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Das ABC des Draußenfeierns

Das Beste am Sommer ist, na klar: der Rave unter freiem Himmel. Allerdings läuft dort einiges anders als auf Partys hinter Clubtüren. Die wichtigsten Besonderheiten von A bis Z.
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Nur auf den ersten Blick zu vernachlässigender Randaspekt des Draußenfeierns. In Wahrheit eine der wichtigsten Konstanten, die es möglichst schon vorab zu beschwichtigen oder bestechen gilt. Schließlich ist der Anwohner einer Draußenfeier (im Gegensatz zum Anwohner eines stationären Clubs) meist unvorbereitet auf seine Rolle als solcher; sein Repertoire der Gegenmaßnahmen reicht vom Eierwurf bis zur einstweiligen Verfügung. Besonders problematisch: der Anwohner in Ballungsräumen mit hoher Anwaltdichte.

 

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Unschöner, despektierlicher Warnruf bei Sichtung eines Polizeibeamten in der Nähe einer Draußenfeier. Meist getätigt von betrunkenen Gästen im Schutz der Gruppe (-> Fünfzig Idioten). Engt den Verhandlungsspielraum des -> Veranstalters gegenüber der Polizei empfindlich ein. In der Regel läutet der erste "Bullen!"-Ruf deshalb das allmähliche Ende einer Draußenfeier ein.
 

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Messgröße für die Wahrscheinlichkeit, in ein spontanes Techtelmechtel verwickelt zu werden. Auf Draußenfeiern sind die Chancen im Vergleich zu normalen Clubnächten größer, herrscht hier doch grundsätzlich eine familiäre Intimität, verstärkt mitunter auch durch zirkulierende Drogen (-> Teile). Die Kombination dieser Faktoren mündet gern in spontanpoetischen Bekenntnissen wie: "Du und ich hier, das ist ohne Worte, das ist einfach nur Schicksal, wirklich!"
 

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Abschätzige Bezeichnung für diejenigen Teilnehmer einer Draußenfeier, die sich nach außen hin deutlich sichtbar mit aufputschenden Drogen versorgt haben (-> Teile). Siehe auch -> Kasperl.
 

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In der Regel unscheinbarer, aber immens wichtiger Gast jeder Draußenfeier. Weiß dank seiner ehrenamtlichen Tätigkeit bei der DLRG genau, was bei Dehydrierung, Sonnenstich oder Scherben im Fuß (-> Fünfzig Idioten) zu tun ist. Erscheint wie aus dem Nichts, um je nach Bedarf Trinkwasser zu organisieren, Unterschenkel abzubinden oder seine -> Jacke als Kopfkissen für bewusstlose Gäste anzudienen. Verschwindet meist so schnell, wie er aufgetaucht ist, um jemandem mit seinem Armeemesser die Weinflasche zu öffnen.



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Mittelschwer angetrunkene Gruppe meist männlicher Besucher, die schwarmartig über Draußenfeiern aller Art herfällt; neben dem -> Anwohner die größte Sorge des -> Veranstalters. Selbst die trickreichsten Maßnahmen, um das Aufkreuzen der Fünfzig Idioten zu verhindern (limitierte handgeschriebene Einladungen, kryptische Wegbeschreibungen mit Geheimtinte) bleiben oft wirkungslos. Erreichen die Fünfzig Idioten trotz aller Vorkehrungen den Veranstaltungsort, gelingt es ihnen mit traumwandlerischer Sicherheit, die Draußenfeier ins Chaos zu stürzen. Beliebte Methoden: Bierflaschenwurf, Schlägereien, Sabotage des -> Generators, -> Wildpinkeln in Cabrios (-> Anwohner), gefolgt von -> "Bullen!"-Rufen.
 

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Empfindliches Herz einer jeden Draußenfeier, das es zu beschützen gilt wie eine Fontanelle. Bollert meist in einem Gebüsch in der Nähe des DJ-Pults, muss gelegentlich vom -> Veranstalter mit Kraftstoff betankt werden. Abgase und -> Lärm stellen nach -> Musik und -> Wildpinkeln den größten Dorn im Auge des -> Anwohners dar. Das Ausfallen des Generators bedeutet das sichere Ende jeder Draußenfeier. Zwischenzeitliche Unterbrechungen der Benzinversorgung aufgrund von Unaufmerksamkeit des -> Veranstalters können aber auch zum Stimmungsverbesserer werden: Wenn Musik und Licht nach kurzer Zeit wieder anspringen, ist die Ausgelassenheit meist noch größer als die Enttäuschung zum Zeitpunkt des Generator-Abnippelns kurz zuvor.
 

