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„Wir sind mehr als eine Biokiste“

Simon und Daniel versorgen die Münchner mit Biogemüse aus der Region. Als Erntegemeinschaft soll ihr Kartoffelkombinat bei den Mitgliedern das typische Konsumentendenken überwinden.
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In Eschenried gibt es nicht viel außer Äckern und Feldern. An der Landstraße reiht sich Bauernhof an Bauernhof. Ein großes rotes Holzschild führt zum Hof von Landwirt Sigi Klein. Der Betrieb ist das Herzstück des „Kartoffelkombinats“: Simon Scholl, 34, und Daniel Überall, 35,  hatten keine Lust mehr auf Discountprodukte im Einkaufskorb und gründeten deshalb Anfang 2012 eine solidarische Landwirtschaft. Mittlerweile beliefern sie 135 Haushalte mit selbstangebautem Biogemüse. Wir haben sie auf ihrem Gemüsehof in Eschenried besucht. Bei dampfendem Tee sitzen wir in der Küche vor einem Holzofen. Nebenan wird gerade der Gemeinschaftsraum ausgebaut, das Gespräch wird immer wieder von Sägegeräuschen unterbrochen. Simon und Daniel lächeln entschuldigend. So ist das am Anfang, wenn sich etwas bewegt.

jetzt.de München: Das Kartoffelkombinat versteht sich als solidarische Landwirtschaft. Was bedeutet das?
Daniel: Die klassische solidarische Landwirtschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sich eine Gruppe von Privathaushalten mit einem landwirtschaftlichen Betrieb zu einer Gemeinschaft zusammenschließt. Der Bauer hat eine Abnahmegarantie, was für ihn einen enormen planerischen Vorteil bedeutet. Das gibt Höfen eine Sicherheit, die sie bei der Belieferung des Großhandels nicht haben. Im Vergleich zum klassischen Konzept sind wir als Genossenschaft flexibler und suchen nach Kompromissen. Wir haben etwa festgestellt, dass die Münchner sehr viel unterwegs sind und ermöglichen unseren Mitgliedern deshalb unregelmäßige Lieferungen.

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Trampeln hoffentlich nicht auf den Feldsalat für die nächste Kartoffelkombinat-Ernte: Daniel, Bauer Sigi und Simon (von links nach rechts, Foto: Juri Gottschall)

Wie funktioniert das denn genau, wenn man sich von euch mit regionalen Bioprodukten versorgen lassen möchte?
Simon: Zunächst nimmt man mit uns Kontakt auf und füllt ein Anmeldeformular aus. In der Regel beliefern wir fast ganz München einmal die Woche mit unserem Gemüse, einige Haushalte stellen sich auch als Verteilstationen zur Verfügung.
Daniel: Sechs Wochen beliefern wir Haushalte in der Testphase, danach können sie sich für oder gegen eine Mitgliedschaft entscheiden. Eine Kiste Gemüse pro Woche kostet 62 Euro im Monat. Für den Beitritt verlangen wir einmalig 150 Euro, die man bei Austritt aber zurück bekommt. Wer möchte, kann auch gerne helfen und sich der Gärtnergemeinschaft anschließen, das ist aber absolut kein Muss.

Biokisten gibt es aber doch schon länger. Wie unterscheidet sich das Kartoffelkombinat davon?
Daniel: Gegen eine Biokiste ist natürlich nichts zu sagen, so lange sie im regionalen Rahmen bleibt. Oft landen dort aber auch überregionale Bioprodukte im Einkaufskorb. Wir verstehen uns aber nicht in erster Linie als Lieferant, sondern als Gemeinschaft. Bei uns gibt es keine Kunden, sondern Mitglieder.

Warum ist für euch die Gemeinschaft so entscheidend?
Daniel: Uns ist die hohe Identifikation mit dem Betrieb ganz wichtig. Mit regelmäßigen Hoffesten und Führungen wollen wir erreichen, dass die Leute sehen, wo ihr Gemüse wächst und sich als Teil der Gemeinschaft verstehen. So verlassen sie auch das typische passive Konsumentendenken.
Simon: Die Absprache mit unserem Gärtner beinhaltet langfristig, dass wir den Betrieb in Zukunft vollständig als Genossenschaft pachten, das heißt, man hat als Mitglied wirklich das Gefühl: Das ist unsere Gärtnerei. Wir sind mehr als eine Biokiste.

