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„Bei einem Unfall gehen wir alle drauf“

Ein Jahr nach dem Skandal um Helene Hegemann: Deef, der das Abschreiben aufgedeckt hatte, besucht den Autor Airen, bei dem sich Hegemann bedient hatte
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Als vor einem Jahr der Blogger und Journalist Deef Pirmasens entdeckt, dass Passagen aus Helene Hegemanns Debüt-Roman „Axolotl Roadkill“ in Wahrheit aus „Strobo“, dem Buch des Bloggers Airen stammten, löste er damit einen der größten Literaturskandale der vergangenen Jahre aus. Jetzt hat Pirmasens Airen besucht. In Mexiko. Denn dort wohnt Airen jetzt. Ein Reisebericht.

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Vom Regen durchnässt sitze ich in einem ’73er Ford Maverick, der fahruntüchtig auf der Standspur einer mexikanischen Schnellstraße steht und rauche. Es ist kurz vor Mitternacht. Abgesehen von den Lichtern vorbeizischender Autos ist es stockdunkel. Von der Rückbank fragt mein Cousin Phil: „Gibst du mir mal ’ne Kippe?“ Phil raucht sonst nie. Über mein nasses T-Shirt habe ich mir ein Strandtuch geworfen, denn es ist so kalt, dass mir die Hand zittert und meine Zigarette ohne Zutun abascht. Meine Jeans ist im Kofferraum und ich stell mich jetzt nicht noch mal in den prasselnden Regen. An der Nordsee würde ich so ein Wetter erwarten, aber nicht in der angeblichen Trockenzeit hier. Wir sind auf dem Rückweg nach Mexiko-Stadt, ich glaube kurz vor Coatzacoalcos. Plötzlich nähert sich von hinten ein Wagen mit eingeschaltetem Blau- und Rotlicht. „Nicht schon wieder!“ sagt Phil gedehnt.

Mühsam kurbele ich die Scheibe herunter und blicke in die Mündung eines M-16 Sturmgewehrs. Der Bundespolizist, der es auf mich richtet, trägt eine kugelsichere Weste, sein Kollege neben ihm schreit mich an. Auf Spanisch. Ich mach mir fast in die knielange Badehose. Wäre Airen hier, könnte er übersetzen. Doch er ist vor einer gefühlten Ewigkeit im Regen verschwunden. Aber Moment, ich fange vorne an.

Gemeinsam mit meinem Cousin steige ich Anfang Januar 2011 in ein Flugzeug. Airen hatte mich eingeladen und ich habe Phil, der für mich sowas wie ein jüngerer Bruder ist, als Begleiter vorgeschlagen. Ziel der Reise: Mexiko-Stadt, eine Autotour mit Airen und eine kleine Reportage. „Ist Airen in Wirklichkeit ein verdeckter taz-Redakteur, der Helene Hegemann das ,Strobo’-Manuskript auf einer Party untergeschoben hat?“, wird er später als Texteinstieg vorschlagen. Und wir werden lachen.

15 Stunden nach dem Abflug in München setzt die Maschine zur Landung an. Die Sonne ist gerade untergegangen und ein Lichtermeer erstreckt sich bis zum Horizont. Fast neun Millionen Menschen leben in Mexiko-Stadt, knapp 20 Millionen, wenn man die Region drumrum hinzuzählt. In der Ankunftshalle sticht der große, weiße Airen zwischen den Mexikanern heraus. Winken unnötig. „Buenas tardes, Amigos“, sagt er mit seiner hohen Stimme, umarmt mich und gibt Phil, den er bisher nur vom Hören kennt, schüchtern die Hand.

2006 saß ich in Saarbrücken und langweilte mich. Der einzig gute Club, in dem die elektronische Musik und das Publikum gestimmt hatten, war seit Jahren dicht. Das maximale Gegenteil meiner damaligen Lebenssituation fand ich in einem Blog aus Berlin, in dem es um Partys, Puffs und Pannen ging. Zum ersten Mal hörte ich vom Berghain, dem Sex and Drugs and Techno Club. Innerhalb weniger Tage verschlang ich alle Artikel, freute mich über jeden neuen Text. Viele handelten von Feier-Abstürzen, waren gepaart mit Seelen-Striptease. Das Blog hieß „Tagebuch eines Maßlosen“ und der Autor nennt sich Airen, nach dem chinesischen Wort für „Geliebter“.

