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Nur mal so am Rande

München hat ja mehr als sechs Stadtteile. In unserer Mini-Serie besuchen wir deshalb die vermeintlich unpopulären und schauen, wie's da ist.
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Das attraktive München ist für die meisten das Zentrum: Schwabing, Haidhausen, Glockenbachviertel, die Au. Hier will man als urbaner Jungmensch wohnen, essen, Kaffee trinken, dazugehören. Doch was ist mit dem Rest? München hat schließlich mehr als sechs Stadtteile. In unregelmäßigen Abständen besuchen und untersuchen wir deshalb Viertel, die auf den ersten Blick eher unpopulär erscheinen. Solche, die man vielleicht erst nach dem fünfzehnten gescheiterten Versuch, eine Wohnung zu finden, in die WG-gesucht-Suchmaske eintippt. Bereits in dieser Serie erschienen: Nordhaide, Berg am Laim, Moosach, Laim und Hadern, Freimann, Neuperlach und Allach-Untermenzing. Heute dran: Harlaching, Pasing, Milbertshofen, Johanneskirchen/Englschalking.
 

Harlaching

Harlaching ist ein Stadtteil wie die „Dame von Welt“: etwas altmodisch, sehr kultiviert, wohlhabend, aber niemals neureich. Hier gibt es mit dem Perlacher Forst, den Flaucherauen und dem Isarufer viel Natur, die Villendichte ist sehr hoch, die Privatklinik- und Cabriodichte sowieso, und man vermutet viele alleinstehende Frauen mit Hund. Oder Familien der Erbengeneration. Wer hier ein Haus hat, hat es vermutlich schon seit Jahrzehnten. Die Läden heißen „Feinkost Puppe“, „Bistro Mezzogiorno“ oder „Modehaus Krug“. Vor allem die Modeboutiquen, von denen es einige gibt, erinnern in ihrer Ästhetik an die Feine-Tropfen-Pralinenschachtel der Oma, ziemlich Achtziger. Manchmal auch etwas verstaubt. Es gibt auch viele Second-Hand-Läden – die heißen hier aber „First Class Second Hand“. Vielleicht ist Harlaching ja das geheime Shoppingparadies Münchens, auf jeden Fall kann man hier interessanter einkaufen als in der Fußgängerzone.



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Zwischen den Häusern ist mehr Platz als in anderen Vierteln, auf eine Grünfläche in der Mitte zweier Straßen hat jemand ein Fußballtor gestellt, am Übergang zum Perlacher Forst kicken Kinder und Jugendliche aus dem benachbarten Jugendheim. Fußball ist hier ja insgesamt ein großes Thema: In der Säbener Straße kann man dem FC Bayern schließlich auch beim Training zuschauen.
 
Das ist aber nur die eine Seite von Harlaching. Die andere ist jene, die so gar nicht mondän ist, aber ebenfalls eine Zeitreise. Die beginnt an der McGraw-Kaserne und führt dann am Gefängnis Stadelheim entlang. Auf der Wand, die die Stadelheimer Straße hinunterschaut, prangt in großen, goldenen Lettern der rätselhafte Schriftzug „EBEN“. Hier säumen die Straßen regelrechte Wohnkasernen, natürlich dem Nationalsozialismus entsprungen. Arbeiter der Reichszeugmeisterei lebten hier. Nach Kriegsende wurde aus der Reichszeugmeisterei dann die McGraw-Kaserne – in der bis in die Neunzigerjahre die Amerikaner stationiert waren. Heute ist unter anderem die Polizei drinnen. Der bröckelige Schriftzug „University of Maryland“ ist an der Fassade geblieben. Und wenn der Himmel dieses weite Blau des nahenden Sommers hat, sieht München hier vielleicht tatsächlich ein bisschen aus wie Baltimore. Mitten in der Kaserne ragt ein gruselig verlassen aussehender Wachturm in die Luft. Da oben würde man gern mal sitzen, die morschen Fenster aufreißen und einen Sektkorken rausknallen lassen.
 