Das Kartoffelkombinat gibt es seit Mai. Wie kommt euer Angebot bisher an?
Simon: Wir sind überrascht vom enormen Zuspruch. Pro Woche melden sich ungefähr fünf neue Interessenten und wir bekommen allgemein viel positives Feedback. Unser Gemüsebauer Sigi Klein beliefert dieses Jahr noch schwerpunktmäßig den Großhandel, aber durch den Erfolg des Kartoffelkombinats sind wir zuversichtlich, dass wir schon Ende nächsten Jahres als Genossenschaft einen Großteil der Ernte abnehmen können.
Daniel: Mittlerweile sind wir bei 135 Haushalten angekommen. 500 Mitglieder brauchen wir, um den Hof komplett autark zu betreiben.

Ihr seid beide Quereinsteiger mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund: Du, Daniel, bist Kommunikationswirt, und du, Simon, hast als interkultureller Trainer in Indien gearbeitet. Wie kamt ihr auf die Idee zum Kartoffelkombinat?
Daniel: Das Kartoffelkombinat ist nicht am Reißbrett entstanden, es war eine dynamische Entwicklung. Die erste Idee entstand bei einem Spaziergang vor ziemlich genau einem Jahr, bei dem wir  festgestellt haben, dass wir beide etwas in Sachen Nachhaltigkeit bewegen wollen – wie genau, wussten wir damals aber noch nicht. Zunächst dachten wir an eine Einkaufsgemeinschaft für Bioprodukte. Als wir uns mehr damit beschäftigt haben, sind wir auf das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft gestoßen, das uns noch mehr überzeugt hat. Über ein paar Ecken kamen wir schließlich zu Sigi, der seit 25 Jahren eine Biogärtnerei in Eschenried betreibt. Eines Tages sind wir dann einfach bei ihm aufgetaucht, bewaffnet mit Smartphone und Laptop, und haben ihm das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft erklärt. Er saß mit seinen Jungs am Ofen und meinte „Mach’mer mit.“

Ihr seid der einzige solidarische Betrieb in München, der direkt nach Hause liefert. Habt ihr das Gefühl, dass das Konzept hier in der Stadt gut angenommen wird?
Daniel: Auf jeden Fall. In München ist das Geld da, aber auch das Interesse an einem
anständigen Preis-Leistungsverhältnis sowie an regionalen Produkten. Unsere Mitglieder sind in der Regel zwischen 30 und 40 Jahre alt und haben die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in der Lebensmittelversorgung beobachten können: Viele haben verstanden, dass da etwas schief läuft und wollen einen Gegenimpuls setzen.
Simon: Ich denke, wir haben als Städter eine Sehnsucht nach landwirtschaftlichem Anbau, mit dem wir eigentlich keine Berührungspunkte mehr haben. Gerade im Hinblick auf die Zukunft wächst das Bewusstsein dafür, dass der Aufbau einer biologischen Erzeugergemeinschaft etwas sehr Wertvolles ist.

Habt ihr den Eindruck, dass gerade tatsächlich ein Umdenken hin zur Nachhaltigkeit stattfindet?
Daniel: Leider noch viel zu wenig. In Deutschland gibt es momentan ungefähr 25 vergleichbare Betriebe, in Frankreich sind es über 1000, in den USA zigtausend. Vielleicht liegt es an unserer Esskultur, vielleicht am Überangebot von Bioprodukten. Manche kaufen einfach nur die Bio-Milch aus dem Discounter und verstehen nicht, dass damit das Problem noch lange nicht gelöst ist.

Wie reagieren andere landwirtschaftliche Betriebe auf euer Modell?
Simon: Vielleicht nicht mit Unruhe, aber auf jeden Fall mit Neugierde. Die klassische Landwirtschaft ist eher konservativ und traditionsbewusst aufgestellt, da beäugt man uns schon ganz genau.
Daniel: Wir sind in erster Linie eine Alternative. Wir stellen uns bewusst einen Schritt neben das System. Wir wollen nicht gegen die Konventionalisierung im Großhandel protestieren, sondern eine positive Alternative mit niedriger Einstiegshürde bieten. Wenn andere Betriebe sich für unser Konzept interessieren, dann führen wir sie gerne an unsere Arbeit heran und lassen uns über die Schulter schauen. Wir fänden es gut, wenn sich noch mehr solcher Projekte entwickeln.

Was für Pläne habt ihr für die Zukunft des Kartoffelkombinats?
Simon: Zunächst streben wir erstmal unsere optimale Größe an, die sich vermutlich bei 500 Haushalten bewegt. So sind wir wirtschaftlich unabhängig, aber gleichzeitig noch klein genug, um eine Gemeinschaft zu schaffen, die Raum für Austausch bietet. Im Moment kaufen wir noch von benachbarten Biohöfen dazu, da wir selbst noch nicht alles anbauen können – das soll sich ändern. Die Genossenschaft könnte auch einen Rahmen für andere Projekte bieten, die über das Thema der regionale Grundversorgung hinausgehen, wie zum Beispiel einen Kindergarten.
Daniel: Im Prinzip erfasst das genau den Grundgedanken, der hinter unserem Slogan „München ist ein Dorf“ steckt. Wir wollen uns als virtuelle Dorfgemeinschaft selbst die Strukturen schaffen, die wir brauchen.

