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„Dafür bin ich echt zu alt“

Tobias Lützenkirchen steckt hinter dem Song „Drei Tage wach“. Ein Gespräch über Techno, München und Feiern
philipp-mattheis

Es ist eine dieser YouTube-Wundergeschichten: Vor einigen Wochen stellte Tobias Lützenkirchen, 31, alias Lützenkirchen ein Video mit Namen „Drei Tage wach“ ins Internet. Noch vor Veröffentlichung der gleichnamigen Single wurde von einem Revival der Rave-Kultur gesprochen. Wir trafen den Münchner DJ und Produzenten in seinem Studio in Haidhausen. jetzt.muenchen: „pille palle alle pralle. druff druff druff druff druff. verpeilt und verschallert, alle verballert. auf gehts, ab gehts, drei tage wach“. Viele werfen deinem Song vor, Drogen zu verherrlichen... Tobias Lützenkirchen: Von Verherrlichung kann eigentlich keine Rede sein. Aber vielleicht ist es eine Art Spiegel des Nachtlebens. Die Nummer ist total spontan entstanden. Den Text habe ich in einer Stunde runtergeschrieben. Ich hatte keine Ahnung, dass es derart polarisieren würde. Und mal ehrlich: Dass beim Ausgehen Drogen konsumiert werden, ist nichts Neues. jetzt.muenchen: Wird wieder länger und exzessiver gefeiert? Tobias: Ja, auf jeden Fall. Zwar ist das alles – zum Glück – noch sehr weit vom Mainstream entfernt, aber die Leute gehen wieder häufiger und auch länger weg. Das merkt man vor allem daran, dass es wieder mehr After-Hour-Läden gibt. Geh mal am Sonntag früh ins Palais – von sieben Uhr früh bis spät in den Nachmittag ist es da rappelvoll.

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jetzt.muenchen: Du bist vor zwei Jahren aus dem Rheinland nach München gezogen. Wie siehst Du die Münchner Clubszene im Vergleich zu anderen Städten? Tobias: Die Szene ist auf jeden Fall klein, wobei München vom Spektrum her sehr weit vorne ist. Es gibt hier von Handtaschenläden wie dem 8seasons über Großraumdissen bis zu exzellenten Clubs einfach alles. jetzt.muenchen: Kann man denn in München tatsächlich drei Tage durchfeiern? Tobias: Auf jeden Fall! jetzt.muenchen: Wie sieht so ein Wochenende aus? Tobias: Kommt natürlich darauf an, wo welcher DJ spielt, aber normalerweise würde ich sagen: Freitags starten im Garden, dann entweder noch zu jemanden nach Hause zum Lockermachen und dann ins Palais oder sofort ins Palais bis Samstagnachmittag. Danach wieder zu irgendjemandem nach Hause und am Abend wieder los: Harry Klein, Prinzip oder Rote Sonne bis in die Früh. Anschließend auf die After Hour entweder wieder ins Palais oder in den ehemaligen Club 4. Im Sommer ist der Volksgarten auch gut. Sonntagabends geht es im Kunstpark noch ein bisschen weiter; im Choice Club zum Beispiel. Ach, und die Registratur habe ich ganz vergessen. Naja, und dann ist Montag und auch schon Schicht. Aber dafür bin ich echt zu alt. . . jetzt.muenchen: Jetzt reden wir aber schon über Drogen... Tobias: Ich kenne Leute, die können das ohne. Die meisten aber steigen sonntags aus und schlafen dann bis Montag. jetzt.muenchen: „Du warst gestern auch schon da“ heißt es in „Drei Tage wach“. Sieht man oft dieselben Leute? Tobias: Auf jeden Fall, gerade auf den After Hours sind es immer dieselben Leute, die durchbrettern. Das ist eine sehr familiäre Atmosphäre dort. Viele trifft man nur am Wochenende und das ist manchmal auch besser so: Manche sind einfach schon ziemlich verfeiert . . . wie wir sagen. jetzt.muenchen: Das Video wurde in Berlin gedreht. Was ist anders beim Ausgehen dort? Tobias: Es ist einfach viel extremer als hier. In Berlin kannst du theoretisch eine ganze Woche lang ausgehen. Wir sind zum Beispiel nach dem Videodreh noch ins Watergate gegangen. Es war Mittwoch und der Laden war einfach rappelvoll. jetzt.muenchen: Gerade in Bezug auf Musikrichtungen wie Electro, ist Berlin doch die Stadt. Wieso lebst Du nicht dort? Tobias: In erster Linie hat das berufliche Gründe. Hinzu kommt, dass die Stadt für jemanden, der nur ein bisschen die Neigung hat, exzessiv zu feiern, einfach viel zu gefährlich ist. Außerdem ist es – zumindest wenn man keinen Namen hat – in Berlin unglaublich schwierig, Erfolg zu haben. Es gibt einfach zu viele gute Künstler. jetzt.muenchen: Es wird jetzt von einem Revival der Rave-Kultur gesprochen. Ist da was dran? Tobias: Rave war ja am Ende nur noch eine kommerzielle Massenveranstaltung. Gerade die Leute aus der Minimal-Techno-Szene schauen ein bisschen auf Besucher von Veranstaltungen wie Love Parade oder Mayday herab. Da verläuft immer noch ein Bruch. Aber tatsächlich gibt es wieder mehr Seitenzulauf. Es gibt Leute, die sagen, es bräuchte nur einen Anstoß. jetzt.muenchen: So wie „Drei Tage wach“ Tobias: Das glaube ich nicht. Das ist eine Spaßnummer.

Text: philipp-mattheis - Foto: Autor

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