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"Blogger sind ein Mittelding zwischen Berühmtheiten und Bekannten"

Warum fühlt man sich oft schlecht, wenn man viel Zeit mit dem Lesen der Blogeinträge anderer Menschen verbracht hat? Eine Medienwissenschaftlerin über den Neid im Internet
christina-waechter
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Frau Utz, ich habe in meinem Google-Reader Dutzende Blogs und Websites, in denen die Protagonisten über ihr Leben schreiben und fotografieren. Und fast jeden Tag, nachdem ich die Einträge gelesen habe, fühle ich mich ein bisschen schlechter. Ist diese Reaktion normal oder bin ich einfach nur ein sehr neidischer Mensch? Sonja Utz: Ich denke, das ist eigentlich eine normale Reaktion. Es gibt die schon recht alte Theorie des sozialen Vergleichs nach Festinger, die besagt, dass wir uns ständig mit anderen Leuten vergleichen, um unsere eigene Position zu bestimmen, aber auch, um zu sehen, wie angemessen wir uns verhalten und was von uns erwartet wird. Normalerweise sucht man sich allerdings ähnliche Personen als Vergleichspartner aus wie zum Beispiel in der Schule. Wenn man da eine Arbeit mit einer schlechten Note zurück kriegt, dann schaut man bei den Klassenkameraden, ob die Arbeit insgesamt schlecht ausgefallen ist oder ob man schlechter ist als der Durchschnitt. Zu Blogs gibt es keine spezifischen Untersuchungen, aber ich denke, wenn man die ganze Zeit liest, wie erfolgreich die Blogger sind und was für einspannendes Leben sie führen, dann kann es durchaus sein, dass man sich unbewusst mit ihnen vergleicht und dadurch dann schlechte Laune kriegt. Woran liegt es, dass gerade in der Blogosphäre das Leben der anderen immer als so schön und erstrebenswert erscheint? Bei den Freunden ist es ja so, dass man auch mitbekommt, wenn mal etwas nicht ganz so hervorragend läuft. Und bei Models oder Stars wissen wir, dass da sehr viel retouchiert wird und dass die natürlich auch oft schöner sind als wir selbst. Wer nun erfolgreich bloggen will, der muss natürlich auch dafür sorgen, dass er möglichst interessante Sachen schreibt. Wenn er die ganze Zeit nur über sein langweiliges Leben schreiben würde, dann würde er ganz schnell Leser und auch Anzeigenkunden verlieren. Dazu kommt, dass Leser eine parasoziale Beziehung zu dem Blogger aufbauen können – so wie man sich mit dem Tagesschausprecher verbunden fühlen kann, wenn man sich direkt angesprochen fühlt. Dieses Phänomen tritt bereits bei Moderatoren und Fernsehstars auf, kann aber im Internet noch verstärkt werden, weil der Blogger vielleicht tatsächlich auf einen Kommentar reagiert. Man hat also den Eindruck, sich gut zu kennen, und vergleicht sich dadurch eher mit einem Blogger als einem unerreichbaren Star. Es ist doch komisch, dass ich das als Leser zwar weiß, aber trotzdem nur schwer darüber hinweg komme. Ich denke, das kommt zum Teil daher, weil es so wichtig für uns ist, uns ständig mit anderen zu vergleichen. Das ist so lange okay, so lange sich die Vergleichs-Objekte ganz normal verhalten, aber wenn man dann in so eine eher idealisierende Welt der Blogger gerät, dann kann das negative Konsequenzen haben, weil man glaubt, bei denen würde alles um Längen besser laufen. Dieser soziale Vergleich ist ein automatischer Prozess und deshalb denkt man nicht darüber nach. Auch bei der Lektüre von Frauenzeitschriften kann man sich ständig vorsagen, dass die Models alle retouchiert sind und es sich so bewusst machen. Aber dafür müsste man eben Mühe aufwenden und den automatischen Prozess unterbinden. Das Interessante an diesem Blogger-Neid ist, dass Blogger so ein Mittelding sind zwischen Berühmtheiten und Bekannten. Das sind ja eigentlich ganz normale Menschen, aber die Beziehung, die man als Leser zu ihnen aufbaut, bleibt auch bei einer Kommunikation über Kommentare und Mails eine parasoziale. Und bei den Blogs kann es ja auch vorkommen, dass man Leute abonniert, die einem gar nicht so ähnlich sind und womöglich tatsächlich ein besseres Leben führen als man selbst. Sie haben unter anderem über soziale Identifikation mit virtuellen Gemeinschaften und die Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken geforscht. Woher kommt eigentlich unser Bedürfnis danach, uns so sehr selbst zu produzieren vor der Welt? Soziale Netzwerke befördern einen gewissen Narzissmus. Für solche Zwecke ist ein Netzwerk wie Facebook ideal, weil es nach einer asymmetrische Kommunikation funktioniert. Man stellt selbstverständlich immer das Foto von sich rein, auf dem man am vorteilhaftesten aussieht und feilt mitunter stundenlang an einem Text, gleichzeitig hat man aber sofort sein relevantes Publikum. Leute, die ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung haben, bekommen mit den Netzwerken das optimale Mittel. Welche Auswirkungen hat das auf die Menschen? Ach, ich glaube nicht, dass das im großen und ganzen betrachtet so negativ ist. Es gibt ja auch sehr viele Menschen, die übers Netz einfach nur ihre Kontakte halten. Und durch die Netzwerke kann man auch seine sogenannten weak ties stärken und somit sein soziales Kapital vergrößern. Unsere engen Freunde sind nämlich vor allem für die emotionale Unterstützung da, die schwachen Bindungen aber sind wichtig zur Informationsbeschaffung, weil sie im Gegensatz zum Freundeskreis ein sehr viel breiter gestreutes Wissen haben. Das hilft einem zum Beispiel, wenn man auf Job-Suche ist. Wo verläuft da eigentlich die Grenze zwischen dem Versuch, sich möglichst gut im Netz darzustellen und der blanken Lüge? Ich würde annehmen, dass auch dem größten Aufschneider auf sozialen Netzwerken gewisse Grenzen gesetzt sind, gerade weil er dort von Freunden umgeben ist. Klar ist erlaubt, dass man sich ein bisschen besser darstellt, als es der Realität entspricht. Aber wenn jemand zu stark übertreibt, dann kommentieren oft Freunde die Statusanzeige und bringen denjenigen wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Interessanterweise sind gerade die Kommentare von Freunden eine sehr viel verlässlichere Informationsquelle als Fotos. Bei Datingsites hat man beobachtet, dass Leute sich oft erst einmal in ihrem Profil sehr viel besser darstellen, als sie sind und dementsprechend viele Dates kriegen. Aber wenn sie dann erst mal sehr, sehr viele enttäuschende Dates hinter sich gebraucht haben, dann verändern sie ihr Profil auch wieder und beschreiben sich selbst realistischer. Was würden Sie mir denn raten, damit ich mich nach der Lektüre der Blogs in Zukunft nicht mehr so mies fühle? Ich glaube, man muss sich einfach immer wieder klarmachen, dass die Blogger immer nur die interessantesten, besten und schönsten Momente ihres Lebens beschreiben und dass sie nicht ihr Leben abbilden, sondern immer nur kleine Ausschnitte.

Text: christina-waechter - Bild: oh

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