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"Bin ich hässlich?"

Hunderttausende junger Mädchen stellen diese Frage der anonymen Masse auf YouTube. Warum, wo sie doch wissen, dass die Antworten immer verletzen? Eine Spurensuche
nadja-schlueter



Faye ist 13 oder 14 Jahre alt, sie hat große, dunkel geschminkte Augen und sitzt auf einem Bürostuhl mit lederner Rückenlehne und blickt in die Kamera. „Hallo Leute!“ Sie zögert. „Ich wollte ein Video aufnehmen, weil heute Sonntag ist. Morgen ist wieder Schule.“ Sie kratzt sich an der Nase. „Am Freitag haben Leute in der Schule gesagt, Oh Gott, ist die hässlich! Meine Freunde sagen aber oft, du bist so hübsch, ich bin so neidisch! Deshalb wollte ich jetzt euch etwas fragen.“

Das

hat Faye unter dem Nutzernamen „SmileLoveBeauty8“ vor knapp zwei Jahren auf YouTube geladen, es dauert viereinhalb Minuten und wurde bisher mehr als 500 000 Mal angeschaut. „Hinterlasst mir einen Kommentar“, sagt sie zum Schluss, „und sagt mir, ob ich hübsch oder hässlich bin.“

„Unglaublich hübsch!“, schreibt „Honor Ruffley“ – „Du solltest weniger Make-up tragen“, schreibt „Maxine Duncan“ – „Fick dich, Schlampe!“, schreibt „dinul kithsara“ – „Die Welt wäre besser, wenn Leute wie du tot wären“, schreibt „Lamfp Dewd“.

Das also sind die Antworten des Internets auf eine Frage, die sich viele immer wieder stellen: Bin ich schön – oder bin ich hässlich? Allerdings war es bisher eher verpönt, sie laut zu stellen, das galt als eitel, egozentrisch, als „fishing for compliments“. Wenn sie doch einmal öffentlich gestellt wurde, kamen dabei Sendungen wie „Are U Hot“ auf Viva oder krude Datingportale mit Abstimmungsfunktion heraus. Aber seit einigen Jahren ändert sich das. Immer öfter wird öffentlich um eine Bewertung der eigenen Schönheit gebeten. Auf YouTube, Reddit oder Yahoo Answers. Vor allem Mädchen im Teenager-Alter posten dort Videos und Fotos von sich und lassen die Betrachter über ihr Aussehen urteilen. „Pretty or ugly“ heißt dieser Trend, den viele gefährlich finden. Und den noch viel mehr nicht verstehen.

Etwa

bekommt man, wenn man auf YouTube „Am I pretty or ugly“ eingibt. Die Mehrzahl davon sind Videos junger Mädchen, die jüngsten sieben oder acht Jahre alt, die ältesten vielleicht 17. Sie sitzen vor ihrer Webcam und fragen den Zuschauer in leichten Variationen dasselbe wie Faye. Hübsch? Oder hässlich?

Man kann die Kommentare zu den Videos grob in drei Kategorien einteilen. Da wären erstens die, in denen Dinge stehen wie „Du bist schön!“, „Hör nicht auf die anderen!“ und „Die inneren Werte zählen!“. Dann gibt es die, in denen Tipps gegeben werden. Zur Frisur, zum Make-up, zur Kleidung. Und dann sind da die Kommentare, in denen aufs Wüsteste beschimpft, beleidigt, belästigt wird.

