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"TBK, ZRock, One Love": München ist zwar voll von Graffiti -leider kann man oft aber nicht entziffern, was da eigentlich steht. Wir haben uns die Tags mal übersetzen lassen.
eva-hoffmann

„PoezDiEks? BhZ? KrbT?" Wer sich Münchens Brückenpfeiler, Parkautomaten oder Tunnelwände genauer ansieht, stößt auf tausende kryptische Mini-Texte. Die gesprayten Schnörkel und Schlaufen gehören zum Stadtbild wie Straßenschilder und Mülleimer. Und genau so nehmen wir sie normal auch wahr: gar nicht. Das Alltagsauge müsste vor Überforderung ja durchdrehen, wenn wir uns die Mühe machten, alle Graffiti und Tags aktiv zu lesen. Und selbst wenn: Was, zum Teufel, steht da überhaupt?! Kann ja keiner entziffern.

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Der Schlachthof in der Tumblingerstraße gehört zu den wenigen legalen Sprayer-Flächen in München. Hier darf man sich ganz offiziell verewigen.

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An der Boschetsrieder Straße darf nur auf Einladung der Stadt gesprayt werden.

Die Münchener Graffiti-Künstlerin Beastiestylez hat versucht, die Tags für uns zu entziffern. Die Anfänger schreiben oft noch deutlicher und geradlininiger, sagt sie. Aber bei den Profis wird es schwieriger. Am Schwung und der wechselnden Dicke der Linien erkenne man, dass die Leute diesen Schriftzug schon tausend Mal irgendwo geübt haben. Jeder Buchstabe ist dann ein Kunstwerk.

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Swing Star ist einer der bekannteren Sprayer der Stadt. Deshalb darf er auch ganz offiziell an der Boschetsrieder Straße malen.

Während wir die Tags als Schmierereien ausblenden, nimmt Beastiestylez jeden Schriftzug wie einen Stempel wahr: „Meistens sind das einfach nur die Namen der Leute. Es ist ein Gruß an andere aus der Szene und alle da draußen. Es bedeutet einfach: Ich war hier, wer noch?"

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Automat in der Zenettistraße: Ein Liebesgruß an alle „da draußen" und die eigene Crew. Könnte teuer werden, wenn man sich erwischen lässt.


Früher ging es beim sogenannten „Bombing" zudem darum, den Namen der Sprayer-Crew in kürzester Zeit an möglichst vielen, möglichst auffälligen Orten zu verbreiten. In den Neunzigern war in München etwa die ABC-Crew bekannt für ihre riskanten Schriftzüge, die sich über ganze S-Bahnen zogen. München, das dürfte einige überraschen, war damals übrigens die erste deutsche Stadt, in der sich eine Sprayer-Szene entwickelte. Heute, das dürfte die wenigsten überraschen, geht es ordentlicher zu. „In Berlin wird vielleicht noch viel um Flächen gekämpft, aber die Münchener Sprayer-Szene ist so klein, da bleibt für jeden ein Fleckchen übrig. Es gibt ein paar Faustregeln, an die sich die meisten halten."

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Diesen Schriftzug am U-Bahnhof Poccistraße erkennt nur ein Profi.

Zum Ehrenkodex gehöre vor allem, kein Privateigentum zu bemalen. Das machen nur Kids und Anfänger, die nicht wissen, wohin. Allgemeiner Konsens, wohlgemerkt innerhalb der Szene, sei außerdem: Alles, wofür wir Steuern zahlen, darf auch bemalt werden. Und bei Wänden von Großkonzernen hat auch niemand Hemmungen.

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Sprayer-Ehrenkodex: Wer das übermalt, sollte besser sein als sein Vorgänger

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Die Tumblingerstraße ist eine der ältesten und bekanntesten legalen Flächen.

Für etablierte Graffiti-Künstler wie Beastiestylez stellt die Stadt zudem in einmaligen Aktionen offizielle Flächen wie die unter der Donnersbergerbrücke oder dauerhafte Wände, wie die an der Tumblingerstraße, zur Verfügung. Da greift dann die zweite goldene Regel: Wer einen anderen Künstler übermalt, sollte besser sein. „Das ist immer ein bisschen Geschmackssache, aber vor allem eine Frage des Respekts. Für die großen Schriftzüge braucht man schon mal zwei Tage. Da trauen sich die Anfänger nicht drüber", sagt Beastiestylez.

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Wer war sonst noch so da? Bahnunterführung an der Thalkirchner Straße.

Der Vollständigkeit halber: Wer beim Üben für die Platzreife erwischt wird, muss laut Münchner Polizei mit Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren oder hohen Geldstrafen rechnen.

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Bei geübten Sprayern ist jeder Buchstabe ein Kunstwerk. Dieses hier haben wir in der Zenettistraße gefunden.


Text: eva-hoffmann - Fotos: eva-hoffmann; Illustration: daniela-rudolf

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