Wer wohnt hier?
Zum Beispiel Philipp, 20. Und zwar, weil seine Eltern hier wohnen – und er noch bei ihnen. Essen geht er in der Harlachinger Einkehr, da gibt’s den besten Tafelspitz. Oder im Biergarten Menterschwaige. Nach 20 Uhr noch ein Bier kriegt er an der Tanke am Tiroler Platz oder in Sportbars wie der Goldenen Kanne. Sonntags, wenn er das Viertel nicht verlassen will, radelt er durch den Perlacher Forst oder an die Isar. Das gibt’s hier, was es sonst nirgends gibt: ein Beachvolleyballfeld direkt am Wald, für das auch Philipps Freunde aus der Stadt extra nach Harlaching fahren. Er mag hier: das Burschenfest, weil es lustig ist und die Anwohner nervt und mal ein bisschen aus der Ruhe bringt.
 
Ein Taxi vom Stachus nach Hause kostet: 16 Euro.
 

Pasing

Wer als Besucher mit dem Zug nach München kommt, für den ist Pasing wie Hamburg-Harburg oder Berlin-Spandau: irgendeine komische Vorstation vor der richtigen Stadt, ein Durchgangsding, das jeder kennt und sich doch keiner genauer ansieht. Dabei ist Pasing eigentlich so etwas wie die große Stadt in klein: mit eigenem Marienplatz und eigenem Viktualienmarkt, mit einem großen Villenviertel aus der Gründerzeit und einem schäbigen Gewerbegebiet. Mit der Würm gibt es sogar einen eigenen Fluss.


 
Von ihrem Ufer gehen die großbürgerlichen Straßen ab, mit Segelbooten im Vorgarten und bunten Kirchenfenstern in der verglasten Veranda. An der Ecke der August-Exter-Straße sitzt der Obstverkäufer neben seinem Stand auf einer Bank im Schatten und liest ein Buch. Ein paar Häuser weiter stehen die Kinder und Eltern am Eiscafé Pinitalia an, dahinter ist der Biergarten der Pasinger Fabrik, einem Kulturzentrum, in dem oft Ausstellungen und Theateraufführungen stattfinden.
 
Folgt man der Bahntrasse stadteinwärts, an deren Grenzen sich der Stadtteil anschmiegt, und biegt einmal rechts ab, endet dieses Idyll ziemlich plötzlich: Hier beginnt das Gewerbegebiet, das einen erst mal mit der Wandmalerei einer nackten Frau empfängt. Sie gehört zum FKK-Club Sudfass. „Bei uns erwarten Sie charmante Gäste aus aller Welt, von Thailand, über Europa bis Südamerika“, wirbt der auf seiner Homepage. Sonntag und Montag beträgt der Eintritt derzufolge übrigens 30 Euro. Dienstag gibt es Freibier. „Mittwoch ist Dessoustag.“
 
Es gibt ein paar vergleichbare Läden in der Umgebung. Aber auch anderes: Vor den Eisbach Studios, wo einst schon Michael Jackson das Musikvideo zu „Give In To Me“ drehte, stehen Herren in dunklen Anzügen und warten auf ihre Limousinen, während hinter dem Gebäude die Reste eines Caterings abgeholt werden. Die Brüche sind für Münchner Verhältnisse groß in diesem Stadtteil.
 
Plötzlich steht man nämlich in einem Kieswerk. Und um die nächste Ecke dann schon wieder im italienischen „Supermercato Farmetani“. In diesem Teil von Pasing ist noch viel von jener abgefuckten Urbanität zu finden, deren angebliche Abwesenheit in München oft beklagt wird.
 
Und auch das ist typisch hier: Egal, durch welche größere Straße in Pasing man fährt, am Horizont prangen fast immer die vier Sterne der Pasing Arcaden – jenem riesenhaften Einkaufszentrum, das strahlend weiß seit einigen Jahren den Mittelpunkt des gesamten Stadtteils bildet. Die ganze Gegend rund um den Bahnhof, an dem die Arcaden liegen, hat sich in den vergangenen Jahren massiv gewandelt. Alles ist sehr viel moderner und offener geworden, cleaner auch. Trotzdem sind direkt nebenan noch alte Bauernhöfe, deren Landmaschinen von hier aus auf die umliegenden Felder fahren. In der Bar Confetti kann man seit 20 Jahren jeden Sonntag Karaoke mit dem „Karaoke King“ singen. Außerdem gibt es in einem völlig unscheinbaren Bürohaus direkt an der Landsberger Straße das italienische Restaurant La Ruota, in dem man gemütlicher sitzen und besser essen kann als in vielen Läden in der Innenstadt.
 
