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Ein Leben besser machen

Versiffte Matratzen, überfüllte Hallen: Flüchtling sein in München ist schlimm. Aber jeder von uns kann helfen. Vier Geschichten von Mut, Engagement und Freundschaft.
christina-waechter

In der überfüllten Bayernkaserne brechen die Masern aus. Im Netz protestieren Münchner gegen geplante Unterkünfte im Stadtgebiet. Die Verantwortlichen schämen sich dafür, unter welchen Bedingungen die Flüchtlinge hier leben müssen – in Hallen mit 300 anderen Menschen und auf uralten, versifften Matratzen. Am Hauptbahnhof stehen die Bundespolizisten schon am Bahnsteig, wenn ein Zug aus Italien oder der Türkei ankommt. Sie wissen, dass in solchen Zügen die Flüchtlinge zu Dutzenden ankommen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht in der Zeitung über die Lage der Flüchtlinge in München und Bayern liest. Und so gut wie nie sind diese Berichte positiv.
 
Wenn man sich vergegenwärtigt, unter welchen Bedingungen Menschen hier leben, die durch Kriege und andere Katastrophen zum Teil schwer traumatisiert sind, dann kommt man kaum umhin, sich zu schämen. Nur: Jenseits der Scham etwas zu tun, das schaffen die wenigsten von uns. Für unsere Untätigkeit finden wir viele Gründe: Wir haben zu wenig Zeit, einen zu unsteten Lebenswandel, zu wenig Wissen über die Situation. Wir fühlen uns schon vom eigenen Leben überfordert genug und haben Angst davor, in das komplizierte Schicksal anderer Menschen hineingezogen zu werden. Aber wer sich umhört bei denen, die sich um die Flüchtlinge kümmern, erfährt: Gerade junge Helfer und Unterstützer wären wichtig. Die meisten Flüchtlinge, die zu uns kommen, sind jünger als 30. Viele sind unbegleitete Minderjährige, die allein nach Deutschland geflohen sind.

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Memory spielen, Briefe übersetzen oder die Stadt zeigen: Vor allem junge Helfer werden gesucht. Die meisten Flüchtinge sind unter 30.
 
Bis Ende des Jahres erwartet Bayern insgesamt 30 000 Flüchtlinge. Fast doppelt so viele wie im vergangenen Jahr und fast viermal so viele wie 2012. Täglich kommen bis zu 350 Asylsuchende in Bayern an. Wenn ein Flüchtling Deutschland erreicht hat, wird er zunächst in einer Erstunterkunft untergebracht. Dort bleibt er, bis er registriert, von der Asylbehörde über seine Fluchtgründe befragt und sein Status überprüft wurde. Wegen des großen Andrangs kann das Monate dauern. In Bayern gibt es nur zwei Erstaufnahmen, die immer wieder heillos überfüllt sind: die Bayernkaserne in München und die Erstaufnahmestelle in Zirndorf. Kommendes Jahr sollen weitere Unterkünfte in München und Bayern eröffnet werden.
 
Doch auch wenn sich auf diesem Gebiet etwas tut: Die Zustände, unter denen Flüchtlinge bei uns leben, sind schlimm. Und die Menschen werden mit ihren Nöten, Sorgen und Anliegen oft alleine gelassen, weil es zu wenige Betreuer gibt.
 
Deshalb sind die Ehrenamtlichen so wichtig: Sie helfen, die Lage der Flüchtlinge ein bisschen erträglicher zu machen. Wir haben mit vier Menschen geredet, die erklären, wie ehrenamtliches Engagement für Flüchtlinge in München funktioniert, was es bringt – und wie wenig Aufwand es kostet, zu helfen.
 

Felix Korts, 28, Politikstudent

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„Anlass für mein Engagement war der Hungerstreik einiger Flüchtlinge auf dem Rindermarkt vor einem Jahr. Als ich dort hingegangen bin, um mich zu solidarisieren, hat es mich abgeschreckt, wie die Flüchtlinge von einigen Vertretern der linken Szene für deren Agenda instrumentalisiert wurden. Also habe ich gegoogelt, wie ich Flüchtlinge kennenlernen könnte. So habe ich Kontakt zum Münchner Flüchtlingsrat bekommen, der gerade dabei war, ein neues Patenschaftsprogramm zu entwickeln. Jetzt bin ich Pate von zwei Flüchtlingen: Hmod, 18, aus Syrien, und Abdirahman, 17, aus Somalia. Das erste, was mich die Jungs gefragt haben, war: „Warum beschäftigst du dich mit uns, obwohl du dafür nicht bezahlt wirst?“
 
Bei der Aufgabe als Pate geht es darum, sich mit den Menschen zu befassen. Ich glaube, dass man Flüchtlinge mit der Gesellschaft zusammenbringen muss, weil sie Menschen sind wie du und ich. Hmod ist schon volljährig, den nehme ich öfter auf Partys mit. Mit Abdirahman treffe ich mich öfter mal auf einen Döner, sein Lieblingsessen. Beide finden es auch toll, wenn man gemeinsam kocht und so mehr aus der fremden Kultur erfahren kann.

