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Kampf ums Überkleben

Aufkleber sind die demokratischsten Werbetafeln der Stadt. Und die seltsamsten. Denn es gilt: Je nebulöser, desto besser. Gedanken über Münchens Sticker.
jan-stremmel

Je weiter oben, desto Volksküche. Ist eine Regel der Münchner Stickerkunde, die man schnell durchschaut hat. Je höher ein Aufkleber klebt, desto mehr Mühe hat das Aufkleben gekostet. Desto wichtiger war es dem Aufklebenden, dass niemand seinen Sticker überklebt oder abfriemelt. Menschen, denen die gute Lage eines klebrigen Zettels aber so wichtig ist, dass sie dafür, sagen wir, auf eine Parkuhr klettern – diese Menschen müssen irgendeine Mission in sich tragen. 



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Kein Wunder also, dass man in höherer Klebelage auf Parkverbotsschildern oder Ampelpfosten vor allem Werbung für links-alternative Aktionsbündnisse findet (aktuell etwa: „G-7-Gipfel stürmen“). Und ebenfalls kein Wunder, dass diese Aufkleber auch noch ein knappes Jahr nach dem beworbenen Event ungestört dort pappen („Bildungscamp 2014, 03. – 07. Juni“). 

Wenn man also die Aufkleber Münchens grob nach Anbringungshöhe sortiert, merkt man: Erst Politik. Und in der zweiten Reihe, direkt unter den Volksküchen, pappen die Sticker der Ultra-Fußballfans. Bei denen ist zudem ein offen ausgetragener Krieg zu beobachten. Kaum ein rot-weißer Sticker der FC-Bayern-Ultras „Schickeria“, der nicht halb abgekratzt oder von einem „1860 Giasinga Buam“ überpappt ist. Beim Kleben sind die Sechziger-Fans eindeutig alerter als die der Bayern.

Achtet man auf die räumliche Streuung, merkt man zudem: Aufkleber sind keineswegs gleichmäßig über das Stadtbild verteilt. Sie ballen sich, wie zerklatschte Mücken um Gartenlampen. Und zwar mit Vorliebe rings um U-Bahn-Ausgänge in der Nähe der Universität, oder in und um Clubs und Kneipen respektive auf deren Toilettenspiegel. Aufkleber müssen eben auch einen Zweck erfüllen: gesehen werden. Von möglichst vielen jungen Menschen, bevor man sie entfernt oder überklebt. Auch Aufkleber haben Quotendruck. 

Dabei sind sie umso einprägsamer, je nebulöser ihr Betreff ist. Eine aktuelle Münchner Stickerserie, die man eigentlich korrekter als Kampagne bezeichnen muss, weil die Dinger wirklich an JEDEM Stromkasten und Ampelpfosten der Innenstadt kleben, wirbt nur mit dem Begriff „DREIERRR“. 

Wenn ein Aufkleber ein "Hä?" provoziert, hat er schon viel richtig gemacht.

Gute Strategie – wofür auch immer. Wenn ein Aufkleber ein „Hä?“ provoziert, hat er ja schon sehr viel richtig gemacht. Weil er mitten in den Alltag platzt. Weil er am Briefkasten oder an der Fahrradampel eine Botschaft verkündet, die sich nicht sofort bestätigen oder ablehnen lässt. 

Wenn es aber um Werbung geht, um Botschaften und Plakativität, ist die eigentliche Frage ja, warum ausgerechnet der Aufkleber im Stadtbild so ungebrochen beliebt ist. Anders als etwa Flyer. Christine Domke ist Sprachwissenschaftlerin an der TU Chemnitz. Sie hat ein Buch mit dem Titel „Die Betextung des öffentlichen Raumes“ geschrieben. Warum Aufkleber in Zeiten von Social Media nicht aussterben? Sie haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber sozialen Medien: „Ein Aufkleber kann da sein, wo ich sonst nichts lese.“  

Er spricht also Menschen an, die sich vorher noch nie Gedanken über den Begriff „Flitzpiepen Royal“ gemacht haben oder die Idee hatten, „Silvester vor dem Knast in Stadelheim“ zu feiern. Menschen, die zufällig am Briefkasten vorbeigehen oder Münzen in die Parkuhr werfen. Und die sich noch den ganzen Heimweg über fragen: Was zum Teufel bedeutet „Von Bussis wird mir schlecht“?

Text: jan-stremmel - Fotos: juri-gottschall

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