Wer wohnt hier?
Zum Beispiel Simon, 28. Und zwar, weil er übergangsweise wieder bei seiner Familie wohnt. Essen geht er im La Ruota, weil es da so gute Holzofenpizza und super Pasta gibt. Nach 20 Uhr noch ein Bier kriegt er im Pasinger Bahnhof. Sonntags, wenn er das Viertel nicht verlassen will, geht er im Nymphenburger Schlosspark oder im Blutenburgpark spazieren. Er mag hier: dass man so schnell an den See fahren kann. Das gibt es hier, was es sonst nirgends gibt: das modernste Einkaufszentrum der Stadt direkt vor der Tür.
 
Ein Taxi vom Stachus nach Hause kostet: 25 Euro.
 

>>>Milbertshofen: Da, wo Schwabing endet, wird's interessant.<<<

Milbertshofen

Ziemlich unfair, dass jeder die Maxvorstadt kennt, aber niemand Milbertshofen. Dabei ist das ein mindestens ebenso interessanter, wenn auch grundverschiedener Nachbar. Da, wo Schwabing im Norden endet, beginnt Milbertshofen. Und zwar mit dem Petuelpark. Der, das kann man gleich vorweg sagen, ist ein sehr moderner, großstädtischer Ort. Früher sind hier die Autos vorbeigerauscht, jetzt rauscht nur noch ein Bach, denn die Autos fahren untendrunter durch den Tunnel. Und auf dem Bach gibt es Enten und im Park viele Bänke und das Café Ludwig mit einer tollen Terrasse und in ruhigen Ecken versteckte Sonnenliegen, auf denen man im Sommer tagelang liegen und lesen und dabei noch Blumenranken über dem Kopf haben kann.


 
Seine Verlängerung findet der Park in den Grünflächen entlang der Ricarda-Huch-Straße, die bis an den Frankfurter Ring reicht. Milbertshofen wirkt durch all das ziemlich begrünt. Dabei ist das Viertel eigentlich eingeklemmt, zwischen BMW-Werkshallen und Ausfallstraßen. Ein bisschen ist das hier das Ruhrgebiet Münchens, an manchen Ecken könnte man auch in Bochum sein, alles wirkt so bodenständig und bescheiden.
 
Das Blücher-Café-Restaurant zum Beispiel ist eine Art Wirtshaus, das man vielleicht mit dem Kaisergarten vergleichen könnte, wenn hier nicht so völlig anderes Publikum sitzen würde: Unter jungen Kastanien schiebt ein Vater seiner Tochter Nudeln in den Mund, ein alter Mann isst ein Jägerschnitzel, zwei ältere Frauen mit wasserstoffblonden Haaren rauchen Kette und sprechen dabei über Hausobjekte und Fluktuation, und zwei junge Elternpaare mit Kinderwagen begrüßen einander am Eingang. Im Gegensatz zu den Eltern des Zentrums tragen sie aber nicht Cos-und Nike-Uniform.
 
Interessant ist auch der Kontrast zwischen Balkan-Style und Lokalpatriotismus. Einerseits gibt es viele ausländische Supermärkte wie den Sindbad-Markt, den Gün-Gida-Gemüse-Markt mit eigener Metzgerei und den Karpa-Balkanimport. Andererseits sind hier auffallend viele weißblaue Rautenmuster in Geschäften und Vorgärten zu sehen. In „Unserem Brotladen“, dessen Namensschild auch betont bayerisch gestaltet ist, hängt eine Collage aus Hundefotos an der Wand, darüber steht: „Hier genießt Mensch und Tier“. Neben der St-Georgs-Kirche am Curt-Mezger-Platz steht passend zum Kirchenthema der Engel-Imbiss und verkauft Döner, gleich gegenüber ist das moderne Kulturhaus mit seinem verglasten Sportplatz, an das jemand das Graffiti „Für eine Welt ohne Richter und Gesetze“ gesprüht hat. Im Sommer mit dem Rad hier durchzufahren, ist wie in einer ganz anderen Stadt unterwegs zu sein.
 
