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„Das Paar ist eigentlich eine ganz niedrige Lebensform"

Christiane Rösinger gehört zu den wichtigsten Liedermacherinnen des Landes. Jetzt hat die Berlinerin ein Buch über das Thema geschrieben, um das sich auch viele ihrer Songs drehen: Liebe wird oft überbewertet.
christina-waechter
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  jetzt.de: Für dein neues Buch hast du zur Recherche 100 Beziehungsratgeber gelesen. Was macht das mit einem?
  Christiane Rösinger: Das macht Spaß und auch ein bisschen süchtig. Besonders der esoterische Einschlag ist schön - man soll sich ein Duftöl kaufen, ein warmes Bad nehmen, sich mit einer Feder kitzeln, mit einem Badeschwamm abtupfen. Seltsamerweise sind Schaumbad und Duftkerze anscheinend ganz wichtig für die alleinstehende Frau. Die Tipps, die man aus diesen Büchern bekommt sind wirklich irrsinnig. Da wird einem zum Beispiel empfohlen, sich vor dem ersten Date zu waschen. Oder nicht zu pupsen. Und dann gibt es natürlich auch noch ganz schlimme konservative Ratschläge nach dem Motto: „Gib ihm nach und er ist dein“ – das steht wohlgemerkt in einem Buch aus den 90er-Jahren.
 
  Neben den verschiedenen Beziehungstheorien erzählst du auch dein eigenes Jahr, beginnend mit dem Silvesterabend.
  Silvester ist ein seltsamer Punkt im Jahr, an dem auch Leute, die sich das ganze Jahr über wohl fühlen, ganz sentimental werden, weil sie von außen viel Druck abbekommen. Die Außenwahrnehmung eine allein lebenden Frau ist halt oft: Die Arme hat keinen Freund. Und da dachte ich mir, wenn ich in dem Buch als Single durchs Jahr gehe und berichte, was ich so mache vom Valentinstag über Urlaub und Fußball schauen mit Freunden, dann könnte das als ein Beispiel für ein vergnügtes und einigermaßen erfülltes Single-Leben gelten. 
  
  Kann man sagen, dass die „Heteronormative und Paarnormative Gesellschaft“ dein großes Feindbild ist?
  Die Norm in unserer Gesellschaft ist das heterosexuelle Paar. Und das ist durchaus ein Feindbild für mich mit diesen ganzen Vorstellungen von Familie nach dem Vater-Mutter-Kind-Bild und den patriarchalischen Strukturen. Ich will einfach, dass Alleinesein genauso als Lebensform anerkannt wird wie das Paarsein. Und zwar mindestens als gleichwertig, auch wenn es meiner Meinung nach sogar die bessere Lebensform ist.
 
  Der Song „Liebe wird oft überbewertet“ ist 1995 erschienen, dein Buch 2012 – hat sich das Paar verändert?
  Ja. Und es ist schlimmer geworden. Ich bin in den 70er-Jahren aufgewachsen und da war Familie nicht das Maß aller Dinge, die um jeden Preis aufrechterhalten werden musste. Man hat sich getrennt, wenn man nicht mehr glücklich war und trotzdem die Kinder gemeinsam großgezogen. In den 80er-Jahren gab es dann diesen berühmten Backlash, in dem die feministischen Errungenschaften durch eine konservative Welle zurückgedrängt wurden: Zum einen gab es eine Studie, in der es hieß, dass Frauen nach 35 praktisch nicht mehr schwanger werden können und dann noch einen Artikel in der Zeitschrift „Newsweek“, der besagte, dass es wahrscheinlicher ist, einem terroristischen Anschlag zum Opfer zu fallen, als mit 40 noch einen Mann zu finden. Und da fing dann die Panik an, Frauen die vorher noch ganz glücklich als Single waren, fühlten sich plötzlich unzufrieden. Ich habe tatsächlich Bekannte, die mir erzählen: „Meine Beziehung ist so scheiße, wir verstehen uns überhaupt nicht, wir haben ein kleines Kind und alles ist so anstrengend. Aber ich glaube, wir kriegen jetzt einfach noch ein Kind.“ Das ist einfach unglaublich! Ich meine, Familie ist doch nur eine Möglichkeit. Und wenn die nicht mehr funktioniert, dann gibt es noch andere Möglichkeiten und neue Familien, die sich aufbauen lassen. 
 
  Würdest du sagen, dass junge Menschen heute spießiger sind als früher?
  Ich finde es schwer, da zu verallgemeinern, weil es ja ganz unterschiedliche Szenen gibt. Aber der Druck ist definitiv schlimmer geworden. Schau dir zum Beispiel die Diskussionen in der Politik an, ob Singles und Kinderlose Strafsteuern zahlen sollen. Klar, wenn ich dafür plädiere, die Menschen sollen alleine bleiben, dann kann ich das mit 50 natürlich gut sagen, weil ich schon so einiges erlebt habe. Aber mit 20 oder 30 Jahren ist es fast unmöglich, sich diesem Druck zu entziehen. Die jungen Frauen stehen unter einem so enormen gesellschaftlichen Fortpflanzungsdruck. 
 
  Du kannst also deine These nur rechtfertigen, weil du dich schon ganz früh fortgepflanzt hast?
  Ein bisschen schon. Schlimm, dass ich mich überhaupt rechtfertigen muss. Angegriffen werde ich übrigens fast nur von Männern. Ich glaube, dass Männer sich schwer vorstellen können, dass jemand das Paar als solches in Frage stellt. Frauen dagegen, auch solche, die in glücklichen und langen Beziehungen sind, finden das amüsant. Männer profitieren in den meisten Fällen mehr von der Liebe als Frauen. Männer brauchen weibliche Fürsorge in der Beziehung. Und wenn ihnen das fehlt, dann brechen sie ganz zusammen. Die unglücklichsten Singles sind laut einer Umfrage Männer über 40 nach einer Scheidung. 
 