"Das Argument mit der Zeitnot akzeptiere ich nicht" 

Wenn Hmod in meinem Freundeskreis erzählt, warum er aus Syrien geflohen ist und was ihm auf seiner Flucht alles zugestoßen ist, sind meine Freunde regelmäßig total gebannt. Als Pate hat man keinerlei Verpflichtungen. Wir Paten sind auch nicht die einzigen Freunde der Flüchtlinge. Die haben ihren eigenen Freundeskreis, mit dem sie viel unternehmen.
 
Dass Leute Berührungsängste mit den Flüchtlingen haben, kann ich nicht nachvollziehen. Klar, der Mensch hat vor allem Fremden Angst. Aber die Flüchtlinge wohnen hier, die gehören jetzt zu unserer Gesellschaft. Die sind genauso wie wir, sie haben nur sehr viel mehr Scheiße erlebt. Das Argument mit der Zeitnot akzeptiere ich nicht – gerade bei Schülern oder Studenten ist das nicht nachvollziehbar. Man muss so viel oder wenig Zeit investieren wie in jede andere Freundschaft auch.

Wir suchen junge Leute, auch gerne Schüler, bis Mitte 30. Uns ist wichtig, dass die Paten keine Elternfiguren sind, sondern eine freundschaftliche Ebene entsteht. Mir persönlich geben diese Freundschaften sehr viel. Und es ist so unglaublich einfach, den Flüchtlingen einen Freundschaftsdienst zu erweisen. Man muss nicht viel investieren – und trotzdem kann man mit dem Bisschen die ganze Welt für einen Menschen verändern.“
 

Hmod Alasaf, 18, aus Syrien

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„Ich hatte nur ein T-Shirt, Schuhe und eine Hose an, als ich in einer regnerischen Nacht nach Deutschland gekommen bin. Das war vor einem Jahr. In Syrien gab es für mich und meine Familie nichts mehr. Unsere Wohnung wurde von vier Bomben zerstört, während ich mit meiner Familie und Freunden darin saß. Dabei sind vier Freunde und einer meiner Brüder gestorben. Das war der Punkt, an dem meine Eltern alles verkauften, was sie noch in Syrien besaßen. Dann sind sie in die Türkei gegangen – und ich kam hierher.
 
Vor einem Jahr bin ich in der Bayernkaserne angekommen, wo ich fünf Monate lang mit hundert anderen minderjährigen Flüchtlingen in einem Gebäude wohnte. Erst als ich in die Wohngruppe für unbegleitete Flüchtlinge kam, wo ich noch immer lebe, bin ich wieder zur Schule gegangen.
 
Meinen Paten Felix habe ich schon in der Bayernkaserne kennengelernt. Er kam zu uns und sagte: „Ich will helfen.“ Ich hatte zu der Zeit eine Betreuerin, die sich nicht um mich gekümmert hat, da hat mir Felix geholfen, eine neue zu finden.

"Felix hat mir erklärt, warum die Münchner die Löwenpfoten streicheln" 

Felix und ich, wir sehen uns fast jede Woche, er ist wie ein Freund. Durch Felix habe ich auch viele neue Leute kennengelernt. Und er erklärt mir manche Sachen, die ich nicht kapiere. Ich habe zum Beispiel beobachtet, dass viele Münchner am Odeonsplatz immer die Pfoten der Löwen streichen und konnte mir keinen Reim darauf machen. Nach einer Woche Überlegen habe ich Felix gefragt, und der hat mir dann erklärt, dass die Leute das aus Aberglauben tun.
 
In meiner Freizeit gehe ich gerne schwimmen. Aber oft kann ich das nicht machen, sonst wird es zu teuer. Und ich denke natürlich viel über die Lage in meiner Heimat nach. Aber weniger nach dem Motto: „Was wird morgen sein?“, sondern eher: „Wer von meinen Freunden ist wohl morgen tot?“ Vor ein paar Tagen ist mein bester Freund in Syrien gestorben, Ahmed, ich kannte ihn seit zwölf Jahren.
 