Vier Jahre später, im Frühjahr 2010, lebte ich in München. Zwischenzeitlich hatte ich eine Story von Airen für meinen Podcast vertont, ihn persönlich kennengelernt und eine Lesung seiner Texte organisiert. In Händen hielt ich das frisch erschienene „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann. Eigentlich ein Roman über eine wohlstandsverwahrloste Tochter mit gestörter Eltern-Beziehung, aber auch mit Berghain-Szenen. Nach wenigen Seiten stolperte ich über „durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten“. Diese Worte kannte ich schon und Google bestätigte: die Formulierung stammte aus einem Blogtext vom maßlosen Airen, der von ihr weder korrekt zitiert, noch kontaktiert worden war.
Ich las das Buch erstmal zu Ende und fand diverse markante Stellen, die so ähnlich in „Strobo“ stehen - Airens beim Kleinverlag SuKuLTuR erschienener Erzählung. „Helene Hegemann? Nie gehört“, hieß es dort. Kurz darauf, am Freitag dem 5. Februar 2010, schrieb ich einen Blogbeitrag mit der Frage „Axolotl Roadkill: Alles nur geklaut?“ Darin stellte ich sehr verwandte Passagen gegenüber und wollte wissen, warum der Ullstein Verlag für ein von Hegemann benutztes Zitat eines bekannten Autors die freundliche Genehmigung eingeholt, bei diversen Sätzen eines Bloggers jedoch darauf verzichtet hatte.

Airen saß zu diesem Zeitpunkt arbeitslos mit Frau und Kind in Berlin-Moabit und trank Sternburg Pils. Er hätte Unterstützung gut gebrauchen können. Ich hoffte mit meinem Artikel „Strobo“, das sich bis zu diesem Zeitpunkt weniger als 200 Mal verkauft hatte, mehr ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Währenddessen ging „Axolotl Roadkill“ in die dritte Auflage. Ullstein hatte bereits 50.000 Exemplare ausgeliefert, der Titel stand weit oben in den Bestsellerlisten.

Nicht mal 48 Stunden später entschuldigte sich Helene Hegemann per Pressemitteilung und die Nachrichtenagenturen tickerten los. Der größte Literaturskandal der vergangenen Jahre war geboren und Airen mit einem Schlag der bekannteste unbekannte deutsche Autor. Ullstein holte nachträglich die Abdruckgenehmigung bei SuKuLTuR ein und kaufte die Taschenbuchrechte für „Strobo“. Im Blumenbar Verlag erschien in Rekordzeit Airens zweites Buch. Mitte 2010 kehrte er samt Familie nach Mexiko zurück, ins Heimatland seiner Frau. Von dort schrieb er einen vielbeachteten Bericht über den Lesewettbewerb des Bachmannpreises für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, einen Berghain-Verriss für den Musikexpress und einiges mehr. Der Motor war angesprungen. „Deef! From the first time to the last time, thank you!“, schrieb Airen in mein „Strobo“-Exemplar.

Mexiko.
Mit einem Taxi fahren wir in die Innenstadt. Airen hat uns in einem Hotel ein Zimmer reserviert. „Hat sogar ’nen Whirlpool“, sagt er, als wir es betreten. Der Abend ist mild und wir gehen in Jeans und T-Shirt spazieren. Auf Airens Shirt prangt ein bunter „Party!“-Schriftzug. Im Vergnügungsviertel Zona Rosa versorgen wir uns in einem kleinen Supermarkt mit großen 1,2-Liter-Pullen Bier. Als ich den ersten Schluck nehme, sagt Airen: „Ne, Mann, auf der Straße darf man keinen Alk trinken.“ Er hat den Satz noch nicht beendet, als uns zwei grinsende Polizisten anhalten und Pesos verlangen. Da mischt sich ein Passant mit der Statur eines mexikanischen Wrestlers ein und nimmt die Männer beiseite. Kurz darauf können wir zwar ohne Bier, aber sonst unbehelligt weitergehen. „Endkrass, Alter! Eigentlich wär’n Schmiergeld fällig gewesen“, sagt Airen.

