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Studentin auf Probe

Was studieren, wo studieren und wie funktioniert das überhaupt an der Hochschule? Der Verein Quaestia vermittelt Abiturienten gemeinsame Schnupperwochen mit Studenten. Unser Autor hat eine Teilnehmerin bei ihrem Testlauf begleitet.
josef-wirnshofer

Dienstag, 18:05 Uhr
Das Wetter draußen zeigt sich garstig, im Café Königin 43 sind fast alle Plätze belegt. Zur Ludwig-Maximilians-Universität sind es von hier nur ein paar Meter, vor allem Studenten sitzen daher hier und ratschen. Mittendrin: eine, die gerne auch bald dazugehören würde und deshalb den Unialltag schon einmal antestet. Jessica Schöne hat dieses Jahr Abitur gemacht und überlegt, Jura zu studieren. Doch die 18-Jährige zweifelt noch, ob das Fach tatsächlich das Richtige für sie ist. Deshalb sitzt sie hier, eine Tasse Tee vor sich, zusammen mit Simon Stepper. Er studiert im neunten Semester Jura an der LMU, will Jessica bei der Studienentscheidung helfen und nimmt sie deshalb diese Woche unter seine Fittiche: Vier Tage lang wird Jessica ihn zu den Lehrveranstaltungen begleiten, kann Simon mit Fragen löchern und das Studentenleben schon vor der Einschreibung ausprobieren. Vorhin hat er Jessica, die dafür extra aus Backnang bei Stuttgart angereist ist, am Hauptbahnhof abgeholt und ihr als erstes die Innenstadt und das Unigelände gezeigt.

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Ist Jura das richtige Fach? Bin ich einem Studium gewachsen? Simon hilft Jessica bei ihrer Schnupperwoche an der LMU, Antworten zu finden.
 
Jessica und Simon haben sich über die Homepage des gemeinnützigen Projekts „Quaestia e.V.“ gefunden. Seit März diesen Jahres können sich Schüler und Studenten dort kostenlos registrieren. Schüler haben dabei die Möglichkeit, nach den Kriterien Studiengang, Studienort und Hochschule Studenten zu suchen und zu kontaktieren, um eine Schnupperwoche mit ihnen zu vereinbaren. Während dieser sind sie in der Regel bei dem Studenten untergebracht und begleiten ihn bei seinen täglichen Aktivitäten: also sowohl in den Vorlesungssaal als auch zum Unisport, zu Freunden oder zum Feierabendbier in einer Bar ums Eck. So sollen die Teilnehmer einen möglichst authentischen Einblick ins Studentenleben bekommen. Die Studenten, die sich als Mentoren zur Verfügung stellen, erhalten dafür ein Zertifikat über soziales Engagement vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Jessica: „Die ganzen Hochschulseiten im Internet sind ein totaler Dschungel. Es werden so viele Studiengänge angeboten, und man weiß überhaupt nicht, wofür man sich entscheiden soll. In einem Zeitungsartikel habe ich dann über Quaestia gelesen. Ich wollte so eine Schnupperwoche einfach ausprobieren, um zu schauen, ob ich dem Ganzen gewachsen bin. Jeder Schüler hat ja erst mal Respekt vorm Studium, weil alles noch so neu ist. München habe ich ausgewählt, weil ich hier noch nie war und die Stadt gerne kennenlernen würde.“
Simon: „Hätte ich vor meinem ersten Semester die Möglichkeit gehabt, wäre ich froh gewesen, wenn mir jemand sein Studium gezeigt hätte. So kann man besser einschätzen, worauf es ankommt und worauf man sich einlässt. An der Uni wird einem immer total Panik gemacht vor den Examensprüfungen. Vielleicht kann ich Jessica diese Angst ein bisschen nehmen. Es ist ja immer so: Wenn man auf etwas zurückblickt, was man schon mal geschafft hat, kommt es einem gar nicht mehr so schwer vor.“

Donnerstag, 12:00 Uhr
In der Mensa an der Schellingstraße wollen Jessica und Simon schnell noch etwas essen, bevor es in die nächste Vorlesung geht. Als sich aber vor dem Eingang der Mensa die Speisekarte bereits olfaktorisch ankündigt, disponieren sie kurzerhand um. Neuer Plan: Schnitzel für fünf Euro, in einem Bistro hinter der Uni. Verdient haben sie es sich, seit gestern waren die beiden fleißig unterwegs: Zwei Grundkurse für Erstsemester zu öffentlichem Recht und zum Strafrecht haben sie gemeinsam besucht, außerdem waren sie in einer Vorlesung. Die Vorlesung sei zwar eher für Fortgeschrittene geeignet gewesen, meint Simon, aber er wollte Jessica dort trotzdem mit hinnehmen, weil der Professor das Fach ziemlich gut rüberbringe, wie er findet. Ein paar andere Studenten sollte Jessica auch noch kennenlernen, also ging es am Abend außerdem zu einem Stipendiaten-Stammtisch im Görreshof.
Jessica: „Das war ziemlich cool, weil man da mit allen ganz locker reden konnte. Aber für mich ist das hier nach wie vor alles neu und unübersichtlich. Ich habe heute immer noch nicht den richtigen Raum gefunden, obwohl Simon es mir erklärt hat. Es ist sehr wuselig und überall laufen total viele Leute rum. Man hängt auch nicht so wie in der Schule immer mit den gleichen Leuten ab, viele sitzen alleine in der Vorlesung. Im Vorfeld hab ich außerdem gedacht, dass Jura schon auch ein bisschen lahm ist und alle mit Longchamp-Taschen rumlaufen. Aber eigentlich ist es ziemlich gemischt.“

