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„Bingo, Volltreffer, fruchtbarsten Tag erwischt“

Die Anti-Babypille, vor 50 Jahren erfunden, hat die Empfängnisverhütung leichter gemacht. Trotzdem kann während und nach dem Sex noch ziemlich viel schiefgehen. Drei Berichte
jetzt-Redaktion

1. Das gerissene Kondom

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Genauso unerwartet wie ich mich mit 14 Jahren in Simon verliebt hatte, begann zwei Wochen darauf plötzlich auch mein Sexleben. Wir verhüteten mit Kondom und ich weiß nicht mehr, wie oft wir schon miteinander geschlafen hatten, als das große Malheur passierte. Was ich aber noch sehr gut weiß, ist, dass ich am nächsten Tag eine fünfstündige Deutschschulaufgabe zu schreiben hatte und dass Simon das Kondom nach dem Sex in das von draußen hereinscheinenden Straßenlaternenlicht hielt, um es zu prüfen. Ich lag angenehm schwitzend und sehr romantisiert in seiner Bettwäsche. „Scheiße!“ „Was?“ „Es ist gerissen!“ Ich begriff nicht sofort, dass uns tatsächlich gerade das passiert war, was ich zuvor nur von Dr. Sommer oder aus den wilden Sexgeschichten der Mädchen drei Schulklassen über mir kannte. Fest stand, dass ich es niemandem aus meiner Familie erzählen würde. Ich würde das alleine hinkriegen. Simon googelte, wie lange ich Zeit hätte, um die ‚Pille danach‘ zu nehmen. Einige Foren sagten 48, andere 72 Stunden. Mit dieser tickenden Zeitbombe im Unterleib schlief es sich schlecht und ich träumte von halben Kinderkörpern ohne Kopf, die sich im Bett meiner Mutter wanden. In der Schule versuchte ich fünf Stunden lang unter unerträglichen Klammgefühlen eine Erörterung auf das Papier zu bringen. Kurz vor zwölf gab ich die bloß latent angekritzelten Blätter ab, nahm meine Tasche und rannte zur nächsten Frauenarztpraxis. Sie hatte bereits geschlossen. Es war Freitag. Ich war verzweifelt, gleichzeitig aber auch ein bisschen froh. Immerhin musste ich jetzt nicht auch noch mit weit gespreizten, nackten Beinen vor einem fremden Mann sitzen. Ich hatte mir meinen ersten Frauenarztbesuch immer anders vorgestellt. Während ich ratlos da stand, wurde mir plötzlich klar, dass das Schlimmste gar nicht die Spermien in meinem Körper waren. Das Schlimmste war meine große Scham. Hätte ich meiner Mutter erzählt, was passiert war, hätte sie vielleicht erschrocken aber verständnisvoll reagiert. Sie hätte mich von der Schulaufgabe befreit und wäre am Vormittag mit mir zum Arzt gefahren. Über meinen Schatten zu springen war dennoch unmöglich. Schließlich traf ich mich mit meiner drei Jahre älteren Freundin Alex. Sie war so etwas wie meine Intimvertraute und nahm mich an der Hand, um mit mir im Bus zur Notaufnahme des Krankenhauses zu fahren. Ich musste mich nicht einmal untersuchen lassen. Das Rezept kostete 60 Euro und dafür, dass eigentlich der Kondomhersteller an allem schuld war, mein Taschengeld 30 Euro für einen ganzen Monat betrug und die zwei Pillchen, die ich später in der Hand hielt, kaum in ihr zu erkennen waren, fand ich das absurd teuer. Hauptsache war jetzt aber nur, dass die Medikamente meinen Unterleib in Sachen Befruchtung deaktivierten. Ich wollte endlich wieder gut Freund mit mir und meiner Jugend sein. Zu Hause legte mich ins Bett. Als Simon mit Blumen, Pralinen und Liebesbriefchen vor der Tür stand, roch meine Mutter Lunte. Abends bat sie mich am Bettrand zum Gespräch und ich druckste ihr die ganze Wahrheit entgegen. Sie nahm mich in den Arm. Aber das half nicht. Ich wollte nicht ihr absonderlich frühreifes Kind sein, sondern die Erwachsene, als die ich mich fühlte.


