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Große Runtertreibung

Beachte die Zwei-Kammern-Warnung. Hüte dich vor Y-Ästen. Und um Gottes Willen: keine Scherze mit dem Bratwurst-Alarm! Das Münchner Schlauchboot-ABC.
Von Christian Helten
  • schlauchboot illu format
    Illustration: Daniela Rudolf

A wie Anzeigetafel

Die Isar ist die beste Anzeigetafel für das Sommerlevel der Stadt. Gemessen wird es in der Einheit „Vorbeitreibende Schlauchboote pro Stunde“. Erst, wenn du mit dem Zählen nicht mehr hinterher kommst, kannst du reinen Gewissens behaupten: Es ist Sommer in München. 

B wie Bratwurst-Alarm

Einige der Kiesbänke zwischen Bad Tölz und München sind natürliches Habitat des FKK-Freundes. Das führt für Schlauchbootreisende zu mitunter gewöhnungsbedürftigen Überraschungen: Eben erfreute man sich noch an der schönen → „Into-the-Wild“-Szenerie am Ufer, und plötzlich blickt man vollkommen unvorbereitet auf einen breitbeinig daliegenden nackten Mann fortgeschrittenen Alters. Das kann ziemlich shocking sein, weshalb es sich empfiehlt, den Menschen, der am Bug für das → Untiefen-Warnsystem verantwortlich ist, auch zu instruieren, in solchen Fällen rechtzeitig Bratwurst-Alarm auszurufen. 

 

C wie Challenger-Problem

In der Schlauchboot-Branche scheint es eine interne Absprache zu geben: Je günstiger das Schlauchboot, desto Raumschiff muss der Name klingen: Das Modell „Voyager“ ist für 69 Euro zu haben, das „Challenger“ gibt’s dort ab 39 Euro. Das Problem: Diese Boote sind nicht aus einem Material gemacht, mit dem man sich ins Weltall wagen sollte – und ehrlich gesagt auch besser nicht über Isar-Steine oder in Böschungen. Deshalb bilden diese SparangeBoote auch den Großteil der → Kadaver und führen zum → Luxusproblem.

 

D wie Drehmomente

Ebenso unfreiwillige wie unvermeidliche Rotationen des Boots in Isar-Kurven, meistens begünstigt durch → Quereinsteiger und → Nicht-Paddler: Das Heck wird plötzlich zum Bug (was zu Ausfällen des → Untiefen-Warnsystems führt). Diesen Umstand wollen alle Bootsinsassen schnell beseitigen, können sich aber meistens länger nicht einigen, ob man in der bereits eingeschlagenen Drehrichtung weiterrotiert oder dagegen arbeitet. 

 

E wie Edmund-Einstieg

Eine bequeme, von der S-Bahn in Wolfratshausen gut erreichbare Einstiegsstelle befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Haus von Edmund Stoiber und wird daher in Fachkreisen Edmund-Einstieg genannt. Wer ihn kennt, weiß auch, dass man dort in die Loisach steigt, die wenig später erst in die Isar mündet. Wenn man direkt in die Isar will, muss man von der S-Bahn etwas weiter in die andere Richtung laufen und steigt bei der Brücke kurz vor Puppling ein. Der Vollständigkeit halber: Wer das → Tölzer Upgrade will, also von Tölz nach Wolfratshausen fahren, steigt dort hinter dem Wehr des Isarkraftwerks nördlich von Tölz ein.

 

F wie Finale

Auf der Strecke nach München empfiehlt es sich, nicht einfach die Isar bis in die Stadt weiterzuschippern. Ab der Thalkirchnerbrücke ist das Bootfahren erstens verboten, zweitens ist es eh viel spaßiger, noch einen Abstecher zu machen und die Fahrt an der Floßlände enden zu lassen. Dazu muss man an oder kurz hinter der Großhesseloher Brücke von der Isar in den Kanal umtragen und dann noch einmal links in den Floßkanal abbiegen. Dafür warten ein paar schöne Gefälle und die Welle an der Floßlände, die man als krönenden Action-Abschluss der Reise nehmen kann.

 

G wie Georgenstein

Ungefähr auf der Höhe von Baierbrunn ragt in Fahrtrichtung rechts ein etwa fünf Meter hoher Felsen aus dem Wasser: der Georgenstein. Auf dem Felsen steht eine Figur des heiligen Georg. Früher querte hier eine Römerstraße die Isar. Im Strömungsschatten des Felsens kann man gut anlegen (wer’s genau sehen will, möge sich die Stelle einfach auf Google Earth anschauen, da sieht man nämlich zwei vorbildlich geparkte Schlauchboote), dann den Felsen erklimmen und ins ausreichend tiefe Wasser springen.

