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Der Freund der Helfer

Jörg und sein Spezialkommando sollen bei der WM für Sicherheit sorgen – die Punks der Stadt erleben schon jetzt, wie das funktioniert
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Punkkonzerte in München ziehen in letzter Zeit unverhoffte Aufmerksamkeit auf sich. Zum Beispiel vergangenen Freitag, als die drei Bands Kavaliersdelikt, Scrap Heap und Destination Failure im Partykeller des Jugendwohnheims Salesianum in Haidhausen spielen. Gegen 22.30 Uhr wird das Gebäude von 40 Beamten des Unterstützungskommando (USK) der Münchner Polizei umstellt. Die Polizisten in den schwarzen Kampfanzügen kommen nicht zum Musikhören. „Wir fahnden nach jemandem, der in der S-Bahn randaliert hat“, sagt einer der Beamten. Dieser Satz reicht, um die 70 Zuhörer zu potentiellen Verdächtigen zu machen. Jeder Gast muss sich für eine digitale Kartei ablichten lassen und seine Personalien angeben.

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Foto: Patrick Ohligschläger Am Montag stellt sich heraus: Weil die Berliner Polizei in den letzten Wochen „Randalepartys“ an den S-Bahnhöfen der Hauptstadt registriert hatte, fühlten sich die Münchner Gesetzeshüter vom Auflauf der Punks am Rosenheimer Platz alamiert. Und griffen provisorisch durch. Was ist das für eine Polizeigruppe, die in letzter Zeit gehäuft in der Münchener Punkszene aktiv wird und die vor allem mit der Fußballweltmeisterschaft ihre Bewährungsprobe kommen sieht? „Bizeps der Staatsgewalt“ Das USK ist in Bayern die Hand am Arm des Gesetzes. Jörg Schneider ist einer der Beamten dieser Truppe, die nach dem sehr rigiden Motto handelt: „München lässt nichts anbrennen.“ Zweimal wiederholt Jörg, 31, dieses Leitmotiv in einem Gespräch an einem Vormittag im Café. Er sagt das in einem Tonfall zwischen Beruhigung und Entschlossenheit. Einmal fällt der Satz in Zusammenhang mit der Punkszene. Das andere Mal in Bezug auf die WM, die den „Bizeps der bayerischen Staatsgewalt“, wie das USK auch genannt wird, angeblich auf die Probe stellen wird. Das USK wurde 1987 in München von Peter Gauweiler ins Leben gerufen. München sollte für kritische Situationen aller Art gewappnet sein, das Unterstützungskommando repräsentiert harte Polizeigangart und greift ein, wo es angeblich am meisten weh tut: Bei Nazi-Aufmärschen und ihren Gegendemonstranten, bei Hooligan-Aufläufen und gegen organisierte Verbrecher. „Wir sind die letzte Instanz. Hinter uns“, sagt Jörg, „steht niemand mehr.“ Es hört sich martialisch an. Jörg gehört dem ersten Münchner USK-Zug an, der bei der Weltmeisterschaft das Stadion in Fröttmaning im Blick behalten soll. „In den Gängen vor und in der Arena ist es fast unmöglich, eine Begegnung zwischen den Fans zu verhindern“, sagt Jörg. Das Sicherheitskonzept des neuen Stadions mit seinen vielen niedrigen Brüstungen findet er katastrophal: „Das wird eine Riesenherausforderung, da mitten drin zu stehen.“ Jörg ist 1,80 Meter groß, läuft die 3 000 Meter an guten Tagen in zehn Minuten und stemmt beim Bankdrücken 120 Kilo. Er kann Jiu-Jiutsu, er boxt, er ringt. Sein Schlagstock ist härter als der eines normalen Polizisten. Sein Blick weicht im Gespräch nicht vom Gegenüber. Das ist also die letzte Instanz. Manchmal zieht Jörg die Augenbrauen zusammen wie Jim Carrey. Zum Beispiel bei der Frage, ob seine Freundin Angst um ihn hat, wenn er mit Schild, Helm und Einsatzanzug ausrückt. „Ich sprech’ mit ihr da recht wenig drüber.“ Sie denkt sich ihren Teil, wenn er nach Schichtende heimkommt und stundenlang wachliegt, um das Erlebte zu verarbeiten. Das war neulich so, als Jörg vom Einsatz in Bad Reichenhall nach Hause kam. Die USK wird auch bei Katastrophen angefordert. „Wir sind um 16.40 Uhr benachrichtigt worden, dass dort die Eishalle eingestürzt ist.“ Jörg schaufelte Schnee vom Hallendach, bis es hell wurde. Plötzlich stand er auf einer Kinderleiche. Die USK-Beamten verstehen sich darauf, Emotionen abzustellen. Angst abstellen, Skrupel abstellen. Vor allem, wenn es um den Einsatz von Gewalt geht. Sie sollen agieren und nicht abwägen. Jörg erzählt ein Beispiel. Vor ein paar Monaten gab es an einer Ampel in der Stadt einen Disput zwischen zwei Autofahrern. Lapidar, alltäglich. Plötzlich aber steigt der eine Fahrer aus, reisst den anderen aus dem Auto, schlägt ihn nieder, raubt ihm dem Geldbeutel, hält ihm ein Messer an die Kehle und sagt: „Ich stech’ dich ab, wenn du mich verfolgst.