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Der erste Kaktus war ein Unfall

Auf dem Glockenbach Sommermarkt stellen junge Designerinnen ihre Kleidung aus – ein Rundgang
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Zwei Meter Stephansplatz kosten an diesem Tag einhundert Euro. Für Frühbucher gab’s einen Meter gratis dazu – Planungssicherheit ist auch auf einem kreativen Künstlermarkt eine erstrebenswerte Tugend. Cornelia Meurer, 29, hat auf ihrer kostbaren Parzelle einen grauen Wäscheständer von Ikea aufgestellt. Ihre Kollektion baumelt daran an den Bügeln wie frisch gewaschene Stücke aus der Wäscherei. Gegen sieben Uhr Abends hat die burschikose Blondine die Gebühr für ihren Stand wieder drin. Ein bisschen was verdient hat sie ebenfalls. Sie ist zufrieden. Trotz Fußball und der Feier zum 850. Stadtgeburtstag in der Münchner Innenstadt ist der Glockenbach Sommermarkt gut besucht. Fünfundzwanzig Stände in drei Reihen misst der Markt und ist damit so übersichtlich wie der Stephansplatz selbst, der bequem vor die Hausnummern 3 und 7 passt. Neunzig Prozent der Verkäuferinnen auf dem Markt sind Frauen, es wird gemütlich geschlendert, ein bisschen geratscht, ein bisschen gestöbert – drängeln muss hier niemand. Gegen den Einheitsbrei „Natürlich wäre es schön, wenn man sagen könnte: Ich bin Modedesignerin und lebe gut davon“, sagt Cornelia und dreht sich eine millimeterdünne Zigarette. „Aber dieser Illusion gebe ich mich nicht hin.“ Wie für die meisten anderen Künstlerinnen, die ihre Handwerkswaren auf dem Markt anbieten, sind Schneidern und Basteln für sie bloß ein Hobby. Etwas, mit dem man seine Abende verbringt, sich einen privaten Traum erfüllt. Geld zum Leben verdient sie als Requisitenassistentin am Residenztheater und beim Film. Zu ihrem eigenen Modelabel namens Moderlieschen kam sie über Umwege. Nach einer Banklehre studierte die Jenaerin in ihrer Heimatstadt Kunstgeschichte, dann in München an der „Esmod“ Kostümgeschichte. Weil sie in den Läden nur wenig fand, was ihr gefiel, fing sie an, Taschen und Röcke selbst zu nähen. Ihr erstes Stück war eine Umhängetasche aus einem Duschvorhang. Als sie auf der Straße wegen ihrer Kleider angesprochen wurde, begann sie auch für andere zu schneidern. Mittlerweile verkauft sie ihre Sachen im Condo, einem kleinen Laden in der Pestalozzistraße, der jungen und unabhängigen Designern eine Plattform bietet. Die meisten Stücke aus ihrer Kollektion gibt es nur ein oder zwei Mal. Größere Anfragen, wie kürzlich von der Frankfurter Modemesse, lehnt sie ab. „Das entspricht nicht meinem Gefühl von Langsamkeit“, sagt sie. Fünfzig Teile von einem einzigen Modell per Hand zu nähen, wäre für sie eine Horrorvorstellung. Trotz aller Bescheidenheit führen die Designerinnen auf dem Sommermarkt einen Kampf. Ihre Gegner sind die allgegenwärtigen Industriewaren, „Made in China“ und der modische Einheitsbrei. Alles, was hier verkauft wird, ist selbstgemacht oder aus alten Secondhand-Beständen gekauft.

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„Es ist eine Gratwanderung“, sagt auch Ina Kappes, 29, die am Stand gegenüber selbstgenähte Anziehpüppchen, Orden zum Anstecken und München-Devotionalien verkauft. „Entweder du lässt deine Sachen produzieren und kannst wirklich davon leben, oder du produzierst selbst und kannst keine großen Aufträge annehmen.“ Auch sie hat sich dafür entschieden, nur nebenbei zu schneidern. Ihr Geld verdient sie als Designdozentin an der Esmod. Obwohl sie Modedesign studiert hat und zwei Jahre in Holland Kinderkleidung entwarf, ist sie nach München zurückgekehrt. „Schon während des Studiums fand ich die Designidee, die hinter einer Kollektion steckt, viel interessanter, als die Kleidungsstücke selbst“, erklärt sie. Für ihr Label Kuni setzt sie jetzt nur noch um, was ihr wirklich Spaß macht. Viele Leute bleiben vor ihrem Tisch stehen, kreischen entzückt auf, zeigen ihren Freunden „Germany’s next Anziehpuppe“, drücken auf das Quietsch-Döner aus blau-weiß kariertem Stoff. Die meisten nehmen eine Visitenkarte mit. Wichtiger als der Umsatz ist auf dem Sommermarkt das Gesehen werden. Wer heute nichts kauft, schaut vielleicht später mal im Internet vorbei. „Man muss ein grenzenloser Optimist sein“, sagt Ina und hängt einem kleinen Mädchen ein Wiesenherz aus Filz mit der Aufschrift „Glockenbach Queen“ um den Hals. Wollene Gewächse Einige Stände weiter sitzen Marlen Frank, 26, und Stephan Lang, 27, vor ihrem Tischchen. Auf einer pastellfarbenen Blumentreppe aus den Fünfzigern thronen gestrickte Kakteen in kleinen braunen Töpfen. Sie sei die Urheberin der Wollgewächse, sagt Marlen. Stephan übersetzt für sie, wenn Internetanfragen aus Frankreich kommen. Zum Thema Onlineverkauf fällt Marlen eine Geschichte ein: Jemand klaute ihre Idee und wollte die Plagiate auf Ebay verhökern, den Verkaufstext hatte der Produktpirat ebenfalls von ihrer Homepage kopiert. Danach hat sie sich die Strickkakteen als Geschmacksmuster schützen lassen. „Ich liebe Kakteen, aber ich bin mehr der Palmentyp“, erklärt sie. „Ich muss immer alles bemuttern und ganz viel gießen.“ Kakteen aus Wolle seien da besser, die brauchten schließlich kein Wasser. Neben dem Verkauf im Internet vertreibt sie ihre Dekopflanzen in kleinen Designerläden in Hamburg, Berlin, Dresden, Leipzig, Wiesbaden und bald auch Barcelona. „Meist sind es junge Mädels, die sich ihren Traum erfüllen, einen Laden eröffnen, ihre selbstgemachten Klamotten verkaufen und sich andere mit ins Boot holen“, sagt sie. Marlen verdient ihr Geld als IT-Expertin. Ihr erster Kaktus war ein Unfall. „Eigentlich wollte ich Handschuhe stricken“, sagt sie. „Aber ich habe mit den Fingern angefangen und dann saß ich da mit den fertigen Schläuchen und wusste nicht mehr weiter.“ Nach und nach verfeinerte sie die Zufallsprodukte, häkelte kleine bunte Blüten darauf und setzte sie in Tontöpfe. Mittlerweile hat sogar ein Verlag bei ihr angefragt, der die Kakteen in ein Designbuch aufnehmen will. Manchmal zahlt sich kreative Eigensinnigkeit eben doch aus.

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