 

H wie Hochwassernachrichtendienst

Je mehr Wasser, desto rasanter wird die Fahrt, und bei Hochwasser wird es sogar richtig gefährlich (→ Obacht). Deshalb vor Abfahrt mal auf der Webseite des Hochwassernachrichtendienstes vorbeischauen (hnd.bayern.de ) und den aktuellen Wasserstand checken. Bei mehr als einem Meter wird es an manchen Stellen anspruchsvoll, alles deutlich drüber heißt: Schlauchboottrip lieber vertagen. Ganz einfach zu merken ist eine Regel, für die man nicht mal Internet braucht, sondern nur einen Blick auf die Isar: Wenn das Wasser braun und schlammig ist: nicht fahren.  

 

I wie „Into the Wild“-Szenerie

Je weiter flussaufwärts man losfährt – vor allem auf der Strecke zwischen Bad Tölz und Wolfratshausen –, desto abgeschiedener fließt die Isar dahin, und desto mehr fühlt man sich wie auf Exkursion in Alaska. Früher oder später sagt deshalb auch garantiert jemand den Satz: „Ist ja wie in Kanada hier.“ Dieses Wildnisgefühl ist zwar schön, kann bei schlechter Planung aber zu Verpflegungsengpässen führen.

 

J wie Jute-Kühlschrank

Gängigste und – abgesehen von einer sperrigen Kühlbox – effektivste Methode, um Getränke zu kühlen: Einen Jutesack mit Flaschen füllen, ans Boot binden und hinterherziehen. Setzt allerdings ein intaktes → Untiefen-Warnsystem voraus, das Alarm schlägt, sobald man weniger als eine Halbe Wasser unterm Kiel hat.

 

K wie Kadaver

Je länger der Sommer, desto häufiger sieht man kaputte Schlauchboote am Ufer, die von → Y-Ästen oder spitzen Steinen aufgeschlitzt und dann von ihren Besitzern achtlos zurückgelassen wurden. Sie sind oft ein Resultat aus einem in Schieflage geratenen → Material-zu-Selbstvertrauen-Koeffizienten, dem → Challenger-Problem oder dem Ignorieren der → Zwei-Kammern-Warnung.

 

L wie Luxusproblem

Direkt verknüpft mit dem → Challenger-Problem: Weil man sich kein teures Schlauchboot kaufen will („Ich fahr ja nur zweimal im Jahr die Isar runter“), wird’s eben wieder das günstige Modell, das leider nach spätestens drei Fahrten zum → Kadaver geworden ist. Sich jetzt ein teures zu kaufen, käme aber einer Kapitulation gleich, außerdem nimmt man sich vor, das nächste viel pfleglicher zu behandlen. Nach drei Sommern hat man genauso viel Geld ausgegeben wie für ein teures Boot.

 

M wie Material-zu-Selbstvertrauen-Koeffizient

Je stabiler das Boot, desto übermütiger steuert man über aus dem Wasser ragende Felsen und lässt in → Drehmomenten den Naturgewalten einfach ihren Lauf. Das ist ein großer Spaß – und manchmal leider etwas trügerisch. Dann ist → Luxusproblem deluxe angesagt.

 

N wie Nicht-Paddler

Es gibt in fast jedem Boot einen, der eigentlich nur fläzen und sich den ganzen Tag treiben lassen will. Wird er zum Paddeln aufgefordert, hält er sein Paddel eher alibimäßig ins Wasser, als wirklich zur Fortbewegung beizutragen. Früher oder später fällt das aber auf, weil es einen → Drehmoment gibt, bei dem das Boot immer in Richtung des Nicht-Paddlers strebt.

 

O wie Obacht!

Die Isar ist ein Fluss mit Wildwasserklassifizierung I bis II. Heißt übersetzt: unschwierig bis mäßig schwierig. Trotzdem kann es auf der Isar gefährlich werden, wenn man völlig blauäugig – oder, was laut Wasserwacht leider zu häufig vorkommt, völlig blau – herumpaddelt und nicht auf mögliche Gefahren achtet. Selbst bei niedrigem Wasserstand möchte man zum Beispiel lieber nicht über Bord gehen und von der Strömung in einen Haufen Äste in einer Kurve gedrückt werden. Weitere Gefahren sind laut Münchner Wasserwacht vor allem Wehre und Wasserwalzen, die sich bei hohem Wasserstand hinter Stufen und Kanten bilden, Kanäle von Kraftwerken, in die man sich auf keinen Fall verirren darf, und Floßrutschen, die nur Geübte befahren sollten. Kleinere Boote können dort leicht kentern.

