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Zum Rauchen in die Bibliothek

Gelesen wird draußen. Zum Schreiben, Qualmen und Dichten zieht es den Münchner Jungschriftsteller in Salons, Kneipen und Schlafzimmer. Die Literaturszene der Stadt von A bis Z
tristan-marquardt
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Akteure
Dreh- und Angelpunkt in München ist das Literaturhaus, das auch immer wieder junge Autoren und Verlage (-> Indie-Book) vorstellt und Nachwuchsschreiber fördert. Junge Münchner Autoren, die in den vergangenen Jahren in Erscheinung getreten sind, waren zum Beispiel Elias Wagner, Christopher Kloeble und Carmen Stephan. Für die Entwicklung der Lyrikszene haben sich in den letzten Jahren besonders Karin Fellner und Armin Steigenberger eingesetzt. Im Bereich der Off-Literatur sind Urgesteine wie Michi Sailer, Poetry-Slam-Veranstalter wie Ko Bylanzky oder der Münchner Spoken-Word-Poet Bumillo aktiv.

Braindrain
Meint allgemein die Abwanderung der Intelligenz. Wie alle zieht es auch die jungen Münchner Literaten nach Berlin. Sie machen allerdings oft Zwischenstation in Hildesheim oder Leipzig – dort gibt es Studiengänge für literarisches Schreiben. Und die Verbliebenen? -> Einsamkeit, -> Manuskripte, -> Salon, -> Workshop, -> Veranstaltungen

Crossover
Pure Lesung ist out. Deshalb wird sie oft von Musik, Kunst und Performance flankiert oder findet gleich auf Konzerten oder in Ausstellungen statt. "Parsimonie" veranstaltete etwa eine Lesung, die live in Gebärdensprache übersetzt wurde, und die "FANG"-Performances stellen die Lesenden vor eine Videoprojektion und spielen Musik. Manchmal fragt man sich, ob das den Text verstecken soll.

Digitales
Das Internet macht es einem zumindest leichter, sich über das Angebot an Veranstaltungen und Workshops zu informieren. Zum Beispiel im pdf-Programmheft "Klappentext", das monatlich auf literatur-muenchen.de erscheint, oder auf literaturseiten-muenchen.de. Buchkritiken und Leseproben findet man auf dem Portal mucbook.de. Wer Texte online lesen mag: Die Autorin und Illustratorin Jovana Reisinger bloggt immer wieder auch Gedichte, Markus Michalek schreibt unter kapinski.wordpress.com. Und wer gar nicht lesen, sondern lieber zuhören will: zehnseiten.de zeigt Videos von Autoren, die ihre Texte vorlesen – zum Teil aufgezeichnet im urigen schwabinger "Portmonteau Studio".

Einsamkeit
Noch 2010 schrieb die etablierte Münchner Literaturzeitschrift Akzente, der Literat sei "introvertiert, einsam, verschlossen, radikal subjektiv". Für die hiesige Szene gilt das Gegenteil: Termine doodlen, -> Manuskripte hin und her mailen, beim Bier besprechen oder im Salon vorstellen ist längst Alltag.




Förderung
Eine Möglichkeit, sich als Literat zu finanzieren, sind die vielen Preise und Stipendien. Beim Literaturstipendium der Stadt München gibt es beispielsweise alle zwei Jahre 6000 Euro. Bewerben können sich alle Münchner (und wer im S-Bahn-Bereich lebt) mit unveröffentlichten Texten. Nicht bewerben kann man sich für die großen Auszeichnungen wie den Literaturpreis der Stadt München und den Tukan-Preis. Wer immer über aktuelle Preisausschreibungen informiert sein möchte, für den gibt es einen -> Newsletter.

Glas-Wasser-Lesung
Sinnbild für die Biederkeit des Literaturbetriebs vergangener Tage. Läuft in der Regel so ab: Autor setzt sich an Tisch, auf dem nebst Lampe ein Glas Wasser auf ihn wartet. Autor liest und nutzt jeden Schluck gezielt, um besonders bedeutsame Stellen zu markieren. Alternativen: -> Crossover, -> Poetry Slam, -> Veranstaltungen und Alkohol.

Hilfe, umstrittene
Glaubensfrage unter jungen Autoren am Anfang der Karriere: "mit oder ohne Literaturagentur". Auf Wettbewerben und Lesungen tummeln sich die Agenten und werben hoffnungsvolle Talente an. Wer mit ihnen arbeitet, sagen die einen, dem helfen sie mit Manuskripten, bei Verlagsvermittlungen und Vertragsverhandlungen. Aber durch sie, so sagen die anderen, produziere man hauptsächlich kommerzielle Literatur für den Markt. In München sitzen zum Beispiel die "Agentur Brauer" oder die "Agence Hoffmann". Wichtig sind die Agenten eher für die Sparte Prosa. Im sehr viel familiärer gehaltenen Lyrik-Bereich spielen die Firmen so gut wie keine Rolle.