Er führt uns zu einer schummrigen Cantina, in der er die ersten Tacos der Reise ordert. Maismehl-Tortillas, mit Fleischhäckseln gefüllt. Wir schütten rote und grüne Salsa drüber und machen uns gierig darüber her. „Lecker“, sagt Phil mit vollem Mund und mir tropft das warme Fett von den Fingern. Als der Wirt merkt, dass wir Deutsche sind, stößt er mit uns an. „Prost“ ist das einzige deutsche Wort, das er kennt, also fährt er auf Spanisch fort – Airen übersetzt. Wir sind seine Amigos, da Mexiko im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite gewesen ist. Ich verschlucke mich, während Airen weiter den Wirt dolmetscht: „Wenn Hitler mit Stalin Frieden geschlossen hätte, wäre alles gut geworden.“ Beides kommt mir im wahrsten Sinne des Worte Spanisch vor und ich suche in Airens großen Augen eine Antwort auf die Frage, wie man darauf angemessen reagiert. In einem geschickten Themenschwenk, erzählt er irgendwas von „Futbolista“ und „Michael Ballack“. Wieder ein fröhliches „Prost“.

Die Auswahl der geöffneten Läden in der Zona Rosa ist überschaubar, denn es ist Montagabend und da sagen sich sogar in einer Megacity Straßenköter und Kanalratte gute Nacht. „Los, wir checken in die Bar“, sagt Airen. „Checken“, „Alter“, „endkrass“: Konfrontiert mit Airens Texten hatte eine Zeitung mal die Frage gestellt, ob junge Leute wirklich so redeten. Zumindest er tut es.

Wir sind fast die einzigen Gäste und setzen uns in niedrige Kunstledersessel. Neben unserem Tisch donnert House aus einem kühlschrankgroßen Lautsprecher. Airen schreit Phil und mir ins Ohr, wie das Leben in Mexiko ist und hält inne als Cerveza, der Marke Sol auf den Tisch kommt. „¡Saludos Amigos!“ Als wir zahlen wollen, fällt die Summe überraschend hoch aus. Airen rechnet nach und schenkt dem sich entschuldigenden Kellner sein schönstes „Mich linkst du nicht“-Lächeln.

Die Nacht im Hotel endet sehr plötzlich, denn Airen stürmt herein und lässt die Tür an die Wand knallen. „Buenos días! Wieso pennt Ihr denn noch?“ Er spricht schneller als jeder Rapper. Leicht verkatert und mit Jetlag räumen wir das Zimmer und beladen Airens Ford. Ein Muscle-Car wie aus einem Tarantino-Film. Sehr cool, aber der Zustand ist so gar nicht Hollywood: Rost frisst sich durch die Bodenbleche, der Beifahrersicherheitsgurt ist mit einer Schnur an der Sitzbank befestigt, die hinteren Fensterkurbeln sind abgebrochen, die Innenausstattung aus Kunstleder hängt in Fetzen. „So abgefuckte Amischlitten bekommt man hier für 500 Euro. Hab schon mal überlegt, ob man da nicht einen Exporthandel nach Deutschland aufstellen sollte“, sagt Airen. Und dann: „Bei einem Unfall gehen wir alle drauf.“
Aber ich bin Optimist. Es gibt ein CD-Radio.

Während Phil und ich die Koffer verstauen, schleppt Airen die frisch geladene Autobatterie heran. Der Ford will dennoch nicht starten. Also schieben wir ihn an. Nach ein paar Versuchen im ersten und im Rückwärtsgang röhrt erst der Achtzylinder los, dann knarzt der Trainspotting-Soundtrack aus den Boxen.

Die Fahrt wird uns zum Golf von Mexiko und über Veracruz, Paraíso nach Campeche führen. Von dort zu Maya-Ruinen im Regenwald und wieder zurück. Fast 3000 Kilometer in zehn Tagen. Eigentlich eine Schnapsidee. Aber mit Airen nur am Strand liegen? Er besteht darauf, dass er als einziger den Maverick steuert, da wir als Rodeoreiter des bockigen Getriebes schändlich versagen würden. "Ist mir recht", sagt Phil und wir verlassen Mexiko-Stadt entlang von Hochhäusern und Wellblechhütten.