2. Mein erster Schwangerschaftstest Neuer Freund, gemeinsamer Kurztrip nach Berlin, alles toll. Bis ich mitten in der Nacht ins Gemeinschaftsklo des Backpacker-Hostels kotze. Einfach so. Ich nehme seit sehr vielen Jahren die Pille und habe vor allem in den vorangegangenen, schwer verliebten Wochen wenig Grund gehabt, nicht an sie zu denken. Trotzdem bin ich nun seltsam sicher: schwanger. Vielleicht liegt es daran, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Mann an meiner Seite weiß, der als Vater möglicher Kinder durchaus passen würde. Vielleicht hat netterweise die Natur, der Zufall oder gar das Schicksal meine Lebensplanung in die Hand genommen, denke ich. Auf jeden Fall schlafe ich mit der rechten Hand auf dem Bauch ruhig und glücklich ein. Am nächsten Tag – vor den Regalen einer Drogeriemarkt-Kette, in denen Schwangerschaftstest aller Formen und Farben lagern – verwandelt sich mein Leben plötzlich in eine Art Glücksspiel. Mein erster Schwangerschaftstest. Ich weiß nicht, in welche Richtung ich greifen soll. Oben, unten, links, rechts, Kind oder Niete. Mit dem Vater meiner zukünftigen Kinder habe ich mich darauf geeinigt, erst dann über die möglichen Folgen einer Schwangerschaft zu sprechen, wenn sie auch wirklich auf dem Löschpapier inmitten dieses Plastik-Schiffchens angezeigt wird. Wir wanken also ziemlich wortlos und seltsam fremdbestimmt durch Berlin. Ich komme mir vor wie die Hauptdarstellerin in einem Film über mein eigenes Leben, als ich mich auf der Toilette einer Berliner Waffelbäckerei einschließe. Es riecht nach Zimt und Zucker, Zukunft und Desinfektionsmittel. Mein Herz schlägt Alarm. Das Ergebnis macht es dann nicht unnötig spannend. Es steht ziemlich schnell fest. Ich kann mich nicht an den Blick meines Freundes, seine Gestik, seine Hände erinnern, als ich die fünfzig Meter auf ihn zugelaufen komme und schon von weitem mit dem Kopf schüttelte. Ich weiß nur, dass er auf einem weiß lackierten Metallstuhl sitzt, an einer Waffel kaut und dann vorsichtig sagt: „Eigentlich schade.“ Es war dann wohl doch der Alkohol, der eine Nacht und einen halben Tag lang ziemlich viel möglich gemacht hat.
3. Ein Sommer ohne Verhütung

Ich weiß nicht mehr genau, was der Grund war, aber es gab diesen Sommer in dem wir überhaupt nicht verhüteten. Irgendwie waren Kondome Kacke und Pille zu kompliziert, oder umgekehrt. Stattdessen rechneten wir in einem sehr wachen biologischen Moment M.’s fruchtbare Tage aus. Als Junge kapiert man diese ganzen Zusammenhänge ja immer nur ganz kurz komplett, also so richtig mit Klarsicht, dann verschwinden wieder die genauen Bedeutungen von Zyklus, Tagen, Blutungen und Fruchtbarem im Durcheinander des Jung(e)seins. Jedenfalls schien uns die Sache so eindeutig ungefährlich, dass wir zumindest zwei Wochen im Monat ziemlich unbeschwert in die Kiste hüpften. Das Problem bei solchen halbseidenen Pakten ist, dass man sie immer auch noch ausreizt. Auch in der dritten Woche war halt alles wieder so unfassbar nett und dringend, dass wir natürlich weitermachten. Nur rund um die allerempfänglichsten Tage drückten wir uns mit großer Zurückhaltung. Nachdem es zwei Monate gut gegangenen war, wurden wir immer großzügiger in unseren Auslegungen der fruchtbaren Tage. Ehrlich gesagt rechneten wir sie uns so hin, wie wir sie brauchten. Monat für Monat war aber auch das Warten auf die erlösende Nachricht, äh, schrecklicher. Mindestens zweimal notierte ich theatralisch in mein Tagebuch: „Alles scheiße, bin vermutlich schon Vater.“ Das war nicht schön, aber es gab immer Entwarnung. Bis zu dem Tag, an dem wir uns beide vor lauter Vorfreude massiv verrechneten. Hinterher ist man ja klarer und da stellte sich raus: Bingo, Volltreffer, fruchtbarsten Tag erwischt. Großes Heulen und Zähneklappern und M. sah schon zwei Stunden danach äußerst schwanger aus. Nach einer schlimmen Nacht habe ich es dann nicht mehr ausgehalten und bin reumütig zum Frauenarzt zwecks Pille danach. Keine Details, nur so viel: Danach haben wir sofort angefangen, richtig zu verhüten.

Text: jetzt-Redaktion - Foto: m.edi/photocase.com

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