Wüste Beschimpfungen sind leichter zu ertragen als ernst gemeinte Kommentare

Die gut gemeinten Tipps sind dabei manchmal schwerer zu verkraften als die Beschimpfungen, sagt Louise Orwin. Louise ist Performance-Künstlerin aus London. Die 26-Jährige hat testweise selbst „Pretty or ugly“-Videos gedreht und online gestellt. „Ich konnte darüber lachen, wenn jemand schrieb ,Bring dich um’“, sagt sie. „Aber wenn jemand schreibt ‚Deine Nase ist schief’ oder ‚Deine Augen sind zu nah beieinander’, ist es schwer, das zu ignorieren.“ Louise beschäftigt sich in ihrer Arbeit vor allem mit der Wahrnehmung des weiblichen Körpers in den Medien und der Gesellschaft. Während sie recherchierte, wie weibliche Teenager soziale Medien nutzen, stieß sie auf die hunderttausenden „Pretty or ugly“-Mädchen. Sie war schockiert und fasziniert und machte die Videos zum Gegenstand eines Projekts. Sie erfand drei Alter Egos: Becky, das Emo-Mädchen mit schwarz geschminkten Augen. Baby, die Süße im All-American-Girl-Stil. Und Amanda, ungeschminkt, mit Brille. Louise schlüpfte in die jeweilige Rolle und fragte in je einem Video: „Bin ich hübsch oder hässlich?“ Wie würden die Kommentare von Rolle zu Rolle ausfallen? „Ich wollte herausfinden, ob die Leute beleidigender kommentieren, wenn ich weniger konventionell aussehe“, sagt Louise. Und tatsächlich: Amanda, das Mädchen mit Brille, erntete die gemeinsten Kommentare. Zum Schluss setzte Louise sich unverkleidet vor die Kamera. „Da hatte ich schon akzeptiert, dass die Menschen gemein sein würden“, sagt sie. Mittlerweile hat sie die Videos wieder gelöscht, weil bekannt wurde, dass sie zu einem Kunstprojekt gehören.

Louise hat sich auf die Suche nach einer Erklärung gemacht. Sie will verstehen, warum die Mädchen diese Videos posten. Naheliegend wäre, dass es einfach schön ist, eine klare Ansage zu haben. Wohl jeder, der mal mit seinem Aussehen gehadert hat, hat sich schon mal gewünscht, jemand gäbe ein wirklich objektives Urteil ab. Immerhin kann man nicht wissen, ob man von außen betrachtet genauso aussieht wie man sich fühlt. Wie ja auch die eigene Stimme auf dem Tonband anders klingt als in den eigenen Ohren, und jedes Passfoto Asymmetrien im Gesicht zeigt, die man im Spiegel nie bemerkt hat. Und wenn man den besten Freund, die große Schwester, den Partner oder Oma fragt – sind die einem nicht zu sehr zugetan, um das beurteilen zu können? Würden sie nicht immer „Du bist schön“ sagen? Also fragt man die anonyme Masse. Die dann allerdings „Du bist die hässlichste Schlampe, die ich je gesehen habe“ unter das Video schreibt. Sind die „Pretty or ugly“-Mädchen so naiv, wirklich auf ein objektives Urteil aus dem Netz zu hoffen?
 
Louise glaubt das nicht. „Diese Teenager kennen das Internet sehr gut“, sagt sie, „sie wissen vorher, dass sie auch viel negative Aufmerksamkeit erregen werden.“ Und das sei eben der Hauptgrund: Aufmerksamkeit erregen. Auf YouTube gibt es viele Trends. Mädchen machen Make-up-Tutorials oder zeigen, was in ihren Taschen ist. „Pretty or ugly“ ist da vielleicht einfach nur ein weiterer Trend, „ein weiteres Thema, über das man ein Video machen kann“, sagt Louise, „die Mädchen wollen berühmt sein.“ Die meisten von ihnen werden Andy Warhol nicht mehr kennen, aber sie leben in der Zukunft, die Warhol schon in den Sechzigern prophezeit hat – und in der jeder 15 Minuten lang berühmt sein wird.



