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"München hat viel Marmor"

Foto: Juri Gottschall

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Jetzt: Wir wollen mit euch über die Stadt als Ort für Skater reden. Da tut sich ja gerade viel: Diesen Sommer soll dem Stadtrat ein Plan für eine Skatehalle vorgelegt werden.

Stefan Lehnert: Oh, mal wieder?  

Wie oft hast du das schon gehört?

Stefan: Vielleicht viermal. Einmal wurde es dann auch Realität, Ende der Neunziger. Mit der Euro-Skate in Milbertshofen . . .

. . . die 2006 zugemacht hat. Wo fahrt ihr seitdem?

Stefan: Das Winterquartier schlechthin ist der Verbindungstunnel, der an der Schwanthaler Höhe von der U-Bahn zur Theresienwiese führt. Da hatte ich über Jahre hinweg ein Rail hinter einer Werbetafel versteckt. Irgendwann kannten das aber immer mehr und dann wurde es geklaut. Dazu gibt es noch die ein oder andere Tiefgarage, in der man fahren kann, bis irgendwelche Wachmänner zu aggressiv werden.

Simon Schöllhorn: Bis vor zwei Jahren konnte man noch im Parkhaus am XXL Lutz fahren. Da ist halt die Luft das Problem: Wenn du da am Abend rauskommst, fühlst du dich, als hättest du 400 Zigaretten geraucht.

Simon Eff: Ich bin da auch noch öfter. Einmal war die Polizei da, aber die haben gemeint, dass sie nur nach Heroinsüchtigen suchen.

Simon Schöllhorn: Ich war auch oft im ZK-Max, dieser Unterführung an der Maximilianstraße. Relativ guter Boden, aber ist halt saukalt und du musst immer einen Besen mitnehmen, wegen der Kieselsteine. Und einen Winter lang hatten wir auch mal im Kunstpark Ost das ehemalige Babylon gemietet. Das hat der Ladenbesitzer vom Goodstuff gesponsert. Jeder hat 50 Euro im Monat dazugelegt und wir haben ein paar Rampen reingebaut.

Müssen Skater immer selbst ran, wenn es funktionieren soll?

Stefan: Ja. Wenn die Skater sich selbst was aufbauen, ist es halt kein Spielplatz, den ihnen die Stadt hinstellt. Die Leute fühlen sich verantwortlich und es bildet sich ein Zentrum für eine Subkultur.  

Der Vorreiter

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das Verhältnis zur Stadt ist in den vergangenen Jahren aber doch besser geworden. Mit dem Verein „Skateboarding München“ habt ihr sogar eine Art Lobby. Fühlt ihr euch von der Politik inzwischen ernstgenommen?

 

Robinson: Na ja, das Problem ist, dass viele sich mit dem Thema gerne schmücken. Skateboardfahren hat einfach eine gewisse Strahlkraft, die Politiker gerne nutzen. Da sitzt du also im Stadtrat in einem Ausschuss und dann kommt so ein Florian irgendwas daher, drückt dir eine Visitenkarte in die Hand und sagt: „Ich kümmere mich da drum.“

 

Und dann?

 

Robinson: Passiert meistens nix. Wenn sich jemand gekümmert hat, war das in meiner Wahrnehmung immer jemand, der einfach macht, ohne viel drüber zu reden.  

 

Immerhin gibt es laut Rathaus inzwischen 34 Skateparks.

 

Stefan: Ungefähr 20 davon waren aber für den Budget-Lerneffekt nötig. Fahren kann man die fast nicht. 20 mal 100.000 bis 150.000 Euro. Da ist schon viel Geld unsinnig verbaut worden.  

 

Was stimmt bei diesen Parks nicht?

 

Stefan: Da gibt es viele Möglichkeiten: Der Boden ist Mist oder ein Anlauf nicht vorhanden. Es gibt auch Parks, bei denen die Rampen, die dastehen, sich aus Einzelteilen zusammensetzen. Und von denen fehlen dann einfach welche.  

 

Wie kann das passieren?