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Kreisfreie Großstadt im Süden Sachsen-Anhalts, seit Kurzem eine Art Garten Eden des Draußenfeierns: Ab dieser Saison darf in Halle legal an öffentlichen Plätzen gefeiert werden. Eine kurzfristige Anmeldung bei der Stadtverwaltung genügt. Ab 500 Gästen muss allerdings für Brandsicherung (-> Fünfzig Idioten) und Sanitätsdienst (-> Ersthelfer) gesorgt werden.
 

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Auf Draußenfeiern weit verbreitete vorübergehende Persönlichkeitsstörung. Tritt gehäuft bei Partygästen ab einem Alter von 29 ½ Jahren auf, die unter der Woche ihr Brot in Großraumbüros verdienen. Der Infantilismus wird verstärkt durch programmatische Veranstaltungsnamen wie "Villa Pusteblume" oder "Glitzerfunkelzirkus". Betroffene sind leicht erkennbar an "total verrückten" Bienenantennen auf dem Kopf und Scout-Rucksäcken voller Konfetti. Siehe auch -> Xylophon.
 

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Nervigstes Kleidungsstück auf Draußenfeiern. Wird entweder in fahrlässiger Überschätzung der Witterungsverhältnisse daheim gelassen und fehlt dann im Hagelsturm. Oder sie bleibt bei drückender Hitze den ganzen Tag um die Hüfte geknotet. Bislang ist kein Fall dokumentiert, in dem eine Jacke auf eine Draußenfeier mitgenommen und dann tatsächlich getragen wurde.



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Standardteilnehmer einer jeden Draußenfeier. Während die anderen Gäste noch im Schatten vor der Mittagssonne Zuflucht suchen, steht der Kasperl bereits mit entblößtem Oberkörper auf der Bassbox. Treten später andere Leute hinzu, werden sie vom Kasperl mit Fingerfarben und dem Wirf-mir-den-unsichtbaren-Ball-zu-Tanz bespaßt. Wenig später steigen ihm allerdings Sonne und Wodka Bull zu Kopf und er schläft den Rest des Abends unter Aufsicht des -> Ersthelfers.
 

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Verballhornende Bezeichnung für -> Musik, vor allem durch den -> Anwohner.
 

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Prinzipiell ähnlich wie in stationären Clubs, das Fundament bildet ein stetig stampfender Viervierteltakt (118-125 Schläge pro Minute). Bei Draußenfeiern aber häufig garniert mit gesampelten Gesangsschnipseln aus den 70ern, in denen die Signalwörter "Sunshine", "Love" und "Feel it" vorkommen.


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Nachträgliche erzählerische Aufarbeitung einer Draußenfeier, grenzt bei geübten Berichterstattern oft an eine eigene Kunstform. Ziel des Nachberichts ist die maximale Überhöhung der Ereignisse; selbst stundenlanges Frieren in einer matschigen Baugrube bei Ingolstadt muss im Nachbericht zur unbeschreiblichen Natur-Katharsis umgedeutet werden. Häufig ist der Nachbericht das zentrale Motiv, überhaupt eine Draußenfeier zu besuchen.
 

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Um nichts wird beim Draußenfeiern mehr Aufhebens gemacht als um den Veranstaltungsort. Im Promo-Text auf Facebook fällt der Begriff Off-Location mindestens fünf Mal, und nicht selten wird in der Beschreibung das Blaue vom Himmel gelogen. Der genaue Ort bleibt bis zwei Stunden vor Beginn streng geheim. Das wahrt einen gewissen pseudo-illegalen Grundcharme und zögert die Erkenntnis hinaus, dass es sich bei dem "paradiesischen Spot zwischen Natur und Industrieflair" mal wieder nur um den Parkplatz im nächsten Gewerbegebiet handelt.



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Adjektiv, das die ideale -> Off-Location beschreibt. Allgemein konnotiert mit blühenden Streuwiesen, einer charmanten Scheune, einem gluckernden Fluss und knorrigen Obstbäumen, in denen Lampions hängen. Steht naturgemäß fast immer in krassem Kontrast zur vorgefundenen Realität auf der Draußenfeier; wird alsdann umso hemmungsloser in den -> Nachbericht eingebaut.
 

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Gut gekühltes Pils, Longdrinks mit vier Eiswürfeln: Qualitätsdrinks sind auf herkömmlichen Draußenfeiern grundsätzlich Mangelware wegen fehlender Kühlaggregate. Vorteil: Das Mitbringen eigener Getränke wird nur selten geahndet. Als Glücksfall erweist sich hierbei oft ein angrenzender Bach (-> Perfekt), in dem sich Bierflaschen lagern und später ohne Etikett wieder herausfischen lassen.
 