Indie-Book
Seit dem erfolgreichen "Indiebookday 2013" kennt eigentlich jeder den Begriff: Er meint Bücher, die in von großen Konzernen unabhängigen Verlagen erschienen sind. In München sind das zum Beispiel "A1" und "Lieschen Montag". Im Literaturhaus findet einmal jährlich der "Markt der unabhängigen Verlage" statt, bei dem Indie-Szene sich und ihr Programm präsentieren kann. Außerdem sitzt das bekannte Portal indiebook.de in München – eine Plattform und Vertretung für unabhängige Verlage.

"Jung"
In kaum einer Sparte bleibt man so lange jung wie in der Literatur: Preise und Stipendien zur Förderung junger Autoren werden meist bis zum 35. Lebensjahr vergeben.



Kaufen
Der Aufschrei war groß, als unter anderem die Buchhandlungen Frank in der Schellingstraße und Goltz in der Türkenstraße zugemacht haben. Doch es gibt noch schöne Alternativen: Lehmkuhl, Lentner und das Kunst- und Textwerk im Westend halten sich bislang. Wer es unkonventioneller mag, kann sich auf das "100 Tage Bücher"-Projekt von Dorin Popa freuen, und wer nicht rausgehen will, kauft beim einzigen Onlineshop für unabhängige Verlage: Tubuk (-> Indie-Book).

Lyrik Kabinett, Bibliothek
Die Bibliothek ist in vielerlei Hinsicht einzigartig: Sie beheimatet eine gigantische Sammlung von Bänden, Anthologien und Zeitschriften der Gegenwartslyrik. Und man darf dort rauchen und gratis kopieren. Außerdem hat Münchens charmantester Bibliothekar, Wolfgang Berends, allen Junglyrikern schon mindestens einen Kaffee aufs Haus serviert.

Manuskripte
Das Wichtigste für junge Literaten ist die Arbeit am Manuskript fürs erste Buch. Das geschieht inzwischen oft in größeren Gruppen: Autoren sitzen dann im Schlaf- oder Wohnzimmer des Gastgebers zusammen, trinken, rauchen und debattieren bis tief in die Nacht, ob der schon gute Text nicht noch besser werden kann. In München wächst diese Szene zurzeit immer mehr, ist für Außenstehende aber nicht immer leicht zu finden. Am besten hört man sich auf den -> Veranstaltungen um.

Newsletter
Uschtrin.de, die Webseite des gleichnamigen Münchner Verlags, ist erster Anlaufpunkt für alle, die etwas über den Literaturbetrieb lernen wollen. Hier findet sich eine Liste sämtlicher Literaturpreise und -stipendien im deutschsprachigen Raum – vom Ingeborg-Bachmann-Preis bis zum Leverkusener Short-Story-Preis. Wer sich für den -> Newsletter anmeldet, wird regelmäßig über aktuelle Ausschreibungen informiert.

Outfit
Die junge Lyrikerin und der junge Prosaist aus München legen so viel Wert auf ihr Outfit, dass es gerade noch so aussieht, als würden sie das nicht tun. Chinos, Röhrenjeans, Wollpullover, Cardigans und vor allem Schals: Erlaubt ist alles, was hip ist und nicht zu sehr auffällt. Denn der Literat will zwar chic sein, aber weder Hipster noch Punk oder Hobo.



Poetry-Slam
Bereits 1998 und 2006 fanden in München die deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften statt und der amtierende Champion Pierre Jarawan ist Wahl-Münchner. Münchens ältester Slam wohnt im Substanz, seine kleinen Brüder sind der "Schwabinger Poetry Slam" im Lustspielhaus, der "Isar-Slam" im Ampere und die "Kiezmeisterschaft" im Stragula. Einmal im Jahr gibt es den "Boxslam" in der Muffathalle: Die Slammer treten im Boxring auf und dürfen sogar eigens gewählte Kampfkleidung tragen (dabei sind Kostüme im Slam sonst streng verboten). Von Fechtanzug bis Frack und Zylinder war schon alles dabei.

Quereinsteiger
Münchens Miet- und Lebenshaltungskosten machen es schwer, als Neuling mit Literatur über die Runden zu kommen. Drum, Quereinsteiger, prüfe: Muss es wirklich Literatur, muss es wirklich München sein (-> Braindrain)? Einziger Lichtblick: die breite -> Förderung der Veranstaltungen durch das Kulturreferat.