Nach 400 Kilometern Mautstraße kommen wir in Veracruz an, dem wichtigsten Atlantik-Hafen Mexikos. Kurz entschlossen biegt Airen bei einem Hotel ein, das auf einem Schild günstige Preise verspricht. Wie sich herausstellt, ist die beworbene Summe nur die Miete für zwei Stunden. Der Zimmerservice bietet Dildos und Kondome, ein riesiger Flatscreen stellt vier Pornokanäle zur Auswahl. „Geil!“ sagt Airen, „ein echtes Bumshotel.“ Wir stellen nur das Gepäck ab. Es zieht uns ans Meer.

Der Sand ist dunkel wie Mörtel, am Horizont geht die Sonne unter. Airen bestellt in einer Strandbar Cocktails. Limettensaft, Salsa und gesalzenes Bier, serviert in einem Berliner-Weiße-Pokal. Für Phils und meine Zunge schmeckt’s so „interessant“, dass wir die Hälfte stehen lassen. Airen ext seinen Rest weg. „So. Ihr Loser.“ Mit einem eiskalten Sixpack Sol besteigen wir den Ford. „Wo war jetzt nochmal das Hotel?“ frage ich Airen. „Äh...“
Wir müssen erst mal eine Stelle zum Umdrehen finden, aber auf den Hauptstraßen von Veracruz gestaltet sich das schwierig. Der Mittelstreifen ist befestigt und teils mit Palmen bepflanzt. Zudem verhindern viele Einbahnstraßen das Abbiegen. Plötzlich entdeckt Airen bei gefühltem Tempo 70 – der Tacho des Mavericks ist auch hinüber – kurz vor uns eine Stelle, die einen U-Turn erlaubt. Die Vollbremsung ist an sich kein Problem, denn Airen hatte dem Wagen vor der Reise neue Bremsen spendiert. Aber hinter uns quietscht und hupt es. Als ich mich umdrehe, sehe ich einen überladenen Kleinlaster, der im Rauch seiner blockierten Reifen zum Stehen kommt. „Vorsicht!“ rufe ich und trete beim Mitbremsen fast das morsche Bodenblech durch. Der Ford kommt zwei Handbreit vor einem Stauende zum Stehen. „Irre, wie der Puls hochgeht, Alter“, bemerkt Airen. Die Fahrt geht als der „Abend der 1000 U-Turns“ in die Geschichte ein.

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Am nächsten Tag geht’s weiter nach Paraíso im Bundesstaat Tabasco. In der Abenddämmerung düsen wir direkt an der Küste lang als Airen sagt: „Vor kurzem gab’s hier krassen Sturm und eine Straße ist vom Meer weggespült worden.“ Als stünde es im Drehbuch, tritt er Minuten später das Bremspedal durch, denn vor uns ist keine Straße mehr. Links das blaue Meer, rechts grün-braune Kokospalmen, vor uns bricht die Asphaltdecke schroff zum zwei Meter tieferen Strand ab. Airen dreht das Lenkrad nach rechts, wo ein Waldweg in den Dschungel führt. Meine Augenbrauen heben sich auf Daniela Katzenberger-Niveau. Ich fingere den passenden Soundtrack dazu aus dem Rainald Goetz-Buch „Rave“, das Airen als CD-Halter zwischen Windschutzscheibe und Armaturenbrett geklemmt hat. Ich hasse die Guns N’ Roses, aber was sein muss, muss sein. Airen lässt den Maverick über Wurzeln und Schlaglöcher rumpeln und singt „Welcome to the Jungle“ mit. Den Falsett von Axl Rose trifft er spielend.