 

Robinson: Ich habe das Gefühl, dass da beim Aufstellen viel schiefgeht. Beim Skatepark an der Allianz Arena haben die Bauarbeiter die Sachen offenbar so einbetoniert, wie es ihrer Meinung nach zusammenpassen könnte. Da wären die Teile an sich super. Aber sie stehen so zueinander ausgerichtet, dass man auch wieder nix damit anfangen kann.  

 

Wenn die Stadt inzwischen etwas baut, scheint sie das aber besser zu machen.

 

Simon Schöllhorn: Zumindest im Ansatz, ja. Seit ein paar Jahren sind Skateboarder aktiver in die Planungen eingebunden. Auch durch den Münchner Skateverein. Auf der Theresienwiese war das zum Beispiel so. Robinson: Und es gibt jetzt eben nicht mehr nur „Beton Huber“, sondern auch Firmen, die über die Zeit zumindest eine kleinere Expertise bekommen haben.  

 

Der Park auf der Theresienwiese ist also gut?

 

Robinson: Da haben wir sicher eine Plus-Plus-Situation. Mit ein paar kleineren Einschränkungen.

 

Stefan: Das ist jetzt natürlich Jammern auf hohem Niveau. Aber: Die Theresienwiese ist komplett flach wie ein Plateau. Nur an einer Ecke ist sie abschüssig. Und genau da steht der Skatepark, seit er versetzt wurde. Simon Eff: Außerdem ist es die einzige Ecke, die quasi konstant im Schatten liegt. Und neben Bäumen. Es ist also die kälteste, nasseste und rutschigste Stelle auf dem ganzen riesigen Platz.  

 

Es ist halt die Stelle, an der man wenigstens nur alle vier Jahre abbauen muss, wenn das Zentral-Landwirtschaftsfest kommt.

 

Stefan: Klar. Und damit ist es auch irgendwie verständlich. Trotzdem glaube ich, dass das mit einem Fußballplatz keiner machen würde: ihn mit Hanglage bauen. (alle lachen)

 

Simon, du bist 16, seit du skatest, gibt es überall Skateparks. Fährst du eher da oder auf der Straße?

 

Simon Eff: Ich nutze eher das, was da ist. Ich bin zu faul, um mit einem eigenen Rail irgendwo hin zu fahren. (lacht) 

 

Simon Schöllhorn: Dabei ist die Grundessenz des Skateboardfahrens ja die Straße.

 

Der Lobbyist

1037599 Robinson

Robinson Kuhlmann, 36, ist Mitinhaber des Soo Hot Right Now und ehemaliger Profi-Skateboarder. 2005 gründete er „Skateboarding München e.V.“ und sitzt seit Jahren in Ausschüssen der Stadt. Außerdem betreibt er diverse Bars.

Foto: Juri Gottschall

Findet ihr die offiziellen Skateparks also uncool?

 

Simon Schöllhorn: Nein. Es ist einfach etwas grundlegend anderes mit ganz anderen Voraussetzungen und Möglichkeiten: keine Nachbarn, die dich anschreien, weil du den Randstein einwachst, kein Straßenverkehr.

 

Robinson: Das, was du auf dem Skatepark machst, sollte meiner Meinung nach immer nur die Voraussetzung für das sein, was du danach machst. Für mich ist das eine Übungsfläche, auf der du dich und deine Tricks ungestört ausprobieren kannst. Irgendwann sollte man sich aber auch der echten Situation auf der Straße stellen. Das versuche ich den Jüngeren jedenfalls zu vermitteln: Die Straße hat ein ganz anderes Gefühl.

 

Stefan: Der Georg-Freundorfer-Platz an der Schwanthalerhöhe war da einfach die ideale Mischung aus Skatespot und städtischem Raum.

 

Simon Schöllhorn: Ja, als der renoviert wurde, gab es da guten Boden und Bänke mit Metallkante. Die wurden speziell für Skater gebaut.  

 

Wollte man Skater da bewusst ansiedeln?

 

Stefan: Das gibt es öfter. Skater sind im Städtebau heute eine feste Größe. Man weiß: Wenn die sich irgendwo zugehörig fühlen, ziehen sie Leute an und machen einen Platz lebendig, langfristig.  