Momentan sieht mein Plan für die Zukunft so aus: Erst lerne ich noch besser Deutsch, dann möchte ich meinen Quali-Abschluss machen und dann so bald wie möglich arbeiten. Am liebsten mit Autos, das wäre mein Traumjob. Aber das Allerwichtigste für mich ist, meiner Familie zu helfen, die immer noch in einem Flüchtlingslager in der Türkei sitzt. Da sind 30 000 Menschen in einem Lager, es gibt nur Zelte. Ich möchte dringend etwas tun, aber dafür brauche ich Geld. Und wenn es keine andere Möglichkeit gibt, werde ich die Schule abbrechen müssen und einen Job finden, mit dem ich genug Geld verdiene, um meine Mutter zu mir holen zu können.“
 

Margit Merkle, 44, Helferkreis Bayernkaserne

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„In der Bayernkaserne helfen uns Geldspenden sehr, weil wir sie gezielt und flexibel einsetzen können. Wir nehmen jeden ersten Samstag im Monat auch gerne Sachspenden an, aber nur die Dinge, die auf der Spendenbedarfsliste stehen, zu finden auf unserer Website. Und wir suchen händeringend nach Freiwilligen, die uns dabei helfen, die Spenden zu sortieren, und die Lust haben, sonntags beim Spielekreis mitzumachen. Wir spielen einfache Spiele wie „4 gewinnt“ oder „Memory“, die nonverbal funktionieren. Das wird gut angenommen und man hat direkten Kontakt zu den Flüchtlingen.
 
Politisch engagieren wir uns hier nicht, wir sind eher die Praktiker. Wir versuchen, die Flüchtlinge mit materiellen Dingen zu unterstützen, sei das ein Handtuch, ein Kinderwagen oder Duschgel. Wir geben aber auch Deutschkurse und veranstalten Freizeitaktivitäten. Es geht darum, die Flüchtlinge aus ihren Zimmern zu holen, sie abzulenken und ihnen irgendetwas Positives zu bieten.

"Niemand ist böse, wenn man mal ausfällt"

Momentan sind wir ungefähr 60 Ehrenamtliche, die für die Innere Mission tätig sind. Das klingt nach viel, aber alleine 20 von uns arbeiten in der Kleiderkammer. Qualifikation und Alter sind übrigens egal: Wir haben Studenten und 80-jährige Helfer, Leute, die Hartz IV beziehen, und Akademiker. Die Flüchtlinge brauchen Menschen, die auf sie zugehen und keine Scheu haben. Ich weiß selbst nicht, ob ich hier gelandet wäre, wenn mich nicht eine Freundin mitgenommen hätte. Aber es macht wahnsinnig viel Spaß und es kommt sehr viel zurück.
 
Unser Projekt ist perfekt für junge Menschen und Studenten. Vieles wird online organisiert und niemand ist böse, wenn man mal ausfällt. Aber man sollte sich, bevor man anfängt, klar darüber sein, dass man Zeit investieren muss.“
 

Ben Rau, 26, vom Bayerischen Flüchtlingsrat

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„Ich betreue ein bayernweites Projekt zur Unterstützung von Ehrenamtlichen. Wir geben den Leuten praktische Hinweise, wie sie helfen können. Die Zahl der Ehrenamtlichen hat stark zugenommen und das ist ein großes Glück. Denn obwohl der Zuzug von Flüchtlingen stark zugenommen hat, haben wir leider nicht mehr Profis, die sie betreuen.
 
Nicht nur deshalb ist es unglaublich wichtig, dass sich die Leute engagieren. Vor allem am Anfang brauchen Flüchtlinge dringend Unterstützung. Es ist wichtig, dass Leute da sind, die ihnen die Sprache beibringen und im Alltag helfen. Indem sie beispielsweise Kontakte zu Ärzten und Anwälten vermitteln. Von den Sprachkenntnissen hängt viel ab: Die Flüchtlinge befinden sich in juristischen Verfahren, von denen ihre Zukunft abhängt. Sie alle haben Angst davor, abgeschoben zu werden. Dass man ihnen die Briefe übersetzt und sie zum Amt begleitet – das entscheidet mitunter über ihr Aufenthaltsrecht.

"Ehrenamtliche helfen, die Anwohner zu beruhigen"

Ehrenamtliche sind oft die Brücke von den Unterkünften zur lokalen Bevölkerung. Die Anwohner haben selten Bock darauf, dass bei ihnen Asylbewerber untergebracht werden. Wenn Ehrenamtliche den Kontakt herstellen, verbessert das die Atmosphäre oft enorm.
 
Ich kann mir vorstellen, dass einige Menschen eine Scheu davor haben, sich zu engagieren, weil sie fürchten, dass es zu kompliziert oder belastend ist. Aber da darf man sich nicht abschrecken lassen. Für den juristischen Kram gibt es Hilfe von Profis. Und wenn man sich traut, kann man sehr viel Gewinn rausziehen, das hören wir eigentlich von allen Ehrenamtlichen. Gerade junge Leute können von dem Kontakt profitieren. Die meisten Flüchtlinge sind jünger als 30, das sind spannende Leute, von denen man viel lernen kann.“
 
Hilfsmöglichkeiten für Münchner:

www.muenchner-fluechtlingsrat.de
www.fluechtlingsrat-bayern.de
www.fluechtlingshilfe-muenchen.de

Wer sich für das Patenschaftsprogramm von Felix Korts interessiert, kann eine Mail an info@jetzt.de schicken. Wir leiten alle Anfragen weiter.

Text: christina-waechter - Illustrationen: Daniela Rudolf

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