“ Die alamierten Streifenpolizisten kennen den Messermann. Es handelt sich um einen ehemaligen russischen Ringermeister, er ist gut zwei Meter groß. Der Streifenpolizist sagt: „Zu dem gehen wir nicht in die Wohnung. Der macht uns fertig.“ Zittern, trockener Mund Kurze Zeit später trägt Jörg mit seinen Kollegen eine 35 Kilo schwere Eisenramme in den vierten Stock des Münchner Mietshauses, in dem der russische Ringer wohnt. Jörg erinnert sich. „Wir hauen die Tür auf und rumpeln da rein. Dann stehe ich im Flur und sehe nur noch diesen Riesen. Die kräftigen Hände. Die könnten dich umbringen, einfach so. Da zittern dir die Knie und dein Mund wird trocken.“ Auf der Videoaufnahme, die USKBeamte bei solchen Einsätzen machen, sieht Jörg später, wie er zwei Schritte zurück geht. „Bumm – da wirst Du ein ganz normaler Mensch.“ Dann funktioniert der Emotions-Not-Aus in Jörgs Kopf. Ein Hebel wird auf die andere Seite gelegt und der Mensch Jörg funktioniert mechanisch, spult Bewegungen ab, die er trainiert hat. Der Rest klingt einfach. „Wir sind dann auf ihn drauf und haben ihn überwältigt.“ Im Alter von 27 Jahren besteht Jörg die Aufnahmeprüfung fürs USK. Klimmzüge, Linienlauf, in 45 Sekunden beidbeinig 55 Mal über eine Bank springen und so weiter. In einer Fragerunde werden die Kandidaten von der USKDirektion und einem Psychologen auseinander genommen und auf ihre psychische Belastbarkeit geprüft. „Das ist glaube ich der Punkt, an dem es die jüngeren Bewerber raushaut. Die sind vom Kopf her noch nicht so weit“, vermutet Jörg im Rückblick. Auf die fünf freien Posten bewarben sich 80 Beamte. Nach dem Abitur in Würzburg wollte Jörg zunächst Jura studieren, gab den Gedanken dann aber auf. „Ich bin kein Typ für den Schreibtisch. Ich wollte tatsächlich der sein, der ganz vorn steht und für die Einhaltung der Gesetze sorgt. Ohne Willkür. Aber wenn es der Worte genug sind, bin ich auch Manns genug, um für die Einhaltung zu sorgen.“ Das klingt drastisch. Das klingt nach dem Image der Rambotruppe, das der USK in der Öffentlichkeit anklebt. Einen Moment lang kann einen diese Unbedingtheit irritieren, die Jörg ausstrahlt. Das Verständnis erwacht nur wieder, wenn man sich vorstellt, dass es – vielleicht – nicht anders geht. Dass USK-Leute den Rambo-Aufkleber ertragen müssen. Dafür sind sie ausgebildet. „Verlogener Vorwand“ Nachdenklich wird man, wenn Jörg die Frage beantwortet, ob er schon mal am Sinn eines Einsatzes gezweifelt hat. „Du stehst zwei Stunden massiv unter Druck, hast eigentlich die Möglichkeit, ranzugehen und dann wirst du zurückgepfiffen. Das tut manchmal schon weh.“ Aktionsstau sozusagen. Vielleicht auch Aggressionsstau. Die so genannte „Münchner Linie“ zielt darauf ab, Konflikte kommunikativ zu lösen. Eine Verhaltensanleitung dazu wurde in den 60er Jahren vom damaligen Münchner Polizeipräsidenten Manfred Schreiber ausgegeben. Sie rechtfertigt einerseits das Einschreiten gegen Störer auf Demontrationen, ruft die Polizei aber andererseits dazu auf, zu deeskalieren und zu schlichten. Die Punks in München hatten in jüngerer Vergangenheit sehr regelmäßig Besuch von USK-Männern. Manche sehen sich schon eher als Trainingsobjekt der USK im Hinblick auf die WM denn als Dorn im Auge der Stadtoberen. „Sie kommen zahlreich, unter einem verlogenen Vorwand und gehen unverhältnismäßig brutal vor“, sagt Olli Nauerz. Ein von ihm organisiertes, friedliches Punkkonzert in der Kneipe Koschina’s an der Schleißheimerstraße wurde am 30. September vergangenen Jahres ohne Vorwarnung gestürmt. Der Grund: Ein Mann mit Irokesenschnitt und Unterlippenpiercing habe angeblich ein sechsjähriges Mädchen überfallen und ausgeraubt. Mio, 21, Gitarrist der Münchner Band Kein Signal, machte mit der Sondereinheit ebenfalls seine Erfahrungen. In einer Silvesternacht ließ ein USKBeamter einen Rottweiler auf ihn los. Bei jenem Einsatz wurde er außerdem mehrfach ins Gesicht geschlagen, begleitet von Kommentaren wie „Du bist doch bloß ein Punk. Dir glaubt eh’ keiner.“ Mio klagte und bekam vom Freistaat nun ein Angebot, das für Mio einem Stillhalteabkommen zu Gunsten der USK gleicht. Er hörte den Satz: „Wenn Sie die Klage zurückziehen, bekommen Sie einen Teil des geforderten Schmerzensgeldes ausgezahlt.“ Jörg war bei diesem Einsatz nicht dabei. Er findet das Vorgehen verwerflich. Er wird still und schaut ausnahmsweise für einen Moment in seinen Kaffee. „Wenn sich einer von uns nicht im Griff hat, muss er sich dafür am Ende rechtfertigen. Allein.“

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