 

P wie Piraterie

Auf dem Streckenabschnitt auf Höhe des → Georgensteins teilen sich Flöße und Schlauchboote dasselbe Fahrwasser. Immer wieder kommt es dabei zu Enter- oder Erpressungsversuchen mit dem Ziel, ein bisschen Bier aus dem Floßfass zu ergaunern.

 

Q wie Quereinsteiger

Der durchschnittliche Schlauchbootreisende auf der Isar absolviert vor der Abfahrt keine Paddelausbildung. Erstaunlich viele wissen nicht mal, dass man rechts paddeln muss, wenn man nach links fahren will. Quereinsteiger sind deswegen oft die Hauptverantwortlichen für → Drehmomente und in → Schreischnellen meistens die lautesten.

 

R wie Raucherboot

Das Raucherboot ist das Boot, in dem man besser nicht sitzt. Denn egal, wie vorsichtig die Raucher rauchen, irgendwann fällt garantiert ein Stückchen Glut auf das Gummi des Boots – ein entscheidender Schritt in Richtung → Kadaver, vor allem, wenn man jetzt die → Zwei-Kammern-Warnung missachtet.

 

S wie Schreischnellen

Auf der Isar-Schlauchbootstrecke am häufigsten vorkommende Stromschnellenart. Unterscheidet sich von der echten Stromschnelle darin, dass sie nicht mal ansatzweise so gefährlich ist, die Schlauchbootreisenden aber trotzdem zu lautem Schreien veranlasst.

 

T wie Tölzer Upgrade

Die zwei Standard-Strecken, die an einem Tag zu bewältigen sind, führen von Wolfratshausen nach München, oder von Bad Tölz nach Wolfratshausen. Erstere ist auch was für → Quereinsteiger und notorische → Nicht-Paddler. Bei der Tölzer Strecke muss man mitunter kräftig rudern und die Zahl der → Schreischnellen steigt erheblich.

 

U wie Untiefen-Warnsystem

Bootsinsasse, der am Bug sitzt und sich dafür verantwortlich fühlt, zu warnen, wenn unterwegs Felsen, Untiefen oder, besonders wichtig, → Bratwurst-Alarm drohen. Ist sowohl für das Schlauchboot als auch den Inhalt des → Jute-Kühlschranks von enormem Vorteil. Funktioniert aber meistens nicht.

V wie Verpflegung

Muss ausreichend mitgenommen werden, vor allem beim → Tölzer Upgrade, wo es zwar viel → Into-the-Wild-Szenerie gibt, aber nur eine Einkehrmöglichkeit: den Gasthof von Einöd, wo es passieren kann, dass der Wirt einen besonders schlechten Tag hat und Schlauchbootreisende in nassen Badehosen lieber aus dem Biergarten jagt, als ihnen ein Eis oder eine Breze zu verkaufen.

 

W wie Wirtschaftswissenschaft

Hat mit Schlauchbootfahren eigentlich gar nichts zu tun. Aber: Nirgends bekommt man das Prinzip von Angebot und Nachfrage so deutlich zu spüren, wie wenn man nach zwei heißen Wochen beschließt, sich in München ein Schlauchboot zu kaufen. Die sind dann nämlich in den meisten Läden ausverkauft.

 

X wie Xylophon

Instrument, das niemand auf eine Schlauchbootfahrt mitnimmt. Warum auch?

 

Y wie Y-Äste

Besonders große Gefahr, weil sie aufgrund ihrer speziellen Form theoretisch in der Lage sind, gleich zwei Luftkammern eines Schlauchboots bei nur einem Zusammenprall zu zerstören (→ Zwei-Kammern-Warnung).

 

Z wie Zwei-Kammern-Warnung

Die meisten Boote haben drei Luftkammern, damit man nicht gleich sinkt, falls man eine durchlöchert. Wenn die erste dahin ist, ist das allerdings ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass man seinen Fahrstil dringend ändern und/oder das → Raucherboot mit sofortiger Wirkung zu einem Nichtraucherboot erklären sollte. Denn wenn nur noch zwei Kammern übrig sind, kann man sich keine weiteren Verlust mehr leisten.

 

 

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