Wer wohnt hier?
Zum Beispiel Sarah, 24. Und zwar, weil sie hier eine günstige Wohnung gefunden hat und es nicht weit zur Uni ist. Essen geht sie am liebsten italienisch beim besten Italiener Milbertshofens: L’angolo. Nach 20 Uhr noch ein Bier gibt es an einer der vier Tankstellen im Viertel, meistens an der Aral in der Schleißheimer. Sonntags, wenn sie das Viertel nicht verlassen will, geht sie ins Freibad Georgenschwaige oder mit Freunden ins Olympia-Bowling am Petuelpark. Das mag sie hier: dass es hier so viele Tankstellen gibt und man schnell im Euroindustriepark zum Großeinkauf ist, aber genauso schnell auch im Stadtzentrum. Das gibt es hier, was es sonst nirgends gibt: ganz viel BMW-Industrie.
 
Ein Taxi vom Stachus nach Hause kostet: 18 Euro.
 

Englschalking/Johanneskirchen

Kaum raus aus Bogenhausen, vorbei am Arabellapark und dem Cosima-Wellenbad, das gerade saniert wird, und schon ist man in Englschalking. Beziehungsweise Johanneskirchen, die Stadtteile gehen ineinander über. Zunächst fällt hier die hohe Dichte an Hochhäusern auf, wie es sie ja in München eher selten gibt. Sie sind in den Siebziger- und Achtzigerjahren entstanden. Trotzdem ist das hier keine Trabantenstadt wie Neuperlach, denn es mischen sich immer wieder alte Bauernhäuser, Kirchen oder ein Maibaum zwischen die modernen Siedlungen.


 
Biegt man dann in die Brodersenstraße Richtung S-Bahnstation Englschalking, gibt es etwas, das man nicht häufig sieht: eine perfekt erkennbare Grenze zwischen Stadt und Land. Man hat noch die Hochhäuser im Rücken, fährt auf die Bahngleise zu und plötzlich ist die Stadt vorbei: Pferdeweiden. Eine Hundeschule. Ziegen. Wiesen, Waldorfschule. Fährt man noch ein Stück weiter über Felder, entlang oberirdischer Stromleitungen an Holzmasten, die aussehen wie in der amerikanischen Steppe, gelangt man in den dörflichen Teil des Viertels. Hier steht eine kleine Kirche, wieder Pferde, diesmal ganz nah an der Straße, und weil die Trabrennbahn in Daglfing schon näher rückt auch lauter Sulkybauer-, also Pferdewagenbauerbetriebe. Es riecht nach Heu, Mist und Blumen und begänne nicht direkt hinter den Feldern die Stadt, man wähnte sich in der schönsten Provinz, so ruhig ist es hier.
 
Zurück über die Bahnlinie in Johanneskirchen gibt es die alte Ziegelei, die seit Jahren leer steht und immer weiter verfällt – ein beliebter Ort für „urban explorer“. Seit einigen Jahren wird es hier oben immer städtischer: Die Tram 16 fährt schon. Und auf der riesigen Brachfläche an der Sentastraße, wo früher die Prinz-Eugen-Kaserne stand, wird bald ein ganz neues Wohnviertel entstehen. Auch an der S-Bahn Johanneskirchen wird es den weiten Blick über sehr voralpenhafte Wiesen und Felder wahrscheinlich nicht mehr lange geben. Es ist schon ein großes Bauschild angebracht, das die Entstehung neuer Wohnungen ankündigt.
 
Wer wohnt hier?
Zum Beispiel Manuel, 27. Und zwar, weil er nach dem Abi sofort ausziehen wollte und in Johanneskirchen die erstbeste Wohnung fand. Essen geht er in der Stadt, in Johanneskirchen kann man Essengehen seiner Meinung nach eher „Nahrungsaufnahme“ nennen. Aber um doch noch was Nettes zu nennen: die Dicke Sophie. Nach 20 Uhr noch ein Bier gibt es an der Tankstelle oder zum Mitnehmen aus einem Restaurant. Sonntags, wenn er das Viertel nicht verlassen will, bleibt er auf seinem Balkon. Das mag er hier: das viele Grün rundherum. Das gibt es hier, was es sonst nirgends gibt: Gute Frage. Nicht viel. Zum Wohnen reicht es.

Ein Taxi vom Stachus nach Hause kostet: 25 Euro.

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Text: mercedes-lauenstein - und juri-gottschall (Fotos)

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