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Der Sprung, der die Zeit still stehen lässt

Egal, ob auf dem Snowboard oder im Freibad - wer einen Backflip springen kann, demonstriert immer lässige Lufthoheit. Doch warum fasziniert uns dieser Rückwärtssalto so? Eine Spurensuche in der Geschichte des Actionsports
jens-steffenhagen

Gerade noch war Josh Sheehan mit einem Wollschaf auf seinem FMX-Bike durch die Hamburger O2-Arena gerast. Stehend, eine Hand am Lenker. Sheehan tat dabei so, als würde er das Kuscheltier penetrieren – ganz der westaustralische „Schafshirte“, als der er den zehntausend Besuchern des „Nitro Circus“ vom Einheizer vorgestellt wurde. Doch zotiger Redneck-Humor hat in der Hansestadt einen schweren Stand. 

  Nun blickt der 26-Jährige von einer riesigen Rampe in die Halle. Vor ihm liegt ungefähr 50 Meter entfernt das Ziel. Sheehan weiß, dass ihm das Publikum in wenigen Sekunden aus der Hand fressen wird. „Hamburg: Wollt ihr den Backflip sehen?“, grölt der Mann am Mikrofon. Wie auf Kommando springen die Zuschauer auf. „Backflip, Backflip, Backflip“, skandiert die Menge. Der Motocross-Fahrer hebt die Hand. Ruhe. Ein Nicken, dann gibt er Gas. Mit vollem Speed lässt sich Sheeham aus dem Kicker schleudern und hebt ab. Wie in Zeitlupe drehen sich Mensch und Maschine rückwärts. Für eine endlose Sekunde ist es völlig still. Auf dem Höhepunkt der Rotation, mit dem Kopf nach unten hängend, lässt der Stuntman den Motor aufheulen. Das zeigt Wirkung: Es scheint, als ob die Menge nur auf dieses Lebenszeichen von dem da oben gewartet hätte, denn nun brechen alle Dämme: Unter dem Jubelgeschrei der Zuschauer gleitet der Fahrer durch die Drehung und landet butterweich im steilen Auslauf.
 

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  Weitere Athleten folgen ihm dicht auf den Fersen, sie alle machen den gleichen Sprung, diesmal auf Skateboards, BMX-Bikes, Rollern, Bobby Cars und sogar mit einem Rollstuhl. Die Halle bebt. Das erste Highlight des „Nitro Circus“, mit dem die Freestyle-Motocross-Legende Travis Pastrana durch Europa tourt, ist erreicht. Entspannung macht sich breit auf den Rängen. Backflip? Check. 

  Dass schon in der Stunde zuvor die verrücktesten Stunts gezeigt worden waren, ließ die Besucher kalt: Supermans, Can Cans, 360er – alles schön und gut. Doch nur der gegen die Flugrichtung gedrehte Salto, beim Turmspringen als „Auerbachsalto“, auf englisch „Gainer", bezeichnet, verzauberte die Massen. Und das, obwohl der Sprung gar nicht mehr zu den schwierigsten Tricks gehört. Was ist so faszinierend an diesem Manöver?

  Sebastian „Busty“ Wolter, der als erster Deutscher 2004 einen Backflip mit dem Motocross-Bike gestanden hat, meint: „Man kann fast alle Sprünge in der Luft abbrechen und für eine halbwegs kontrollierte Landung sorgen, doch der Backflip ist ein ’Do or die’-Trick. Der geht nur ganz oder gar nicht. Und das spürt der Zuschauer.“ Das gilt auch für das Wasserspringen im Freibad. Wer hier Anlauf nimmt und sich mit einem Auerbacher vom Turm stürzt, sollte besser nicht überdrehen. Doch egal, wie schmerzhaft die Landung wird – kein anderer Splash Jump kommt so lässig rüber.