 

Trotzdem gab es jahrelang Streit zwischen den Skatern am Freundorfer-Platz und den Anwohnern.

 

Stefan: Na ja, genau ein Anwohner sah da seine Eigentumswohnung wertgemindert.

 

Simon Schöllhorn: Die übrigen Anwohner waren total für uns. Die waren dankbar, dass mit den Skatern die ganzen Probleme verschwunden sind – die Scherben und Drogen. Eine alte Frau ist sogar immer auf dem Rückweg vom Einkaufen stehen geblieben und hat zugeschaut – und wenn du einen Trick gestanden hast, hat sie dir nen Zwickel gegeben. Das war so herzlich!

 

Warum Bestattungsunternehmen zum Skaten tabu sind und was eine gute Skate-Stadt ausmacht

 

 

Wird das Verbot durchgesetzt?

 

Simon Schöllhorn: Die haben da einen Ranger abgestellt, der sofort aufkreuzt, wenn du skatest. Am Anfang hat der uns dann einen Flyer in die Hand gedrückt für den Skatepark am Hirschgarten.  

 

Dort steht ein Skate-Pool.

 

Simon Schöllhorn: Ja, das ist ungefähr so, als würdest du einem Fußballer sagen, er soll doch bitte auf einem Beachvolleyballfeld spielen.  

 

Robinson: Alle reden davon, wie schön es ist, dass in Italien oder Spanien alle auf öffentlichen Plätzen rumhängen – aber hier wird alles dafür getan, dass das nicht passiert.

 

Der Dealer

1037598 Simon Esel

Simon „Esel“ Schöllhorn, 30, ist Mitinhaber des Skateshops Soo Hot Right Now in der Klenzestraße. Vorher machte er eine Ausbildung zum Offset-Drucker und arbeitete sieben Jahre lang im Skateladen Goodstuff.

Foto: Juri Gottschall

Wie nehmt ihr die Stadt und ihre Architektur eigentlich wahr? Seht ihr überall Vorsprünge, Kanten und Geländer und überlegt, wo ihr Tricks machen könntet?

 

Robinson: Das sowieso. Aber da ist noch mehr. Ich habe extrem viele Erinnerungen an Orte, an denen ich schon Skateboard gefahren bin. Da weiß ich noch genau, wie die früher aussahen und wie man sie fahren konnte. Ich bemerke deshalb auch die kleinsten Veränderungen. Das ist eine wahnsinnig enge Beziehung zur Stadt – und auch zu Straßen und Distanzen. Wahrscheinlich könnten wir alle sofort als Taxifahrer anfangen, weil wir alle Ecken schon abgefahren haben.  

 

Was macht denn eine gute Skate-Stadt aus? 

 

Simon Schöllhorn: Da gibt es keine festen Regeln. Es gibt Städte, die eine Wahnsinnsarchitektur für Skater haben. Barcelona zum Beispiel ist wie ein riesiger Skatepark: unendlich viele Spots, genialer Boden. Und dann gibt es Städte wie New York, in denen alles wahnsinnig rough ist. Da brauchst du weichere und größere Rollen, damit irgendwas geht.

 

Robinson: Die Aussage, eine Stadt sei schlecht fürs Skaten, gibt es jedenfalls nicht. Es gibt nur verschiedene Vor- und Nachteile.

 

Welche sind das in München?

 

Robinson: Die Stadt hat viel Geld, es wird dauernd gebaut. Dadurch kannst du hier ewig nach Spots suchen und wirst immer wieder fündig. Es entstehen ja dauernd neue. Oder du skatest direkt die Baustellen.

 

Stefan: Grundsätzlich ist der Boden hier fast überall sehr gut. Es gibt wenige völlig runtergerockte Ecken.

 

Robinson: Und die Tendenz zu sehr pompösen Bauten aus der Vergangenheit hat uns viel Marmor beschert. Das ist natürlich der absolute Traumuntergrund.

 

Der gehört ja meist zu besonders alten Bauten. Gibt es Spots, die ihr aus Respekt niemals fahren würdet?

 

Robinson: Bestattungsunternehmen. Am Ostfriedhof gibt es ein Gap, über das man geil springen kann . . .