  Du schreibst in deinem Buch „Das Paar ist eigentlich eine ganz niedrige Lebensform und steht in der Artentabelle nur knapp über dem Pantoffeltierchen und dem Einzeller.“
  Das ist natürlich ein bisschen übertrieben formuliert. So ein Paar ist auch ein Mensch und ich bin sogar mit einigen Paaren befreundet, allerdings fast immer nur mit einem von beiden. 
 
  Was ist denn die Alternative zum heterosexuellen Paar?
  Na ja, wenn sich jemand unbedingt einen Partner wünscht, dann kann man nichts machen. Aber wenn man merkt, dass man sich alleine wohler fühlt, dann heißt das nicht, dass man immer nur alleine zu Hause sitzen möchte. Da gibt es ganz vieles, was man tun kann. Schau dir diese ganzen munteren Rentnerinnen an, die nach dem Tod ihres Mannes nach einer kurzen Trauerphase völlig aufleben und tausend Sachen machen, im Kirchenchor singen, im Verein sind oder in Urlaub fahren. Egal, welche Interessen man hat und wo man ist, es gibt überall Formen der Geselligkeit. Man muss es halt nur machen. 
 
  Und warum ist es wichtig für die professionelle Paarkritikerin, ihre Stimme zu erheben und Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben?
  Weil es mich genervt hat. Weil ich das Gefühl hatte, ich müsste mich rechtfertigen. Oft dachten Leute, sie sagen jetzt was ganz Nettes, wenn sie meinten: „Ach, du bist so eine tolle Frau, dass du keinen Freund hast, kann ich gar nicht verstehen.“ Und natürlich ist das auch mein Thema. Viele meiner Lieder handeln von Liebeskummer und davon, dass das alles nicht funktionieren kann. 
 
  Ich gehöre auch zu dieser niedrigen Lebensform.
  Ach, es ist so traurig. Alle, die man trifft.

 
  Was kann ich tun, damit ich meinen Single-Freunden nicht auf die Nerven gehe?
  Du solltest dich mit deinen Freunden auch alleine treffen und nicht immer deinen Freund mitnehmen. Klar, wenn jemand frisch verliebt ist, dann hat man dafür Verständnis, aber dann ist es irgendwann auch wieder gut. Nicht jeden dritten Satz mit „Mein Freund. . . “ anfangen, den anderen zeigen, dass sie dir auch wichtig sind. Wenn du als Paar auftrittst, dann nicht immer so zusammenklumpen, sondern sich frei bewegen. Und die Probleme der anderen wahrnehmen und das eigene Elend nicht ganz so ernst nehmen. 
 
  Wann wird Liebe nicht überbewertet?
  Es gibt Paare, die sind zusammen, auch wenn man sich fragt, warum. Aber ihre Beziehung funktioniert, es gibt keine Dramen und dann ist es halt so.
 
  Da ist dann die professionelle Paarkritikerin auch zufrieden?
  Ja, daran kann man nicht rumkritteln.
 
http://www.youtube.com/watch?v=IgND0UWYuOE&feature=related

  In deinem Buch schreibst du, die Zeiten, in denen du alleine und unglücklich warst, waren die produktivsten.
  Na ja, erst mal ist da Traurigkeit, weil man wieder alleine ist, egal ob die Trennung selbst gewählt war oder nicht. Aber dann kommt eine Zeit, wo man sich denkt: Jetzt muss etwas passieren, jetzt mache ich was. Projekte, auf die man sich freut, mit der Band oder Abende in der Bar. Das ist genauso gut wie verliebt sein. 
 
  Obwohl du nicht mehr so jung bist, gehst du immer noch aus. Wie schafft man das, die Gemütlichkeitsfalle zu umgehen?
  Ich wundere mich darüber selber, weil viele Leute ab 30 nicht mehr ausgehen. Vielleicht fanden die Ausgehen schon immer blöd und haben es nur gemacht, um jemanden kennen zu lernen. 
   
  Kannst du die Faszination des Ausgehens in Worte fassen?
  Wenn man zum Beispiel auf ein Konzert geht und hinterher sind alle da, die man so kennt und dann redet man mit dem einen und dann mit dem anderen, man hat etwas getrunken und ist ein bisschen aufgedreht und macht ein paar doofe Witze, das ist einfach toll. 
 
  Und das funktioniert nur nachts?
Ich habe mich ja, weil ich lauter Freundinnen habe, die nicht mehr ausgehen, obwohl sie 15 Jahre jünger sind als ich, auf Nachmittagsverabredungen verlegt. Das ist schon auch schön. Aber nachts kommt nun mal auch dieses Rauschhafte dazu.
    
  Du hast nicht den natürlichen Drang, Abende auf dem Sofa zu vergammeln?
  Im Winter schon. Aber wenn ich das ein paar Tage gemacht habe, dann fühle ich mich blöd und denke: Ich muss jetzt raus. Dann gehe ich mindestens ins Kino. Egal, welcher Film kommt, das ist immer besser, als Zuhause zu bleiben. 



Musikalische Lesungen mit Christiane Rösinger demnächst am und in:

23.04.2012
Hamburg - Uebel & Gefaehrlich

24.04.2012
Bremen - Schwankhalle

29.04.2012
Dresden - Bärenzwinger

30.04.2012
Wien - Brut

02.05.2012
Salzburg - ARGE Kultur

03.05.2012
München - Freiheiz

04.05.2012
Schorndorf - Manufaktur

05.05.2012
Frankfurt - Hochschule für Musik und Darstellende

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