Vor uns tauchen eine Wellblechhütte und ein roh gemauertes Plumpsklo mit zerschlissenem Vorhang auf und daneben ist eine Metallkette quer über den Waldweg gespannt. Ein verhutzeltes Männchen schlurft heran und verlangt ein paar Pesos Wegzoll. Airen reicht ihm Kleingeld und der Alte senkt die Kette. Drei Stunden und acht Ketten später biegen wir wieder auf die sogenannte Hauptstraße. Vor und nach jedem Dorf sind 10 Zentimeter hohe Fahrbahnschwellen über die Straße asphaltiert. „Das sind Topes, Mann“, erklärt Airen. „Gegen’s Rasen. Bringt aber nicht viel.“ Zum Beweis führt er zwei Strategien vor, wie man als Bleifuß den Dingern begegnet. Variante eins: Vollbremsung, Drüberhoppeln, Vollgas. Variante zwei: mit 70 Sachen ungebremst drüber fliegen. „Ich dachte eben, die Hinterachse bricht“, sagt Phil und ich reibe mir die Stelle, an der mein Kopf gegen den Türrahmen gedonnert ist.

Mit Airen ist es wie in einer Slapstick-Komödie: alles droht schiefzugehen, um sich überraschend einzurenken. Entweder springt der Wagen nicht mehr an, die Autoschlüssel sind verschwunden oder im zugeschlagenen Kofferraum eingeschlossen. Mehrmals verklemmt sich während der Fahrt das Getriebe und Airen muss anhalten. Auch schon mal mitten auf einer Kreuzung. Er lässt sich nicht von Reisebussen und Trucks, die uns hupend umkurven, abschrecken, wirft ein ölverschmiertes deutsches Fußballnationaltrikot über, kriecht unter den Maverick und zerrt mit einer Zange den Gang zurück in den Leerlauf.

Von Campeche aus, wo wir anderthalb ruhige Tage verbracht haben, liegen die Pyramiden von Calakmul für uns günstig. Die letzten 60 Kilometer dorthin führen auf einer schmalen Asphaltbahn durch den Regenwald. Nach einem kurzen Fußmarsch lichtet sich der Urwald vor uns und wir erblicken staunend das steinerne Erbe der Maya: bis zu 50 Meter hohe, steil gestufte Pyramiden, deren Grundflächen teilweise größer als zwei Fußballfelder sind. Ein Schild weißt darauf hin, dass Calakmul Weltkulturerbe ist. Es gibt keine Absperrungen und so kraxeln wir mehrere Stunden auf den Pyramiden herum, finden immer eine noch höhere, stehen schließlich ganz oben und blicken über den Regenwald. „Bäume bis zum Horizont“, entfährt es Phil. Airen nickt sprachlos und schaut lange in die Ferne. Vielleicht formuliert er im Kopf schon den nächsten Text.

Auf der Rückreise nach Mexiko-Stadt fährt Airen den ganzen Tag und bis in die Nacht hinein. Die Schweibenwischer kämpfen gegen wasserfallartigen Regen an und es spritzt von unten in den Fußraum. Auf der Schnellstraße haben sich riesige Pfützen gebildet, die den Maverick bedrohlich ausbrechen lassen. Doch Airen fängt ihn mit ruckartigem Gegensteuern wieder ein. „Alles im Griff, Mann.“ Dann taucht irgendetwas im schrägen Lichtkegel direkt vor uns auf. Es knallt zweimal, der Wagen ruckelt und verliert rapide Geschwindigkeit. „Shit! Shit! Shit!“ Airen zerrt am Schaltknüppel, „irgendwas ist total im Arsch.“ Wir kommen zum Stehen. Mir schießt in den Kopf, was Airen für den Fall eines Crashs prophezeit hatte und sage: „Es ist Nacht, regnet und wir stehen auf der Überholspur. Wir müssen hier weg!“ Er schüttelt den Kopf und flucht in drei Sprachen. Seine Stimme überschlägt sich. „Was soll ich denn machen? Der Scheiß-Gang klemmt.“ Phil und ich steigen aus und schieben, Airen gibt Gas. Der Motor heult auf und langsam bewegen wir uns auf die Standspur. Ich krame die Taschenlampe aus meinem Strandbeutel und schau mir die Reifen an: Die beiden Linken sind geplatzt.