Radio
Das neue Jugendradio Puls führt die seit 2006 bestehende "on3-Lesereihe" als "Puls-Lesereihe" weiter und tourt auch in diesem Jahr mit zwölf jungen Autoren durch Bayern. Am 24. Oktober machen sie Station im Münchner Strom. Alle Lesungen werden auch im Radio übertragen. Bei Radio Loras Sendung "Literaturverhör" gibt es freitags um 20 Uhr Interviews und Live-Lesungen. Auf M94.5 läuft einmal monatlich "Fettgedruckt".

Salon
Während die Glas-Wasser-Lesung eher trocken ist, sind die ehrwürdigen Salons in Münchens junger Szene hoch im Kurs. Konzept: Geladene Autoren lesen im Wohnzimmer und Freunde und Bekannte hören zu. Das ermöglicht die ersten Schritte in die Öffentlichkeit: Gastgeber empfangen zum Beispiel zum "Lo Zoo", wo Literatur und bildende Kunst sich paaren (Crossover). Wer Interesse hat, höre sich um: -> Veranstaltungen.



Tradition
Vor allem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Stadt ihre goldene Zeit. Damals erschienen die berühmten Zeitschriften Jugend und Simplicissimus und Größen wie Bertolt Brecht und Frank Wedekind tummelten sich in der Stadt. Im Alten Simpl, der damaligen Künstlerkneipe, kann man heute noch dem Hauch der Boheme nachspüren (und auf der Speisekarte deren Geschichte nachlesen). Dort soll auch zum ersten Mal während einer Performance der Begriff "Dada" und damit der Startschuss für den "Dadaismus" gefallen sein. Nach dem zweiten Weltkrieg ging es mit der Neuen Zeitung, Erich Kästner und Wolfgang Koeppen weiter. Der renommierte Hanser-Verlag hat bis heute hier seinen Sitz.

Universität
Was in den USA selbstverständlich ist – offizielle Schreibseminare mit professioneller Betreuung –, ist in München eher so elitär wie das ehemalige "Manuskriptum"-Seminar. Abhilfe schaffen freie Angebote wie die offene Komparatistik-Schreibwerkstatt oder private Treffen (-> Manuskript, -> Salon).

Veranstaltungen
Neben Zeitschriften sind Literatur-Veranstaltungen der ideale Ort zum Entdecken und Entdecktwerden. In München kümmern sich außer Institutionen wie dem Literaturhaus oder dem Lyrik Kabinett mehrere Lesereihen darum: Junge Lyrik aus dem ganzen deutschsprachigen Raum gibt es zum Beispiel bei "meine drei lyrischen ichs" im Kulturzentrum Einstein. Eine der agilsten Prosa-Lesereihen ist "speak & spin" im Café Gap. Das Festival "Wortspiele", das jedes Jahr in München und Wien stattfindet, trägt die junge Literatur schon im Untertitel und auch das alternative Literaturfest "Hörgang" lädt regelmäßig Nachwuchsautoren ein. Außerdem gibt es mehrere Lesebühnen: "Westend ist Kiez" im Stragula, die "Schwabinger Schaumschläger" im Vereinsheim und die "Rationalversammlung" im Rationaltheater. Eine besondere Show bietet dort "Stadt, Land, Fluss": Hier wird nicht nur gelesen und gesungen, die Gastgeber spielen zwischendurch auch "Stadt, Land, Fluss" gegen das Publikum. Über die Zusatzkategorien wird vor Ort entschieden. Highlights bisher: "Grabsteininschrift", "Piratennamen" und "Dinge, die in der Öffentlichkeit nicht gern gesehen werden".

Workshop
Über die Frage, ob man das Schreiben lernen kann, wird gern gestritten. In München hat man immerhin einige Gelegenheiten, es zu versuchen. Das Literaturhaus München richtet in Kooperation mit mehreren Universitäten die "Bayerische Akademie des Schreibens" aus: Studenten können sich bewerben und an drei Wochenenden gemeinsam mit einem arrivierten Kollegen an den eigenen Texten arbeiten. Die Akademie bietet auch "Seminare für junge Autoren (bis 40 Jahre)" (-> "Jung"), bei denen es um das Verfassen eines ersten Romans geht. Die kosten allerdings etwas. Regelmäßige Schreibworkshops gibt es auch im Kulturladen im Westend und bei den U20-Poetry-Slam-Workshops in der Schauburg.

Zeitschriften
Zeitschriften sind die erste Möglichkeit, um zu publizieren. Um zu wissen, was die anderen machen, muss man sie einfach lesen. Deshalb praktisch: In der Bibliothek des Lyrik Kabinetts liegen die Wichtigsten aus. In München werden unter anderem heruasgegeben: außer.dem, Parsimonie und Krachkultur.

Text: tristan-marquardt - Nadja Schlüter, Tillmann Severin, Foto: JoeEsco/photocase.com

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