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Meine Straße: Lohstraße

Niemand kennt eine Straße so gut wie die Menschen, die in ihr leben. Deshalb bitten wir hier regelmäßig junge Münchner, uns ihre Straße zu zeigen. Heute: Luc am rauschenden Bach.
mercedes-lauenstein
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Luc, 35, ist Projektkoordinator und Festivalprogrammer

Die Lohstraße kennt fast niemand, es ist fast, als würde ihr dafür schon im Namensklang etwas fehlen: Viele verwechseln sie gleich mit der Lothstraße. Tatsächlich ist sie eine unscheinbare, eher dunkle Straße direkt am Auer Mühlbach in Untergiesing. Der fließt hier noch offen und nicht wie so oft unterirdisch. Das ist schon sehr besonders. Dank einer Stromschnelle hört man das Wasser immer. Auf unserem Balkon, bei offenen Fenstern, wenn man nach Hause kommt. Meistens ist es sogar das einzige, was man hört. Rauschen bedeutet: Zuhause.

Aber es gibt eh so einen Heimkomm-Moment, den ich liebe. Ich komme in den Hof hinein, der Bach fließt mir entgegen und über den Baumwipfeln in der Ferne sehe ich die Flutlichter des Grünwalder Stadions. Die sind mir zwar als Bayernfan prinzipiell ein Dorn im Auge, aber vom Urbanitätsgefühl her ist dieser Blick wunderschön. Ich meine: Soviel Bach, Bäume, Grün, Stille, da denkt man ja manchmal, man ist gar nicht mehr in der Stadt. Die Flutlichter sind ein Kontrast, die reißen das wieder raus.

Dass die Lohstraße so versteckt ist, ist natürlich auch das Schöne an ihr. An einigen Stellen sind links und rechts Bäume und wilde Wiesen, fast wie auf einem Wanderweg. Es gibt Strom über Oberleitungen und man darf noch ohne Parkschein parken. Am Hang steht ein kleiner Brunnen, aus dem die Menschen sich hier schon vor mehr als einem Jahrhundert ihr Wasser geholt haben. Ein Stück weiter kommt noch ein Jugendzentrum am Auer Mühlbach und ein Schlittenberg, an dem jedes Jahr ab November Strohballen vor die Bäume gebunden sind, damit die Kinder sich nicht verletzen. Und dann ist man ist in kürzester Zeit schon so gut wie auf dem Land, im Biergarten Siebenbrunn in Harlaching, und muss dafür nicht einmal vom Bach wegfahren oder das Grün verlassen.

Läden gibt es in der Lohstraße kaum. Nur eine alte Schlosserei und ein Fachgeschäft für Toner und Tinte. Dafür umso mehr Geschichte: Hier stand bis 1930 die ehemals größte Lederfabrik Europas. Wie das gestunken haben muss damals! Heute ist nur noch ein Denkmal übrig, ein in Stein gehauener Gerber an einer Brücke vor meiner Tür. Man kann solche Sachen auf einer ganz coolen Internetseite namens auer-muehlbach.de nachlesen. Das macht ziemlich Spaß.

Und natürlich regiert in dieser Gegend auch der Giesinger Patriotismus. Immer wieder werden in Nacht- und Nebelaktionen irgendwelche öffentlichen Orte in den Löwen-Farben angemalt. Neulich traf es die Schweizer Treppe, die von der Lohstraße den Giesinger Berg zum ehemaligen Kaffee Giesing hinauf führt. Weiß-blau angemalt. Auf der Straße sind noch Farbflecken zu sehen und die Spuren der Autos, die durchgefahren sind. Ich finde diesen Viertel-Patriotismus ziemlich interessant. Dass das immer noch – oder eher: wieder – so gut funktioniert. Das Giesinger Bräu wurde vor ein paar Jahren noch um die Ecke in einer Garage gebraut, es war ein Liebhaber-Ding. Jetzt wird es in der ganzen Stadt ausgeschenkt. Giesing wird immer angesagter, aber auf eine andere Art als in anderen Vierteln, viel uriger und gemeinschaftlicher. Apropos: Der Wahnsinn sind natürlich immer die Derby-Tage, wenn die Amateure der Löwen und der Bayern spielen. Da kocht und brodelt hier alles.


Text: mercedes-lauenstein - Foto: juri-gottschall

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