Auf der nächsten Seite liest du, welche Münchner uns diesen Winter sonst noch unsere Bäuche füllen werden...



Torte to go: Das neue Kubitscheck – Verkaufsstelle Buttermelcherstraße

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Kuchen to go am Gärtnerplatz (Foto: Kubi Gunter)

„Fuck the Backmischung“ – das ist das Konzept des neuen Café Kubitschek im Westend. Geschäftsführer Armin Stegbauer hat als ehemaliger Stammgast des alten Café Kubitschek das Geschäft vor zwölf Jahren übernommen und das klassische Konditorenkonzept mit individualisierbaren Torten aufgemischt. Das kommt gut an, weshalb er inzwischen auch eine Zweigstelle im Glockenbach eröffnet hat: In der Buttermelcherstraße gibt es Torte to go für alle, denen der Weg ins Westend zu weit ist. Genau wie im Stammhaus des neuen Café Kubitschek können sich die Gäste ihre Traumtorte individuell zusammenstellen. Eine weitere Besonderheit ist das Konzept „Bei Anruf Tort“. Wenn man möchte, kann man sich von Münchner Kleinkünstlern die bestellten Torten mit persönlicher Showeinlage liefern lassen. „Wir sind schon ein bisschen der Punk unter den Konditoren“, findet Armin. Sein Wintertipp: „Wir haben viele leckere Wintertorten im Angebot, zum Beispiel mit Zimt oder Anis. Am besten kommt man auf dem Weg zur Isar bei uns vorbei und wärmt sich mit einem Glühwein to go.“

Hochprozentiges aus dem Hinterhof: Lion’s Vodka

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Neu in der Familie: Der Lion's Vodka (Foto: Tobias Hase)

2007 gründeten Daniel Schoenecker und Maximilian Schauerte in einem kleinen Münchner Hinterhof eine Destillerie. Denn beim Durchforsten ihres Spirituosenregals hatte den beiden ehemaligen Geschichtsstudenten eines gefehlt: ein richtig guter Gin. Also beschlossen sie, selbst einen herzustellen. Nun bekommt ihr Gin „The Duke“ Verstärkung durch den „Lion’s Vodka“. Für den wandert nicht nur Weizen in den Kessel, sondern auch Gerste, Dinkel und Roggen. Das Ziel: Der Lion’s Vodka soll entgegen dem Trend der letzten Jahre zu geschmacksneutralem Vodka eine eigene Note haben: leicht kornig und weich. Für die kalten Tage empfiehlt man in der Destillerie: „Zum schweren Essen einfach pur auf Eis“. Das soll heil durch opulente Feiertagsmenüs bringen.

Kreative Zuckermischungen: Cräck

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Voll auf Cräck: Die Zuckermischerin Wiss (Foto: Privat)

Die Idee, ungewöhnliche Zuckermischungen herzustellen, kam der gebürtigen Berlinerin Wiss beim Frühstück, als ihr das typisch tunesische Rosenwasser ausging, mit dem sie sonst ihren Fruchtsalat verfeinerte. Also versuchte sie sich selbst am Handwerk und kam dabei schnell auf den Geschmacksträger Zucker. In, wie sie sagt, „gnadenlosem Freestyle“ kreierte sie seitdem über 50 neue Mischungen, mit denen sich nicht nur Müslis, Backwaren oder Desserts veredeln lassen. „Cräck“ heißen die Zuckermischungen, die seit einem Jahr in Giesing hergestellt werden. In den Mischungen finden Chai, Himbeere, Kardamon oder Blaumohn den Weg zu den Kristallen. Die Kreationen tragen Namen wie „Strawberry Fields“, „Chai Thai Chi“ oder „Karda 2 the Möm“. Der Suchtfaktor sei hoch, behauptet zumindest Wiss: „Also ich fange schon ein bisschen zu zittern an, wenn ich einen Tag auf Cräck verzichte.“ Mit der Drogenanspielung im Namen spielt sie auch im Marketing für ihren Zucker. „Anfangs haben wir kleine Sampletüten in Clubs ausgelegt, da war die Verwirrung natürlich groß“, erzählt Wiss. Neben einem Shop auf dem Onlineportal dawanda.de sind die süßen Tüten auch bei Karusa in Untergiesing erhältlich. Der Wintertipp der Zuckerspezialistin: „Cräck lässt sich wunderbar zum Plätzchenbacken verwenden. Besonders lecker: Über die Plätzchen streuen und den Zucker im Ofen karamellisieren lassen.“



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