Donnerstag, 15:58 Uhr
Schnupperwoche hin oder her, auch heute wurde Jessica bislang nicht geschont. Seit 10 Uhr hört sie sich wieder einen Jurakurs nach dem anderen an. Die Besonderheit: Gerade eben hat sie ihren Mentor als Dozent erlebt. Simon, der neben seinem Studium als studentische Hilfskraft jobbt, hat nämlich das Tutorium zum Grundkurs im Strafrecht gehalten. Auch für ihn war das noch neu und aufregend, denn er lehrt dieses Semester zum ersten Mal. Am Brunnen vor dem Hauptgebäude sprechen sie über das Tutorium und planen den Abend.
Jessica: „In den letzten Tagen habe ich ganz unterschiedliche Stile kennengelernt, wie man Jura studieren kann. Am Tutorium hat mir gefallen, dass nicht Hunderte Leute drin waren, sondern nur 13. Fast ein bisschen wie Schulunterricht. Das hat den Vorteil, dass man den Stoff viel interaktiver durcharbeiten kann. Da wir noch am Anfang vom Semester sind, konnte ich auch ganz gut folgen."
Für heute reicht es mit der geistigen Arbeit. Erstmal fährt Jessica nun zu der Freundin, bei der sie während ihrer Schnupperwoche übernachtet, um sich dort noch etwas auszuruhen. Denn schließlich geht das gemeinsame Programm am Abend weiter: Im „Call me Drella“ findet die Juraparty für Erstsemester statt.

Freitag, 12:30 Uhr
Am Vorabend gefeiert, etwas übermüdet und die Vorlesung geschwänzt. Den Alltag einer Studentin erprobt Jessica in seiner ganzen Bandbreite. Sie ist noch nicht allzu lange wach, als sie sich an diesem windig-kühlen Freitagmittag mit Simon am Odeonsplatz trifft. Ihr Mentor musste am Vormittag bereits am Institut arbeiten. Jessica wird sich in zwei Stunden schon wieder auf der A8 Richtung Stuttgart befinden und ihr Leben als Studentin, zumindest vorübergehend, hinter sich gelassen haben. Jessicas Jura-Testlauf an der LMU schließen sie bei einer Tasse Kaffee ab.
Jessica: „Dass an einem Donnerstagabend so viel Leben in der Stadt ist, hat mich ziemlich überrascht. Bei uns geht ja eigentlich nur am Wochenende was. Und die Party war echt super. Vor allem die Location. Die Bedienungen sind crazy geschminkt, alles ist ein wenig verrucht. Wobei ich mich schon ärgere, dass ich heute nicht mehr zur Vorlesung gegangen bin.“

Hier sitzen nun zwei junge Menschen am Tisch, die vier Tage lang beinahe ihren gesamten Alltag zusammen verbracht haben, ohne sich vorher je begegnet zu sein. Man könnte meinen, dass so etwas nicht unbedingt reibungsfrei abläuft. Und trotzdem wirken die beiden, als würden sie sich schon ewig kennen. Ein Glücksfall?
Simon: „Wir haben uns echt total gut verstanden, obwohl wir im Vorfeld nur über Facebook und WhatsApp Kontakt hatten. Auch der Altersunterschied war kein Problem. Dadurch, dass sie sich für Jura interessiert, gibt es in Bezug auf die Interessen schon mal einen ziemlich großen Anknüpfungspunkt. Jedenfalls war sie an allem interessiert und hat nie gelangweilt oder genervt gewirkt. Für mich selber war auch spannend, dass ich mich in mein erstes Semester zurückversetzt gefühlt habe. Da denkt man noch mal ganz neu über sein Studium nach.“
Jessica: „Also ich war schon aufgeregt, als ich Simon zum ersten Mal gesehen habe. Man weiß ja vorher nicht, ob’s passt. Simon hat Jura auch nicht so dargestellt, als wäre es das tollste Fach der Welt, sondern hat es von allen Seiten gezeigt. Das fand ich gut. Bei meiner Studienentscheidung hat mir die Woche auf jeden Fall geholfen. Dass ich tatsächlich Jura studieren werde, glaube ich nicht. Denn mit dem Staatsexamen dauert es mir zu lange, bis man in den Beruf einsteigen kann. Lieber studiere ich etwas Interdisziplinäres auf Bachelor, wo Jura mit dabei ist. Aber zumindest das weiß ich jetzt.“

Text: josef-wirnshofer - Foto: Juri Gottschall

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