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Letzte Hürde einer Draußenfeier. Gestaltet sich deshalb so schwierig, weil der Weg von der Bushaltestelle Waldram-West quer durch das Sumpfgebiet zur -> Off-Location bei Tageslicht um einiges leichter zu bewältigen war als spät nachts. Hinzu kommt, dass es sich bei Draußenfeier-Gästen meist um naturfremde Großstädter handelt, hilfreiche Utensilien wie Taschenlampen fehlen daher grundsätzlich. Weil illegalen Draußenfeiern meist ein abruptes Ende beschieden ist (-> Anwohner, -> Fünfzig Idioten, -> Bullen!), treffen alle Vertriebenen in der Regel zur exakt selben Zeit an der Haltestelle ein und sorgen bei älteren Passanten zuverlässig für geraunte pessimistische Schlussfolgerungen über die sogenannte Jugend von heute.
 

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Besondere Spielart der Monetarisierung von illegalen Draußenfeiern. Ziel ist es, auf Behördenseite den Schein einer Privatfeier zu wahren. Dabei lässt die Dringlichkeit, mit der mancher -> Veranstalter die Spende einfordert, das Attribut "freiwillig" klingen wie feine Ironie.
 

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Fachjargon für Ecstasy-Pillen; werden auf Draußenfeiern häufiger konsumiert als anderswo, weil sie Hunger- und Durstgefühle unterdrücken (-> Ersthelfer). Der Begriff Teile taucht meist in Verbindung mit der Satzkonstruktion "Hast du...?" oder "Willst du...?" auf. Die Unkenntnis gegenüber diesen Begrifflichkeiten entblößt den unerfahrenen Draußenfeiergast im Handumdrehen als solchen.
 



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Dienstältester Gast und das ultimative Gütesiegel für jede Draußenfeier. Der Ur-Raver war mindestens bei den ersten britischen Acid-Raves dabei und hat Anfang der Neunzigerjahre im Berliner Tresor an der Bar gearbeitet. Da er sich des ihn umwehenden Mythos durchaus bewusst ist, verweilt er nur kurz und spricht mit niemandem außer dem -> Veranstalter.


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Die Person mit dem wenigsten Spaß während einer Draußenfeier. Für den Veranstalter ist der Höhepunkt der Feier am späten Vormittag, wenn er übers Mikrofon "das tolle Wetter, die paradiesischen Klänge und die Liebe, die wir hier teilen" lobt. Den Rest des Tages verbringt er abwechselnd damit, fluchend die Regenplane aufzuspannen, die -> Fünfzig Idioten in Schach zu halten, den Benzinstand des -> Generators zu überprüfen und der Polizei zu erklären, dass es sich bei seiner Draußenfeier um ein friedliches Sit-in des örtlichen Schachvereins handelt (-> Spende).


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Das Verrichten der Notdurft unter widrigen Umständen im Gebüsch. Dabei besteht der knifflige Teil besonders für Mädchen darin, der Fährte aus weggeworfenen Taschentüchern der Vorgänger bis zu ihrem Ende zu folgen - und dann noch einen Schritt weiter zu gehen, sodass die Gefahr des Entdecktwerdens und das Risiko, in fremde Hinterlassenschaften zu treten, minimiert sind.
 

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Instrument, steht in engem Zusammenhang mit dem -> Infantilismus und kann auch als Trommel, Melodika, Bierflasche oder Ähnliches auftreten. Der jeweilige Spieler gibt meist zu vorgerückter Stunde und als Ergänzung zur -> Musik des DJs eine Improvisation auf dem Xylophon zum besten, oft stundenlang. Da er dabei ganz bei sich ist, sind ihm die verdrehten Augen der Umstehenden völlig egal.
 

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Kurzform für "You only live once"; Kampfspruch, mit dem sich jede noch so dämliche Idee zur Blüte ungebremster Lebenslust umdeuten lässt. Erfreut sich großer Beliebtheit unter den -> Fünfzig Idioten, zum Beispiel kurz bevor sie zum Tanzen aufs Dach des Lieferwagens des -> Veranstalters klettern; hat eine eher schwache Lobby unter den -> Anwohnern.
 

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Schwer zu taxierender Moment, in dem man auf einer Draußenfeier ankommen sollte. Ein zu frühes Erscheinen führt oft zu fadem Abhängen in brütender Hitze, während ein namenloser DJ spielt. Ein zu spätes Auftauchen ist allerdings nicht minder frustrierend: Die Freunde hatten den Spaß ihres Lebens, während man selbst von der Draußenfeier nur noch den traurigen Wurmfortsatz aus -> Anwohner-Streit und Prügeleien der -> Fünfzig Idioten mitbekommt. Die Fähigkeit, den richtigen Zeitpunkt einzuschätzen, wächst im Laufe eines Sommers proportional zur Anzahl der absolvierten Draußenfeiern.


Text: quentin-lichtblau - und jan-stremmel; Foto: Johannes Kellner

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