 

Stefan: . . . aber das ist auch das Tor zum Friedhof . . .

 

Robinson: . . . und da kam mal einer raus und hat gesagt: „Da wird gerade einer verbrannt, was stimmt denn bei euch nicht?“ Wir hatten das damals einfach nicht auf dem Schirm. Jetzt ist die Ecke natürlich tabu.

 

Stefan: Ich würde nie am Platz der Opfer des Nationalsozialismus rollen, obwohl das da super ginge.

 

Robinson: Und natürlich will man auch sonst eigentlich nichts kaputt machen. Gerade, wenn was neu gebaut wurde, habe ich da inzwischen Hemmungen.   

 

Inwiefern?

 

Robinson: Wir waren mal in einem Neubaugebiet unterwegs und hatten gerade eine Kante eingewachst. Da kam ein Typ an, der offenbar gerade erst die Bauabnahme machen sollte. Der war total am Ende. Seitdem überlege ich doch manchmal: Ist das jetzt schon fertig? (alle lachen) Weil: Natürlich macht Skateboard fahren auch was kaputt.

 

Simon Schöllhorn: Autofahren auch.

 

Stefan: Jede Art von Nutzung macht was kaputt.

 

Robinson: Stimmt auch. Bei dem Typ wurde es aber für mich irgendwie greifbarer. Das war schon eine Zwickmühle.  

 

Der Rookie

1037600 Simon Eff

Simon Eff ist 16 und kommt aus Krailing. Er skatet, seit er zehn Jahre alt ist, und hat in dieser Zeit diverse Contests gewonnen. Hin und wieder hilft er im Laden von Simon „Esel“ Schöllhorn aus.

Foto: Juri Gottschall

Weil skaten will man ja dann doch?

 

Robinson: Ja. Warum baut er das auch so geil? (alle lachen)  

 

Ist Skaten über die Jahrzehnte deshalb immer cool geblieben, weil es so schwer und damit exklusiv ist?

 

Stefan: Ich glaube das ist so, weil es auf der Straße stattfindet und dadurch etwas Toughes bekommt. Gleichzeitig hat es etwas extrem Elegantes.

 

Robinson: Ich glaube, es ist noch mehr: Rollerblader kann jeder anschauen und sofort verstehen, was da passiert. Immer, wenn in einer Sportart aber etwas passiert, bei dem man nicht kapiert, wie es geht, kommt eine Magie dazu. Ich erlebe oft, dass ich irgendwo fahre und Leute mich fragen: „Wieso klebt das Skateboard an deinen Füßen?!“ Natürlich klebt das nicht. Aber damit das so aussieht, musst du einfach extrem viel üben.

 

Stefan: Und dafür, dass man das durchhält, braucht man extreme Passion. Und die ist es, die die Leute spüren.   

 

Noch mal zurück zur geplanten Halle in Pasing. Wie sind da eure Erwartungen?

 

Simon Schöllhorn: Die Agentur, die das gerade plant, kennt sich mit Skateboardfahren aus, das wird schon gut. Die Halle ist auch gut, aber ich weiß nicht, ob sie groß genug ist. Die planen da ja ein ganzes Funsport-Areal drumherum, mit Beachvolleyball und Kletterwänden. Ob da Platz für alle aus Stadt und Umland ist, weiß ich nicht. Aber wenigstens muss man dann nicht mehr im Auto nach Innsbruck fahren.  

 

So weit fahren Leute, um in einer Halle zu skaten?

 

Stefan: Der harte Kern schon. Die meisten machen das aber nur saisonmäßig. Deshalb steigen ja auch so viele wieder aus – wenn du den ganzen Winter nix gemacht hast . . .  

 

Und ihr denkt, dass die Halle diesmal wirklich kommt? 

 

Stefan: Inzwischen ist da ein ganz schöner sozialer Druck auf die Stadt. Skaten ist sehr populär. Immer mehr Eltern kommen also bei der Stadt an und fragen: „Mein Kind will Skateboardfahren lernen. Wo kann es das tun?“ Und wenn die Antwort dann lautet: „Innsbruck“, kommt das nicht gut an.

 

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