Wenn das Ziel der Mädchen Aufmerksamkeit ist, sind sie im Internet genau richtig. Es hat eine Menge davon zu vergeben. Aber es ist wahrscheinlich zu kurz gedacht, wenn man wie Louise annimmt, dass es ihnen egal ist, ob diese Aufmerksamkeit positiv oder negativ ausfällt. Denn wenn man sich durch die „Pretty or ugly“-Videos klickt, fällt eines auf: Viele der Mädchen geben sich kokett und niedlich-naiv, sie sind geschminkt und klimpern mit den Augen, sie haben gut geföntes Haar, das sie immer wieder über die Schulter werfen, sie posen oder zeigen verträumte Fotos von sich. Sie wollen sich möglichst gut präsentieren. Sie fragen „Bin ich hübsch oder hässlich?“, weil sie in einer Phase ihres Lebens stecken, in der sie sich verändern und nur schwer selbst einordnen können. Aber sie wünschen sich, hübsch zu sein. Und würden alles dafür tun.

Der Teufelskreis wird mit jedem neuen geschminkten Gesicht weiter angetrieben

Viele der Teenager ähneln sich auffallend, sie kleiden, schminken, sprechen und bewegen sich ähnlich. „Diese Mädchen schauen sich Bilder von Stars an“, sagt Louise, „aber gleichzeitig schauen sie sich andere Mädchen an.“ Sie sind mit dem Internet aufgewachsen, mit kleinen Avataren ihrer selbst auf Facebook, Twitter und Tumblr, mit denen sie sich darstellen und präsentieren. Sie laden bearbeitete Bilder und gespielt spontane, aber doch durchdachte Videos hoch. Ihre Freundinnen sehen das und wollen auch so aussehen. Die reale Freundin, an der man sehen kann, dass Menschen in Wirklichkeit eher selten aussehen wie Models, ist online selbst eines geworden. Das setzt einen Teufelskreis in Gang, der mit jedem weiteren geschminkten Gesicht in der Kamera neu angetrieben wird.

Louise hat in London auf der Straße Teenager befragt, ob diese Fotos und Videos sie unter Druck setzen. „Sie haben sehr offen darüber gesprochen, dass sie sich gestresst davon fühlen, diesem Bild zu genügen“, sagt sie. Auf Basis dieser Umfrage und ihrer Erfahrungen mit den drei Alter-Ego-Videos hat sie eine Show konzipiert, um das Thema vom Internet auf die Bühne zu bringen. Sie wurde in einem Londoner Theater uraufgeführt; bald soll sie durch Großbritannien touren. Louise zeigt darin ihre Videos und spricht über die Reise der drei Charaktere: wie es sich angefühlt hat, sich in sie zu verwandeln, die Kommentare zu lesen und Nachrichten von Männern zu bekommen, die nach Nacktbildern fragten. Louise will zeigen, wie Teenager gesehen werden und was das mit ihnen macht: „Ein Teil der Gesellschaft ist besessen von weiblichen Teenagern: Frauen wollen aussehen wie sie, Männer wollen mit ihnen zusammen sein. Da müssen sie sich ja als Objekte und Performer verstehen.“

Aus dem Theater-Projekt soll eine Kampagne werden. Louise gibt bereits Workshops für Mädchen, in denen es um Cybermobbing und den Umgang mit dem Körperbild in den Medien geht. Das möchte sie ausweiten. Seit ihr Projekt bekannt geworden ist, haben ihr Mädchen aus der ganzen Welt geschrieben.

Louise hat viele der YouTube-Nutzerinnen versucht zu kontaktieren. Meistens ohne Erfolg. Und wenn doch, dann konnten die Mädchen selbst nicht erklären, warum sie die Videos hochladen, oder sie wollten nicht darüber sprechen. Auch Faye hat auf eine Anfrage für diesen Text nicht geantwortet. Darum lässt sich nicht sagen, ob sie sich heute schön oder hässlich findet, ob sie sich vielleicht weniger schminkt, ob sie nachts weint oder über die Beleidigungen und sexuellen Anspielungen lacht. Immer noch gibt es fast stündlich neue Kommentare unter ihrem Video. Ihre persönlichen viereinhalb Minuten Ruhm beginnen damit immer wieder von Neuem.

Text: nadja-schlueter - Illustration: Yinfinity

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