Weitere Autos und Trucks brettern mit Getöse über die gleiche Stelle und scheitern wie wir. „Da muss ein Schlagloch sein. So groß, dass man tote Hunde drin begraben kann“, vermute ich. Innerhalb weniger Minuten stehen alle 30 Meter lädierte Fahrzeuge auf dem Seitenstreifen. Airen öffnet den Kofferraum. Wir haben ein Ersatzrad und ein Wagenkreuz. Immerhin. Ein anderer Fahrer hilft mit einem Wagenheber aus. Während er ihn unter dem Ford in Stellung bringt, liegt Airen daneben im Matsch und löst das verklemmte Getriebe. Gerade als er wieder aufsteht, kracht der Wagenheber durch den Rahmen.
Beim zweiten Versuch gelingt es uns ein Rad abzumontieren. „Bleibt Ihr hier, ich hole Hilfe“, verspricht Airen. „Aber macht nicht das Radio oder das Licht an, sonst ist gleich die Batterie alle.“ Dann lädt er das kaputte Rad in den kleinen Toyota des Wagenheberbesitzers und fährt mit ihm davon. Wir steigen wieder ein und warten.
Irgendwann nähert sich von vorne ein Pickup-Truck der Polizei im Rückwärtsgang. Zwei Kerle in Regen-Ponchos steigen aus, vier springen von der Ladefläche. Die Polizisten umringen den Wagen und fangen alle gleichzeitig an für mich unverständlich zu reden. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als „Soy alemán“ zu sagen, ich bin Deutscher. Die erwünschte Wirkung tritt ein: „Alemán? Ah! Schaweinsteigrrr!“ ruft einer und lächelt. Mit langsamem Englisch versuche ich, die Situation zu erklären. Und dann schauen Phil und ich überrascht zu, wie sie Werkzeug holen und in bester Laune unser Ersatzrad montieren. Nur die Radmuttern fehlen. Aber einer der Polizisten fischt sie nach kurzem Suchen aus einer dreckigen Pfütze. Dann meint einer der Männer „Smoocke?“ und deutet eine Rauchbewegung an. Ich lasse eine Schachtel Marlboro rumgehen und alle sind glücklich. Wir verabschieden uns dankbar mit Handschlag und steigen wieder ein.
Und jetzt sind wir dort, wo die Geschichte angefangen hat. Es kommt diesmal Policía Federal, der Fahrer schreit mich an, während sein Kollege ein Sturmgewehr im Anschlag hat. Mir bricht der Schweiß aus. „Mach mal das Licht an“, sagt Phil. Eine geniale Idee: Eine Minute später sind wir die Polizisten los und warten weiter mit laufendem Motor. Dann hält ein Lieferwagen, aus dem ein Mann im Overall und Airen steigen. Er spurtet heran und reißt die Fahrertür auf. „Seid Ihr Irre? Sofort das Licht aus!“

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Am nächsten Tag kommen wir nach nicht enden wollender Fahrt wieder in Mexiko-Stadt an. Jetzt hätten wir eine Woche Urlaub nötig, aber dazu bleibt keine Zeit. Der Abschied läuft in melancholischer Verpeiltheit ab. Airen bringt uns übermüdet zum Taxi. Kurze Umarmungen, „Pass auf dich auf“ und tschüss. Weder Phil, noch Airen, noch ich sind Freunde epischer Abschiedsszenen.

Der Mensch Airen, denke ich, als wir uns im Taxi entfernen, ist der Story-Protagonist Airen. Wären Erlebnisse mit ihm nicht so extrem wie seine maßlosen Geschichten – die Authentizität wäre futsch. Natürlich muss Literatur mitnichten authentisch sein, aber die „Marke Airen“ steht gerade für an Exibitionismus grenzende Echtheit und volles Risiko. Ein Coming-of-Age-Held im Real Life – voll unbändiger Liebe und Zwiespältigkeiten, die er in die Welt schreit. Das macht ihn unverwechselbar. Wie es für Airen weitergeht, hängt von ihm ab. Seine Projekte 2011: sein neues Blog „rocken“, das der Musikexpress für ihn aufgesetzt hat. Und 30 werden.

Der Autor schreibt im Netz unter www.gefuehlskonserve.de

Text: deef-pirmasens - Fotos: Autor

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