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Eine U-Bahn-Fahrt ist nicht gerade die perfekte Situation, um sich in ein Buch zu vertiefen. Menschen, die es dennoch tun, sehen aber ziemlich glücklich aus
juliane-frisse

Man kann sich schönere Momente vorstellen, um ein Buch zu lesen, als eine U-Bahn-Fahrt. Zwischen lauter fremden Menschen, die einem dabei oft auch noch unangenehm nah kommen, und während man gleichzeitig achtgeben muss, die eigene Station nicht zu verpassen. Oder während man am Bahnsteig steht und auf seine Linie wartet, die man genauso wenig verpassen möchte. Manchmal scheint es, als ob mancher U-Bahn-Leser seine Lektüre nur mitgenommen hat, um mit all den Fremden auf Intimsphären-Abstand zumindest keine Blicke auszutauschen, wenn man sich schon mit ihrem schlechten Atem, aufdringlichem Aftershave und ihren Erkältungsviren arrangieren muss. Denn wirklich in eine Geschichte eintauchen kann man in diesen Minuten des Transits ja meistens nicht, und wenn doch, kommt es nicht selten zu besagten Unglücksfällen. Ein Glücksfall, dass man dafür offenbar die Nase in etwas gesteckt hat, das gemeinhin als „gutes Buch“ bezeichnet und von vielen unglücklichen Seelen nur am Strand, fern des MVV-Elends, konsumiert wird, falls überhaupt.



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Es wirkt auch so, als ob die glücklichen, vertieft Lesenden, die neben einem auf die Bahn oder ihre Station warten, wirklich weit weg sind, im Kurzurlaub quasi. Die Enge, die Hektik, das Alltagsgenervtsein scheinen sie völlig vergessen zu haben. Außerdem sieht es ja immer etwas altmodisch aus, aber auf diese schöne, kultivierte Art, wenn sich Menschen in ein Buch vertiefen. Ein Buch! Gedruckt und gebunden! Dabei könnten sie doch mit dem Smartphone, einem Tablet oder gar einem E-Book-Reader eine ganze Bibliothek dabei haben, um die Zeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln herumzubringen.

Auf die Idee, den Zauber dieser Menschen festzuhalten, kam zuerst die Fotografin Ourit Ben-Haïm. Seit 2008 fotografiert sie Lesende in der New Yorker U-Bahn. Ihre Bilder haben uns so gut gefallen, dass wir ihr Projekt in der Münchner U-Bahn fortgesetzt haben. Ben-Haïm veröffentlicht fast jeden Tag auf ihrer Website Underground New York Public Library ein neues Bild. Dazu stellt sie noch Titel und Autor des Buches, wenn sie das im kurzen Moment der U-Bahn-Begegnung erfassen konnte. Jeden Freitag postet sie Bilder von Menschen mit E-Book-Readern. Ein bisschen glücklich sind die wahrscheinlich auch – und außerdem sieht ja niemand, dass sie gerade „Fifty Shades of Grey“ lesen.

Text: juliane-frisse - Fotos: Juri Gottschall

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