  Fragt man Travis Pastrana, den Mann, der mit seinem patentierten Double Backflip auf dem Motorrad fünf X-Games-Titel geholt hat, nach dem Grund dafür, so ist der sich sicher: „Ein Backflip wirkt auf die Zuschauer mutiger als alle anderen Manöver.“ In Pastranas Welt hatte der erste erfolgreiche Backflip, gesprungen von Pink-Ehemann Carey Hart bei den X-Games 2000, monumentale Auswirkungen: „Der Satz hat alles verändert. Erst seit Careys Sprung unterscheidet man Freestyle-Motocross und Motocross-Racing, denn so etwas Artistisches würde niemand in einem Rennen machen.“ 

  Abgeguckt hatte Hart sich den Trick bei den BMX-Fahrern, die ihn schon seit den 1980er Jahren im Repertoire hatten. „Ein BMX-Rad wiegt zehn Kilo, ein FMX-Bike dagegen über hundert. Dieses Gewicht herumzuschleudern, erscheint am Anfang furchteinflößend“, erklärt Pastrana. Doch kaum war das Eis gebrochen, ging es schnell: Mike Metzger sprang 2002 den ersten Flip über eine Rampe, Travis Pastrana führte 2006 den Doppelten ein. Seit dem gehört ein Backflip zum Standardprogramm in der FMX-Szene. „Der Trick ist eigentlich nicht schwer“, so Pastrana. „Man bekommt schnell ein Gefühl dafür.“

  Auch im Snowboarden gilt der Backflip unter Normalsterblichen als beeindruckender Sprung – Wettbewerbe lassen sich mit ihm allerdings nicht gewinnen. Vielmehr ist die Rotation technisch gesehen so einfach, dass sich noch nicht einmal sagen lässt, welcher Profi ihn als erster gestanden hat. „Einen Backflip kann fast jeder schaffen, solange er sich nur traut“, meint Jared Johnson in seinem Lehrvideo.

 Dem würde Flynn Novak wahrscheinlich entschieden widersprechen. Der Hawaiianer war der Erste, dem ein Backflip mit dem Surfboard gelang. „Es hat acht Jahre gedauert, bis ich ihn schließlich konnte. Man hat dabei mit so vielen Variablen zu tun: Die Welle muss einen Absprung bieten, der Wind muss unter das Board greifen und die Landung ist jedes Mal ungewiss“, erklärt Novak. Der muss sich seinen Ruhm zukünftig allerdings mit dem brasilianischen Wunderkind Gabriel Medina teilen. Innerhalb von ein paar Tagen gingen in der letzten Woche gleich zwei Clips des 18-Jährigen um die Welt, die ihn perfekte Backflips springend zeigten.

 Auf dem Skateboard war es Rob „Sluggo“ Boyce, der 1998 mit dem ersten Rückwärtssalto auf dem Cover eines Skate Mags erschien. Noch heute gibt es nur eine Handvoll Profis, die Boyce nacheifern.

  Doch was genau ist es, das den Backflip zum Inbegriff des Actionsports macht? Ex-Profi Busty Wolter meint: „Man lernt eigentlich bei allen Sprüngen, nicht in die Rücklage zu kommen, denn dann verliert man die Kontrolle. Beim Backflip aber will man genau das: die Kontrolle verlieren und es einfach geschehen lassen.“ „Der Trick ist so spektakulär, weil man die Landung nicht sehen kann“, ergänzt Travis Pastrana. „Man liefert sich der Rotation völlig aus und lässt die Schwerkraft ihr Ding machen. Darin liegt etwas Natürliches. Ganz egal mit welchem Vehikel du über eine Rampe springst – du musst einfach hundertprozentig motiviert sein, die Bewegung bis zum Ende durchzuziehen, das ist alles. Ich denke, das Gottvertrauen, das daraus spricht, wirkt verdammt cool.“

  In der Tat. Dazu kommt, dass man seinen Körper gegen die Flugrichtung dreht. Zwei Bewegungen, die sich aufzuheben scheinen. Dadurch wirken die Sekunden, die man in der Luft verbringt, extrem lang. Er setzt dem hektischen Actionsport-Mantra „Spin to Win“ etwas entgegen. Der Backflip entschleunigt den Moment und entzieht sich damit kurz dem Lauf der Welt.

Text: jens-steffenhagen - Foto: ((bananarama))/photocase.com

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