das „beste Sashimi Münchens“, sagt ja eigentlich: Ich habe sie alle probiert, vom Aubinger Sashimi bis zum Zamdorfer Sashimi, und nun, 219 Sashimis später, lautet mein Urteil: Das beste gibt es im Tokami in der Theresienstraße.
 
Absurd? Ja. Denn statt einen Tipp zu geben, mit dem jemand ernsthaft etwas anfangen kann, geht es beim „Beste“-Satz vor allem darum, den Gestus des Ureinwohners zu imitieren. Der schon alles gesehen hat, die guten wie die schlechten Brezen, den wässrigen wie den sahnigen Milchschaum, und der sich heute echt nichts Halbschariges mehr andrehen lässt.
 
Und komisch ist ja noch etwas anderes: dass nämlich viele dieser demonstrativ kompromisslosen Empfehlungen zufällig in der Nachbarschaft des Empfehlenden liegen. Das beste Spaghetti-Eis der Stadt gibt es eben nicht zufällig in fußläufiger Entfernung – es ist halt nur das, was der Empfehlende zufällig kennt. Aber wen beeindruckt schon ein okayes Spaghetti-Eis, das aber voll nah liegt?
 
Umso erstaunlicher, wie oft dieser Satz dann verwendet wird. Im Netz lässt sich das vorzüglich überprüfen – die Bewertungsseiten von Yelp oder Tripadvisor sind voll von Superlativen, von den besten Tapas und vom besten Espresso Macchiato, bei dem sich zum Beispiel im Fall von Vits Kaffeerösterei am Isartor „so mancher Italiener eine Scheibe abschneiden könnte“, was ja tatsächlich enorm gut geschlagenen Milchschaum voraussetzt.
 
So. Und was ist nun „das Beste“ in München? Also, konkret? Natürlich ist sich da niemand einig. Wenn man die Reviews mal durchzählt, erkennt man: Den besten Burger der Stadt gibt es sowohl in der Schnellen Liebe, als auch im Cosmogrill, dem Fritty Woman oder dem My Stolz. Die beste Suppe (wahlweise „von München“, „von Welt“ oder „weit und breit“) gibt es im Kam Lung, in der Warmi Nudel Bar, im Sushi Express oder im Takumi. Die beste Musik bekommt man, je nachdem, auf wen man hört, im Q-Club, in der Roten Sonne, im Harry Klein oder im Bob Beaman. Die besten Donuts serviert Donut & Candies beziehungsweise Boogie Donuts & Coffee. Und beim Sushi wird es vollends unübersichtlich, da tragen 21 verschiedene Läden das Prädikat „bestes Sushi“.
 
Und weil wir uns natürlich selbst nicht von der Empfehlerei ausnehmen, ein kurzer Blick in die vergangenen drei Jahre unserer Verstandenliste auf der jetzt.de-Münchenseite: Die „besten Brezen am Hauptbahnhof“ hat, behaupteten wir, der Höflinger. Der „beste Platz für Trinkspiele“ seien die Isarauen. Zugegeben: Wir haben es nicht überall sonst getestet. Die „beste Grabsteinbeschriftung der Welt“, posaunten wir, gebe es auf dem Haidhauser Friedhof. Nun ja, da haben wir auch eher nachlässig recherchiert. Und die „beste Sommerhitze in ganz Deutschland“, schrieben wir, habe München. Zumindest im Vergleich zum Rheinland und zu Berlin. Können wir nicht wasserdicht nachweisen – falls es nicht stimmt: Sorry, Rheinland und Berlin! Und die besten Grüße Münchens.

Text: jan-stremmel - Illustration: katharina-bitzl

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